Hückelhoven-Ratheim: Realschule Ratheim: Studenten unterrichten Mangelfächer

Hückelhoven-Ratheim : Realschule Ratheim: Studenten unterrichten Mangelfächer

Die Realschule Ratheim an einem Vormittag. 17 Schülerinnen und Schüler erheben sich von ihren Stühlen, um ihren Chemielehrer zu begrüßen.

„Trennverfahren” ist das Thema in dieser fünften Unterrichtsstunde der Jahrgangsstufe sieben. Lehrer Christoph Rutkowski bittet eine Schülerin nach vorne und mischt mit ihr gemeinsam Zucker und Salz in Wasser und Brennspiritus. Jetzt sollen die Kinder eine Lösung finden, das Gemisch wieder zu trennen.

Christoph Rutkowski blickt zunächst in ratlose Gesichter. Doch schnell kommen die ersten Lösungsvorschläge: „Erhitzen!”, meldet sich ein Junge zu Wort. „Dann verdampft das Wasser und Salz bleibt übrig.” Christoph Rutkowski nickt zufrieden: „Gute Antwort. Du bist auf dem richtigen Weg.”

Seit April unterrichtet er an der Realschule Ratheim das Mangelfach Chemie. Das ist zunächst nichts Ungewöhnliches. Allerdings: Rutkowski ist noch Student, 24 Jahre alt und kurz vor dem Staatsexamen. Er unterrichtet stundenweise an der Realschule Ratheim, mit einem befristeten Vertrag. Und er ist nicht der einzige studentische Lehrer hier. Sechs sind es insgesamt. Sie unterrichten außer Chemie auch Deutsch, Sport, Physik und Erdkunde sowie Religion.

Die Realschule Ratheim beschreitet damit einen wenig bekannten Weg, dem Unterrichtsausfall entgegen zu wirken. Übrigens mit ausdrücklicher Genehmigung des NRW-Schulministeriums. Das hat nicht nur die rechtlichen Voraussetzungen geschaffen, damit Schulen Studenten als Lehrkräfte beschäftigen können.

Das Ministerium bietet auch mit „Verena” (Vertretungseinstellung nach Angebot) eine entsprechende Internet-Plattform. Hier können Schulen ihr Angebot einstellen, Bewerber erhalten einen Überblick über die offenen Stellen. 350 sind es laut Ministerium zurzeit. „Wir bieten damit Schulen die Möglichkeit, schnell und unbürokratisch fähige Fachkräfte zu finden, die bei Ausfällen wegen Mutterschutz oder Krankheit einspringen”, so ein Sprecher des Ministeriums.

Wie viele Schulen aktuell die Möglichkeit nutzen, wie in der Realschule Ratheim Studenten zu beschäftigen, kann in Düsseldorf niemand sagen. „Die Schulleitungen stellen die Vertretungen eigenverantwortlich ein. Deshalb gibt es keine Statistik.”

Die Rektorin der Realschule Ratheim, Angelika Lafos, sieht die studentischen Lehrer als Bereicherung für Schüler und das Lehrerkollegium. „Auf der Suche nach Vertretungen hatten wir kein Glück. Es gab kaum arbeitslose Lehrer. Und die meisten suchen feste Anstellungen und geben sich nicht mit Zeitverträgen zufrieden.”

Auf Christoph Rutkowski, der in Aachen Chemie und katholische Religion studiert hat, wurde Angelika Lafos durch einen Zufall aufmerksam. Denn der 24-Jährige hatte in der Schule Nachhilfeunterricht angeboten. Die Rektorin sprach den jungen Mann an und setzte ihn zunächst bei Förderkursen ein, um sein pädagogisches und fachliches Geschick zu testen. Sie war zufrieden, und Christoph Rutkowski erhielt einen Zeitvertrag.

„Als ich den Anruf von Frau Lafos erhielt, hatte ich noch nie etwas von dem Vertretungsprogramm für Studenten gehört”, sagt der 24-Jährige. Die Chance, noch vor dem Staatsexamen als Lehrer in einer Klasse zu unterrichten, ließ er sich nicht entgehen. „Und ich weiß jetzt, dass ich meinen Traumberuf gefunden habe”, sagt er. Die Schüler hätten ihn sofort akzeptiert, und auch das Kollegium unterstütze ihn in allen Fragen.

Die Schulleitung begleitet die Studenten, hilft bei allen Fragen und ist in ständigem Austausch mit den Nachwuchs-Lehrern. Zu denen gehört auch Michael Matzerath, ebenfalls 24 Jahre alt. An der Realschule Ratheim unterrichtet er Sport und Deutsch, außerdem studiert er katholische Religion. „Wir arbeiten wie richtige Lehrer, geben Noten, bereiten den Unterricht vor. Und ich merke zum ersten Mal, dass ich selbst kein Schüler mehr bin, sondern jetzt auf der anderen Seite stehe. Das ist eine Riesenchance für mich.”

Sowohl Christoph Rutkowski als auch Michael Matzerath betonen, dass Unterrichtspraxis ganz anders ist als die Theorie an der Uni. „Aber so bekommt man schnell Routine, und wenn wir irgendwann als Referendare arbeiten, haben wir schon einen großen Wissensvorsprung”, sagen die Studenten.

Und was sagen die Eltern? Schulpflegschaftsvorsitzender Volker Uhlig hat selbst zwei Kinder auf der Realschule Ratheim, und beide werden von Studenten unterrichtet. „Als Eltern begrüßen wir die Maßnahme und sind froh darüber, dass nun viel weniger Unterricht ausfällt. Von den Kindern hört man im Übrigen nur Positives über die jungen Leute.”