Heinsberg-Oberbruch: Rasse, Klasse, Schmiss und Biss

Heinsberg-Oberbruch : Rasse, Klasse, Schmiss und Biss

Zum 9. internationalen Neujahrskonzert gab es nur eine Feststellung: toll.

Toll nicht nur wegen der Leistungen, sondern auch wegen des Idealismus. Auch wenn die asiatische Megakatastrophe das Geschehen überschattete, dem Konzert fehlte es nicht am nötigen Schuss Champagner. In Grußworten und mit Spendenaufrufen wandten sich die Vorsitzenden der Vereine sowie des Indienhilfswerkes an die Zuhörer, und der gesamte Reinerlös floss den Hilfsmaßnahmen zu.

Der Wohltätigkeitscharakter schien die Musiker zu beflügeln. Was sie boten, war „reine Sahne”. Früher hieß es: In Böhmen spielt die Musik, heute gilt die Feststellung: Holland ist die Heimat der Blasmusik. Aber auch unsere Region ist nicht zu verachten. Wer für die Thorner „Bokken” und „Geiten” schwärmt, der wird auch die Concordia Melick aufs höchste Podest stellen. „Harmonie” steht hier für hochveredeltes Holz. Der Verein wächst nicht, er explodiert. Oboe, Fagott sind mehrfach besetzt, dazu eine Harfe.

Die Festhalle war viel zu klein für diesen Riesenklangkörper, der im Musizieren die Leichtigkeit und Agilität eines Ensembles aufwies. Er alternierte nach Kammerbesetzung und Bigform, blieb aber stets von einer sagenhaften Feinheit. Harry Wolters steuerte seine Crew mit äußerster Präzision und Dynamik. Wer die Melicker hörte, konnte vieles vergessen, auch in puncto Potpourri. Elvis in concert gehörte zum Delikatesten, was sich denken lässt.

Gekrönt wurde die Visite wieder mit einem unübertrefflichen Highlight, einer Carmen-Fantasie von Francois Borne für Querflöte und abgespecktem Orchester. Die Solistin war die 24-jährige Simone v.d. Velde, die bereits an die Staatsoper Kassel berufen wurde. Damit entpuppte sich die Concordia erneut als Startrampe für eine musikalische Traumkarriere.

Die Leistungen beider Seiten lassen sich nur mit bravissimo beschreiben. Mit der tempogeladenen Pique Dame ging Melick direkt in die Vollen. Es folgten eine heißblütige slawische Rhapsodie von C. Friedmann, ein berauschender wie behexender Spirit of the Celts von dem einzigartigen R. Hardyman, die antikisierenden Tänze von Ottorino Respigni und schließlich der iberische Pasodoble Al Centenario von Ferrer Feran. Dabei mutierte das Orchester ständig, entfaltete seine ganze registrale oder solistische Klangpracht und schlüpfte in alle möglichen Stil- und Besetzungsrollen.

Das alles war das Ergebnis von nur zwei Monaten Probe. 28 Jahre ist das Durchschnittsalter der musikalischen „Supermen”. 64 junge Leute bereiten sich auf die „Assimilation” vor. Selbst für Wolters ist das alles „Wahnsinn”. In Karken ist man stolz auf diesen Bigbrother.

Mark Partouns ist seinem Stammverein direkt auf den Fersen. Was der Instrumentalverein Karken nach seinem Erfolgsjahr 2004 bot , hatte ebenso Rasse und Klasse, Schmiss und Biss. Machte sich vor dem Wettbewerb vielleicht noch leichtes Fracksausen bemerkbar, spielten die durchschnittlich 28-Jährigen frei und quicklebendig und doch stets konzentriert und genau auf. Dabei grüßten sie Wien. Auch dort gab es dieses Jahr die „flotten Burschen” nach der Studenten-Devise „Gaudeamus igitur”, was auch das Motto des übrigen Geschehens nach geschliffenem Intro war. Das Rondeau (Runde) hatte den Charakter eines fröhlichen Tanzliedes.

„Dances with wolves”, das der mit Informationen wie Komplimenten nicht sparende Ansager Toni Görtz psychologisch auch als Konfrontation von Zivilisation deutete, die in unterschiedliche Rhythmen gekleideten „Autumn leaves”, der Bestseller „Sir duke” von Stevie Wonder sowie das gottgefällige „La garcia de dios” folgten. Und weil es so schön war, flog man schließlich mit dem Fliegermarsch davon.