Heinsberg: Rasante Fahrt mit dem Stuhl übers Eis

Heinsberg : Rasante Fahrt mit dem Stuhl übers Eis

„Es bleibt winterlich kalt”, meldet seit Wochen der Wetterbericht. Der Winter hat uns fest im Griff, und so soll es auch vorerst bleiben.

Und das im Zeichen einer globalen Erderwärmung. Ein Einzelfall? Mitnichten. Strenge und lange Winter hat es schon immer gegeben. Als Beispiel sollen die Tagebucheintragungen eines Kempener Einwohners dienen. Von ihnen sind die Jahre von 1845 bis 1848 besonders interessant.

Im Jahre 1844 heißt es: „Etwa vier Wochen vor Beginn des Jahres 1845 setzte starker Frost ein, der Anfang Januar zwar nachließ, dann jedoch plötzlich wieder, verstärkt mit heftigen Schneefällen, einsetzte. Ende Januar waren die Schneefälle so stark, dass der gesamte Straßenverkehr ruhte und der Postwagen den Betrieb einstellen musste.

Bis Anfang März hielt der Frost unvermindert an. Als man dann glaubte, der Winter sei endgültig vorbei, fing es nach kurzer Frostmilderung wieder an zu frieren. Am 13. März wurde es zwar etwas milder, aber Eis und Schnee blieben bis in den April hinein.”

Wie der Tagebuschschreiber berichtet, wurden am 17. März auf dem Eis auf der Rur beim Ortsteil Brehm Kuchen gebacken und am 23. April auf dem zugefrorenen Dorfteich Ostereier gekocht und gefärbt.

Genau das Gegenteil war ein Jahr später der Fall. Im Dezember 1845 kam es zu einem plötzlichen Hochwasser der Rur. Nach der Schilderung des Tagebuchschreibers erreichte das Rurhochwasser damals einen seit Menschengedenken nicht gekannten Stand. Nach dieser Flut setzte bereits im Januar 1846 der Frühling ein.

Wetterkapriolen gab es schon zu allen Zeiten. Einer der härtesten Winter überhaupt brach 1608 über ganz Europa herein. Ganz Europa, von Norwegen bis Sizilien und Spanien lag unter einer geschlossenen Schneedecke. Am kältesten war es dabei in Italien und Spanien. 1739 begann der Winter mit Frost schon am 24. Oktober und endete erst am 13. Juni des darauf folgenden Jahres. In Berlin wurden damals über 50 Grad Kälte gemessen.

Bei einigen älteren Leuten ist vielleicht noch der strenge Winter 1929 in Erinnerung. Der Februar war so kalt, dass der Rhein auf weiten Strecken zugefroren war. Das war in diesem Jahrhundert nur noch 1947 der Fall.

Strenge Winter machten auch Geschichte. So war die holländische Flotte 1795 vor der Insel Texel eingefroren, so dass sie von französischer Kavallerie, die das Eis überschritt, erobert werden konnte. Ein strenger Winter wurde auch der Armee Napoleons vor Moskau zum Verhängnis, und auch Hitlers Feldzug gegen Russland scheiterte 1941 vor Moskau in einem besonders frühen und strengen Winter.

Strenge Winter hatten noch vor 70 Jahren vor allem für die Jugend ihren besonderen Reiz, als vor dem Bau der großen Rurtalsperre die Rur noch regelmäßig vor Frosteintritt über die Ufer trat und die Rurwiesen kilometerweit überschwemmte.

Die riesigen Eisflächen boten hervorragende Eissportmöglichkeiten für Jung und Alt mit Eisstuhl, Schlitten und Schlittschuhen. Von besonderem Reiz, aber nicht ungefährlich, war die so genannte „Rossmühle”, mundartlich, „Rooßmüehle” genannt.

Hierzu wurde ein Holzpfahl durch die Eisdecke in den Boden geschlagen. Daran wurde ein starkes, etwa fünf Meter langes Seil gebunden und an dessen freies Ende ein Eissstuhl befestigt, auf welchen man mit Vergnügen Platz nahm.

Der von mehreren Spielkameraden durch Voranschieben des Seiles immer schneller im Kreislauf angetriebene Eisstuhl erreichte ungeheuer hohe Geschwindigkeiten. Beim Loslassen schossen der Eisstuhl und seine Besatzung über die Eisfläche, wobei Verletzungen nicht ausgeschlossen waren, wenn das Gefährt umkippte, gegen einen Baum prallte oder im Gestrüpp landete.

Der Eisstuhl war damals das ideale und gebräuchlichste Wintersportgerät, das von Hand mittels zweier „Preele”, kurzen, mit Eisenspitzen versehenen Holzstöcken, fortbewegt wurde. Ein meist unerfüllter Jugendtraum war es, ein paar Schlittschuhe zu besitzen, die mit Klammern an die Schuhsohlen angeschraubt wurden.