Hückelhoven: Realschüler stellen sich der Kanzlerfrage

Hückelhoven : Realschüler stellen sich der Kanzlerfrage

Mit rauchendem Kopf sitzt die 16-jährige Yesil Sevcan aus Hückelhoven vor dem Computer.

Soll ich oder soll ich nicht, scheint sie zu denken, während sie nervös einen Bleistift zwischen ihren Fingern tanzen lässt.

An beiden Seiten ist ihr Arbeitsplatz mit großen weißen Stellwänden vom Rest des Raumes abgeteilt. Dahinter warten etwa 20 Gleichaltrige darauf, dass Yesil eine Entscheidung trifft. Es ist Wahltag an der Realschule in Ratheim. Und die Schülerinnen und Schüler der Klassen 9 und 10 sind die Wähler.

„Juniorwahl 2002” - Eine Initiative der Bundeszentrale für politische Bildung und des Ministeriums für Schule, Wissenschaft und Forschung, in der Schüler in einer simulierten Abstimmung ihre Meinung sagen können.

Worauf die volljährigen Deutschen noch bis zum Sonntag warten müssen, ist für die Ratheimer Realschüler schon Gegenwart. Ihre Schule ist eine von bundesweit 300 Bildungsstätten, die für das Projekt ausgewählt wurden.

Etwa 70 000 Schüler treffen in dieser Woche eine Entscheidung zwischen Schröder und Stoiber.

Das Ergebnis gibt es - wie bei der tatsächlichen Bundestagswahl - erst am kommenden Sonntag um 18 Uhr. „Wir wollen unsere Schüler fit machen für die Zukunft”, erklärt Konrektorin Reinhild Behr-Bennemann. „Wir üben demokratische Prozesse ein, vermitteln, was es heißt, eine politische Entscheidung zu treffen. Kurz: Wir wecken Interesse.”

Schon im Foyer der Schule weisen Leinwände auf das Geschehen an der Schule hin. Auf selbst gestalteten Plakaten werben die Schüler für die Parteien, aber kritisieren auch, was ihnen am tatsächlichen Wahlkampf nicht gefällt.

Ein Plakat zeigt Gerhard Schröder, dem ein paar Blutstropfen aus dem Mundwinkel laufen. Neben ihm steht Edmund Stoiber, ähnlich ramponiert mit einem ausgeschlagenen Zahn. Über beiden prangt der Wahlspruch „Gemeinsam für Deutschland”.

„Man hört die Argumente der Kandidaten, und weiß überhaupt nicht, wem man glauben soll”, meint Magdalena Misiura aus Millich. Die 15-Jährige wurde von ihren Mitschülern zur Wahlleiterin bestimmt.

Sie überwacht, ob alle ihre Wahlbenachrichtigungen dabei haben und gleicht die Namen mit den Personalausweisen ab. „Hier läuft alles wie bei der richtigen Wahl ab”, stellt sie klar. „Und wer seine Papiere vergessen hat, darf leider nicht mitmachen.”

Einer, der all seine Unterlagen dabei hat, ist Damien Ingler aus Ratheim. Der 15-Jährige zeigt Wahlschein und Ausweis vor und bekommt einen Zettel mit einer Geheimnummer.

Diese ist die Zahlenkombination, die er kurz darauf in den Rechner eintippt, um seine fiktive Erst- und Zweitstimme abgeben zu können. „Ich würde gerne auch schon bei den richtigen Wahlen dabei sein”, sagt Damien. „Die Altersgrenze dürfte ruhig ein wenig niedriger sein. Wir sind mindestens genauso gut informiert wie die Erwachsenen.”

Zumindest auf die nächsten Wahlen im Jahre 2006 sind die Realschüler nun besser vorbereitet, als die realen Wähler von 2002. Denn die geplante Stimmabgabe per Internet wird für die Juniorwähler dann längst ein alter Hut sein.