Heinsberg: Renommierte Journalistin beleuchtet Gerangel um Macht und Mikrofone

Heinsberg : Renommierte Journalistin beleuchtet Gerangel um Macht und Mikrofone

„Full House” in der Buchhandlung. Zu abendlicher Stunde hatte Reiner Gollenstede zur Autorenlesung eingeladen. Die geborene Bonnerin - oder, wie sie selbst sagt: „gelernte Rheinländerin”, Tissy Bruns, freute sich, wieder einmal Berlin verlassen zu können, um in Heinsberg ihre Buchvorstellungen 2008 zu beginnen.

Die leitende Redakteurin des Berliner Tagesspiegel war bis vor vier Jahren Leiterin der Bundespressekonferenz und zählt wohl zu den angesehensten politischen Journalisten unseres Landes.

Im Mittelpunkt steht die Bundeshauptstadt - ohnehin ständig in aller Munde und allen Medien, auch außerhalb politischer Themen und nicht zuletzt durch ihre Polit- und Society-Exoten wie Klaus Wowereit oder Nina Hagen, die man längst in einem Atemzug nennen kann, ohne einem von Beiden auf den Schlips zu treten. Aber im „kulturellen Wohnzimmer” der Kreisstadt sollte es an diesem Abend vor allem um den Umgang der Journalisten mit der Politik gehen und umgekehrt.

Tissy Bruns begann mit einem Überblick aus ihrem persönlichen Umfeld in Berlin-Mitte und mit einem Rückblick auf die große Umstellung, die durch den Umzug der politischen Kaste von Bonn nach Berlin (1999/2000) eingeläutet worden war. Man muss nicht dabei gewesen sein, um dies nachvollziehen zu können.

Bonn, das Dorf am Rhein; Berlin, die alte neue Hauptstadt der sich entwickelnden Medienrepublik.

Plötzlich gelten neue Regeln, ein völlig neues Miteinander und damit verbunden: ein hektischer Tanz ums „goldene Kalb” mit bislang unbekannten Regeln. Interessant und mit spitzer Feder beschreibt die Journalistin das Gerangel um Macht und Mikrofone. Die Konstellation Politiker - Journalisten bietet ein schier unerschöpfliches Arsenal an Themen und Interpretationen. Vom Lächeln bis zum Kopfschütteln ist hier alles erlaubt, ja vorprogrammiert.

Aber Tissy Bruns geht auch mit sich und ihresgleichen ins Gericht, zeigt die neuen Formen der Medienarbeit kritisch auf und beleuchtet den Hang und Drang zum Internet-Journalismus, also den immer häufigeren „Klick„ in die Online-Ausgabe der Zeitungen. Ihr ganz persönliches Resumee ist eher mahnend und kritisch, wenn es um diesen Online-Avantgardismus geht. Denn, so die Autorin: „Die unbefangene Handhabung der neuen Möglichkeiten ist keineswegs identisch mit ihrer Beherrschung. Das Niveau vieler nicht- oder halbprofessioneller Blogs oder anderer Formen des sogenannten Bürgerjournalismus ist ausgesprochen dürftig.”

Nicht so das Niveau der Veranstaltung in Heinsberg: Fasziniert von einer eloquenten Autorin und munter in der anschließenden Diskussions- und Fragen-Runde ging es bis nach 23 Uhr weiter. Ein anregender Abend zu einem anregenden Buch: „Republik der Wichtigtuer” von Tissy Bruns, erschienen im Herder Verlag, Freiburg.