New York: Promi-Geburtstag vom 31. Januar 2017: Philip Glass

New York : Promi-Geburtstag vom 31. Januar 2017: Philip Glass

Am Anfang kamen teils nur 20 Zuschauer, und Geld verdiente das Ensemble mit seinen Konzerten überhaupt nicht. Doch für dessen Gründer Philip Glass war klar, dass er kein Musiklehrer oder Akademiker werden wollte.

Und so arbeitete Glass nebenher teils als Klempner und bis zum Alter von 42 Jahren als Taxifahrer in New York - der Mann, der bald zu den bedeutendsten Komponisten der Gegenwart zählen sollte. Am 31. Januar wird der Glass 80 Jahre alt.

Neun oder zehn Stunden saß Glass in den 1970ern oft am Steuer eines „Yellow Cab”, bevor er gegen 1.00 oder 2.00 Uhr morgens nach Hause kam, um bis zum Morgengrauen Musik zu schreiben, erzählte er der britischen BBC. Mit seiner musikalischen Sprache aus treibenden Rhythmen, sich schrittweise entfaltenden, wiederholenden Mustern und kleinteiligen Klangteppichen brachte er die drängende, manchmal bedrohliche Stimmung einer teils düsteren Metropole zum Ausdruck.

Dabei hatte der in Baltimore im Staat Maryland geborene Sohn eines Schallplattenhändlers mit der Oper „Einstein on the Beach” schon 1976 den Durchbruch geschafft. Das viereinhalbstündige Werk unter Regie von Robert Wilson wurde nach der Premiere im französischen Avignon als revolutionär gefeiert, in dem die Darsteller statt eines zusammenhängenden Textes Tonleitern, Figuren und Basslinien auf Silben und Zahlen sangen. Den Job als Taxifahrer gab Glass deshalb trotzdem nicht auf.

Als junger Flötist in Orchestern, bei kirchlichen Bach-Messen oder mit Aufnahmen von Anton von Webern, Arnold Schönberg und Alban Berg, die er im Plattenladen seines Vaters entdeckte: Philip Glass saugte musikalische Einflüsse auf wie ein Schwamm. Schon während seines Studiums an der renommierten Juilliard School of Music in New York brachte er mehr als 70 Kompositionen zur Aufführung.

Die Zeit bei der Komponistin Nadia Boulanger ab 1963, die Glass im Interview mit dem „Guardian” als „unerbittlichen Guru in Paris” beschrieb, formte ihn weiter. Dank der Begegnung mit dem fast 20 Jahre älteren indischen Sitarmeister Ravi Shankar fügte sich die repetitive Struktur indischer Musik ab 1964 in Glass Werk. Er habe „zur selben Zeit zwei der größten Vertreter verschiedener Traditionen” erlebt, erinnerte sich Glass später.

Dass er neben fulminanten Opern wie der 1980 uraufgeführte „Satyagraha” zunehmend auch Filmmusik schrieb, machte die Einordnung seines Werks nicht leichter. Neben den Filmen „Koyaanisqatsi” (1982) und dessen Fortsetzung „Powaqqatsi” (1988) schrieb er den Soundtrack zu Hollywood-Filmen wie „The Hours — Von Ewigkeit zu Ewigkeit” und „Die Truman Show” und arbeitete mit Film-Größen wie Martin Scorsese („Kundun”, 1997) und Woody Allen zusammen. Auch Musiker und Bands wie David Bowie, Brian Eno, Kraftwerk und Talking Heads ließen sich von ihm inspirieren oder arbeiteten mit ihm zusammen.

Minimalist? Avantgardist? Opern- oder Theater-Komponist? Glass ist so vielseitig, dass er sich wieder und wieder gegen vereinfachende Einordnungen durch Kritiker wehren musste. 26 Opern, 20 Ballettwerke, zig Filmmusiken, Theater-Stücke und Symphonien habe er geschrieben, sagte er dem „Guardian” kürzlich. „Das sind alles verschiedene Formen von Musik. Vielleicht mache ich zu viele Dinge.” Dann fügte er hinzu: „Wenn die Menschen mich einen amerikanischen Opern-Komponisten nennen würden, hätte das den Vorteil, das zu sein, was ich tatsächlich tue.”

Aufsehen erregte Glass zuletzt vor allem mit der umstrittenen Oper „The Perfect American” über das Leben des US-Filmproduzenten Walt Disney, die in den letzten drei Monaten vor dem Tod des Gründers der Traumfabrik spielt. Dass einige Kritiker Glass Musik als gefällig, schlicht und immer gleich beschrieben, dürfte den unter anderem mit einem Golden Globe ausgezeichneten Komponisten kaum von seinem Weg abbringen. Die New Yorker Carnegie Hall ehrt ihn zum 80. Geburtstag mit der Weltpremiere seiner elften Sinfonie.

Etwas Einfluss der Nächte im Taxi mag sich bis heute in Glass Repertoire gehalten haben. Die Fahrten seien wohl Teil seines Arbeitsprozesses gewesen, vermutet der Autor Michael Goldfarb, der in den 1970er Jahren beim selben Taxi-Unternehmen wie Glass arbeitete. „Neun Stunden am Steuer versetzen den Fahrer schließlich in Art hypnotischen Zustand - so wie Glass Musik.”

(dpa)