Heinsberg-Oberbruch: Qualität der Bewerber oft erschreckend

Heinsberg-Oberbruch : Qualität der Bewerber oft erschreckend

In Nordrhein-Westfalen fehlen rund 27.000 Lehrstellen. Nur jedem zweiten der 55.000 unversorgten Bewerber können die Agenturen für Arbeit einen Platz anbieten.

Mit „Kompetenzchecks”, die das Leistungsvermögen und die Neigungen der jungen Leute abklopfen sollen, oder Langzeitpraktika von einem halben Jahr ist geplant, hier auf Dauer Abhilfe zu schaffen. Im Kreis Heinsberg war das Engagement der Agentur für Arbeit im letzten Jahr von Erfolg gekrönt.

Anfang dieses Jahres wurde auch der letzte „Übriggebliebene” in eine Ausbildungsstelle vermittelt. Dennoch sollte diese positive Bilanz in der Region nicht darüber hinweg täuschen, dass es für die Unternehmen immer schwieriger zu werden scheint, geeignete Bewerber für die Ausbildungsplätze zu finden. Der Industriepark Oberbruch, in dem derzeit 61 junge Menschen in technischen und kaufmännischen Berufen ausgebildet werden, liefert ein Beispiel.

„Was die Zahl der Bewerber angeht”, erklärt Ralf Brosch, Leiter der Berufsausbildung bei der R&M Hima GmbH, „können wir in den letzten Jahren eine kontinuierliche Steigerung verzeichnen. Doch die Qualität ist zum Teil erschreckend. Bei der Rechtschreibung ist man schon froh, wenn manche Bewerber ihren Namen fehlerfrei schreiben können. Und rechnen ohne Taschenrechner ist auch ein Problem.”

Viele potenzielle Schulabgänger seien nicht in der Lage, „ein Ergebnis, das der Rechner ausspuckt, auch auf Plausibilität zu überprüfen”, ergänzt der Leiter der Personalverwaltung bei Nuon, Leo Scheufens.

Mathematik, Deutsch, bei angehenden technischen Azubis „Technisches Verständnis” und bei angehenden kaufmännischen Azubis „Organisation und kaufmännisches Verständnis” sind die Prüfungskomplexe, denen sich die Bewerber im Industriepark unterziehen müssen.

Elf Lehrstellen waren zu besetzen. „Von den rund 80 Bewerbern auf technische Berufe sind etwa 65 zum Test eingeladen worden. Nach dem Test bitten wir in jedem Jahr garantiert nur noch weniger als die Hälfte zu einem Gespräch, da der Rest unserem Anforderungsniveau nicht entspricht”, erläutert Ralf Brosch.

Niemand solle jetzt jedoch denken, dass die Anforderungen des Tests völlig überzogen seien. Bei den technischen Bewerbern, so Leo Scheufens, entsprächen die Prüfungsaufgaben dem Schulniveau bis Ende der 9. Klasse. Der Test sei unter Mitwirkung von Haupt- und Realschullehrern entwickelt worden. Bei den Kaufleuten lägen die Hürden natürlich etwas höher, da hier ja auch das Abitur oder der Abschluss der Höheren Handelsschule als Voraussetzung für eine Einstellung gegeben seien.

Nur 80 Bewerber auf elf zu besetzende technische Ausbildungsstellen ist eine überraschend niedrige Quote. Für Leo Scheufens jedoch nichts Neues: „Wenn sie zum Beispiel in eine Realschule gehen, dann haben sie in der Regel von 30 Schülern 20, die auf eine weiterführende Schule gehen wollen. Und bei den restlichen zehn sind wir schon froh, wenn sich zwei oder drei für einen technischen Beruf interessieren.”

Falsche Vorstellungen über das Berufsbild und die Perspektiven seien der Hauptgrund. Gerade den Berufspraktika komme hier eine entscheidende Bedeutung zu. Nicht immer sei der Entschluss zur schulischen Weiterbildung nämlich sinnvoll. Die Juristin Sabine Törber, die im Industriepark den Bereich Personal und Recht verantwortet: „Viele Schüler streben die schulische Weiterbildung an, weil sie noch gar nicht wissen, was sie machen wollen und nicht unbedingt, weil es die schulischen Noten nahelegen.”

Am Ende werde hier nur ein Problem verlagert. Auf die drei Ausbildungsplätze zum Industriekaufmann seien 150 Bewerbungen eingegangen, was letztlich dazu führe, dass sich doch viele für einen technischen Beruf entschieden, aber schon zwei oder drei Jahre verloren und dadurch am Markt schlechtere Chancen hätten.

„Es ist wichtig”, gibt Ralf Brosch einen Tipp, „dass man sich in der Berufswahl ein breites Spektrum verschafft und sich nicht schon vorschnell auf ein Berufsziel festlegt. Von Bedeutung sind vor allem Kenntnisse über einen Beruf, denn häufig weichen Vorstellungen sehr stark von der Realität ab.” Hier seien natürlich auch die Schulen gefordert, die nötigen Voraussetzungen zu schaffen. „Oft fehlt es auch an der engen Zusammenarbeit zwischen Schulen und Unternehmen”, so Leo Scheufens.