Kreis Heinsberg: Radwege oft gefährlicher als die Straße

Kreis Heinsberg : Radwege oft gefährlicher als die Straße

Die Meldungen von verunglückten Senioren, die mit ihrem Fahrrad oder Pedelec unterwegs waren, häufen sich. Im Januar, Mai und Juni 2017 und im April dieses Jahres musste die Polizei gar von tödlichen Unfällen in Wegberg, Selfkant und Geilenkirchen berichten. Grund genug auf den Umgang mit diesen Zweirädern ein besonderes Augenmerk zu legen.

„Mobil im Alter — aber sicher!“ lautet das Motto der Kurse, die Verkehrssicherheitsberater der Polizei in diesem Jahr gleich sieben Mal im Kreisgebiet anbieten, verteilt auf jeweils drei Nachmittage. „Wir wollen so die Kompetenz der älter werdenden aktiven Fahrzeugführer im Straßenverkehr fördern und stärken“, erklärt Josef Neiß, Leiter der Führungsstelle Verkehr, der die Seminare zusammen mit den Verkehrssicherheitsberatern Jürgen Soyka und Jörg Ramöller-Zimmermann entwickelt hat und auch durchführt.

Theorie und Praxis

Nach einem gemeinsamen Blick auf neuerdings veränderte Verkehrsregeln und technische Neuerungen galt auch der zweite Nachmittag des aktuellen Seminars in der Leitstelle der Feuerwehr in Heinsberg ausschließlich der Beschäftigung mit dem Fahrrad und dem Pedelec, sowohl in der Theorie als auch in der Praxis. Wie wichtig das ist, konnte Neiß dort anhand von Zahlen belegen. 229 Rad- oder Pedelec-Fahrer seien im vergangenen Jahr im Kreisgebiet verunglückt, erklärte er. „Und nahezu die Hälfte der Verkehrsunfälle mit Personenschaden, an denen Rad- oder Pedelec-Fahrer beteiligt waren, wurden von diesen selbst verursacht.“ Ganz besonders hätten sich dabei die Unfälle im Stadtgebiet Heinsberg gehäuft, fügte er hinzu: Allein 67 der 229 Unfälle hätten sich in der Kreisstadt ereignet.

So freuten sich Neiß, Soyka und Ramöller-Zimmermann über mehr als ein Dutzend Teilnehmer, die trotz großer Hitze den Weg in die Feuerwehr-Leitstelle gefunden hatten. Schon bei der theoretischen Betrachtung der neuen Beschilderung von Radwegen und der Diskussion darüber zeigten einige Senioren großes Unverständnis in Bezug auf die inzwischen abgeschaffte Pflicht, Radwege zu nutzen. Eine Benutzungspflicht besteht inzwischen nur noch auf den Radwegen, die mit den bekannten, runden blauen Schildern ausgestattet sind.

„Die Entwicklung in Deutschland hat ganz klar gezeigt, dass eine Vielzahl von Unfällen passiert, wenn Radfahrer auf Radwegen unterwegs sind. Daher begrüßen wir die neue Regelung sehr“, betonte Neiß. Bisher sei man über etwa zwei Jahrzehnte hinweg immer der Meinung gewesen, Radfahrer seien auf Radwegen sicherer. Dies habe sich jedoch leider nicht bestätigt. „Radfahrer sind dann sicher, wenn sie von anderen Verkehrsteilnehmern gesehen werden!“, betonte er. Vor allem bei gegenläufigen Radwegen an Straßeneinmündungen oder an Ein- und Ausfahrten sei es bei der früher verpflichtenden Benutzung von Radwegen immer wieder zu schweren Unfällen gekommen.

Was Ausbau und Zustand von Radwegen betreffe, sei Deutschland im Vergleich mit den Niederlanden noch ein „Entwicklungsland“, pflichtete ihm ein Teilnehmer bei. Über 80 Prozent der Radwege seien gar nicht breit genug, erklärte Soyka dazu. Viele Wege seien tatsächlich sehr schlecht und oft viel zu kurz, nannte er das Beispiel eines nur rund 20 Meter langen, ehemaligen Radwegs in Waldfeucht-Haaren. Besonders gefährlich seien zudem Radwege, die in beiden Richtungen genutzt würden. Das Risiko eines Unfalls sei dort fünf Mal höher als auf einem normalen Radweg.

Für alle gut verständlich erklärte Soyka dann, wie sich ein Radfahrer im Straßenverkehr überall dort richtig verhält, wo die blauen Verkehrszeichen inzwischen entfernt wurden: „Grundsätzlich gilt das Rechtsfahrgebot für Radfahrer“, betonte er. „Radfahrer benutzen also die Fahrbahn.“ Nur durch Verkehrszeichen könne diese Regelung aufgehoben werden. Die blauen Verkehrszeichen hätten dabei einen sogenannten Anordnungscharakter und würden dem Radfahrer vorschreiben, den Radweg oder auch den mit einem Gehweg kombinierten Radweg zu benutzen. „Sind solche blauen Schilder nicht vorhanden, dürfen Radfahrer die Straße benutzen.“

Regelmäßig seien die „alten“ Radwege jedoch weiter vorhanden, die in der Fachsprache jetzt „andere Radwege“ genannt würden. Diese Wege seien als solche immer noch gut erkennbar. Sie seien asphaltiert, eventuell sogar rot eingefärbt oder mit Piktogrammen versehen. „Diese Wege dürfen auch weiterhin benutzt werden, allerdings nur rechts in Fahrtrichtung“, betonte Soyka. In Gegenrichtung, also auf der für den Radfahrer linken Fahrbahnseite, könne ein „anderer Radweg“ nur noch dann genutzt werden, wenn ein weißes Schild mit dem Piktogramm „Radfahrer frei“ am Anfang des Weges für den Radfahrer sichtbar angebracht sei. „Dies ist dann jedoch nur ein Angebot für den Radfahrer. Er muss diesen Weg nicht benutzen und darf gut sichtbar auf der Straße mit dem übrigen Verkehr fahren“, betonte der Verkehrssicherheitsberater weiter. „Man muss nicht immer ablehnen, was neu ist!“, motivierte er schließlich die Teilnehmer, die neue Regelung anzunehmen.

Natürlich wurde das richtige Verhalten beim Fahren auf der Fahrbahn auch praktisch geübt, im Wohngebiet gleich gegenüber der Leitstelle. „Überwinden Sie Ihren Stolz und ziehen Sie einen Helm an“, lautete da der erste Tipp von Soyka. Er erklärte den Senioren das richtige Verhalten vom Aufsteigen aufs Rad bis hin zum Abbiegevorgang nach links in die nächste Querstraße. „Stellen Sie Ihr linkes Pedal auf zehn Uhr und den rechten Fuß auf den Bürgersteig. So ist es bequem beim Anfahren“, lautete sein Rat. Dann galt es, den Blick über die linke Schulter nicht zu vergessen, sowohl beim Anfahren als auch vor dem Einordnen in die Mitte der Fahrbahn. „Drehen Sie die ausgestreckte Hand nach hinten. Das zeigt dem nachfolgenden Fahrzeug, dass es hinter Ihnen bleiben muss“, gab er den Senioren einen weiteren Tipp.

Zu Ende ging das dreitägige Seminar am dritten Nachmittag mit dem eigenen Pkw im Mittelpunkt. Auch hier standen neben der Theorie wieder praktische Übungen auf dem Programm.