Heinsberg: Rückblick: Die Bombardierung Heinsbergs am 16. November 1944

Heinsberg : Rückblick: Die Bombardierung Heinsbergs am 16. November 1944

Wenn am Sonntag um 15.30 Uhr die Glocken von Sankt Gangolf und erstmals auch der Christuskirche läuten, dann gedenken die beiden christlichen Kirchen der „Sterbestunde” des alten Heinsberg, das vor 64 Jahren, am 16. November 1944, im Bombenhagel englischer Flugzeuge unterging.

„Das Läuten der Totenglocke soll die furchtbare Bombardierung der Stadt Heinsberg in Erinnerung rufen und zum Gedenken an die Toten aufrufen”, sagt hierzu Propst Günter Meis. „Gleichzeitig soll das Glockengeläut alle Bürgerinnen und Bürger der Stadt Heinsberg daran erinnern, aus der unseligen Vergangenheit zu lernen und alles Menschenmögliche zu tun, damit Friede unter den Menschen sein kann.”

Dass damals in Heinsberg „nur” 54 Menschen im Bombenhagel zu Tode kamen, lag daran, dass die Stadt von den Nazis angesichts der näher rückenden Front von der Zivilbevölkerung evakuiert war. Die meisten der Opfer waren an diesem sonnigen Herbsttag noch einmal in ihre Heimatstadt zurückgekehrt, um noch einiges von ihrer Habe zu bergen.

Gegen 15.30 Uhr wurde die Stille dieses Tages - es waren ausnahmsweise keine amerikanischen Tiefflieger in der Luft - durch den jähen Abschussknall einer bei Vinn stehenden schweren Flakbatterie gestört. Ein einzeln fliegendes Flugzeug, der seinem Verband in zweitausend Meter Höhe voraus fliegende „Masterbomber”, erhielt einen Volltreffer, wenige Augenblicke, nachdem sich aus ihm ein grünes Lichtsignal als Zeichen zum Angriff gelöst hatte. „Dann kamen die Bomber in vollkommen ungeordneter Formation, über- und untereinander”, wie der Augenzeuge Gerhard Jütten aus Vinn berichtete. „Gleich darauf begann der Boden unter meinen Füßen zu beben. Über Heinsberg schossen Spreng- und Feuersäulen in den Himmel. Die Dachdeckung der Gangolfuskirche wurde in die Höhe gehoben und wirbelte durch die Luft”.

Auf einem Kartoffelacker in der Nähe von Heinsberg war Liesel Tanz aus Unterbruch mit anderen Frauen dabei, die letzten Kartoffeln zu ernten, als Wrackteile des abstürzenden Bombers durch die Luft segelten. „Dann brach die Hölle über uns herein”, erzählt sie. „Die Gewalt der Detonationen nahm uns den Atem, machte uns taub. Die Luft über uns war voll von jaulenden und sirrenden Bombensplittern, von Dreck, zentnerschweren Erdklumpen und Rasenstücken. Und der Westwind trieb von Heinsberg her schwarzen, undurchsichtigen Rauch, verbranntes Stroh und verkohlte Papierfetzen herüber. Ich hatte das Gefühl, zu ersticken.”

Der Fronturlauber Josef Sieben aus Eschweiler befand sich beim Anflug der Bomber in der Patersgasse: „An der Ecke Patersgasse warf ich mich neben meinem Fahrrad zu Boden. Ein unheimliches Rauschen und Dröhnen lag nun in der Luft. Die Erde bebte unter den ersten Einschlägen. Nur raus aus der Innenstadt, war mein einziger Gedanke, und instinktiv lief ich in Richtung Apfelstraße. Es wurde ein Wettlauf mit dem Tod. In Höhe der Paterskirche warf mich der Luftdruck zu Boden. Der Bürgersteig wankte und sein Belag hob sich einen halben Meter in die Luft. Vor mir war nur noch eine Wand aus Feuer, Rauch, Staub und durch die Luft wirbelnden Balken und Ziegelsteine. Die in der Nähe liegende Korbflechtschule wurde von Bomben voll getroffen. Ganze Dachstühle wurden in die Luft gehoben, wo sie scheinbar einen Augenblick stehen blieben, bevor sie auseinander platzten.”

Der Klosterhofbesitzer Martin Frey war bei der Feldarbeit, als die Bomber kamen. Er sah, wie das Dach des Hauptgebäudes, von einer Luftmine getroffen, in die Höhe gehoben wurde und dann wie ein Kartenhaus zusammenstürzte. Sogar der schwere Lanz-Bulldog flog durch die Luft. In den Keller des Hauses Schuwerack hatten sich neben der Witwe Schuwerack deren Tochter Hildegard und ihre Schwester Hedwig Külzer geflüchtet, dazu zwei Handwerker und von der gegenüber liegenden Straßenseite der Polizei-Oberwachtmeister Franz Teege mit Frau.

Eine der ersten Bomben, die über Heinsberg abgeworfen wurden, fiel in den Hof des Hauses Schuwerack und drückte die Kellerwand ein. Fast gleichzeitig wurde das Haus von einer Luftmine voll getroffen. Augenzeugen berichteten, das Haus sei „wie weggeflogen” und der halbe Keller eingestürzt. Danach erhielt der Keller noch weitere Volltreffer. Das Ehepaar Teege, Frau Külzer und Maria Schuwerack waren durch Lungenriss sofort tot. Als man sie fand, hielt Maria Schuwerack ihr totes Töchterchen fest umschlungen. Den beiden Handwerkern rettete ein massiver Eichenstuhl, unter den sie sich verkrochen hatten, das Leben. Das Haus Schuwerack war nach dem Angriff nicht mehr da - und davor gähnte ein riesiger Bombenkrater.

Dies sind nur einige der vielen Einzelschicksale des verheerenden Bombenangriffs, der zwei Drittel der Stadt in eine Trümmerwüste verwandelte. Als die Engländer Heinsberg am 23. Januar 1945 eroberten, kamen sie in eine tote Stadt. „Eine Art schmerzlicher Verlassenheit schien über dem Ort zu liegen”, schrieb ein englischer Kriegsberichterstatter. Der stolze „Selfkantdom” lag zerschunden und zerschlagen inmitten eines Infernos grauenhafter Zerstörung, die evangelische Kirche war nur noch ein Trümmerhaufen und die Paterskirche eine abbruchreife Ruine.