Aachen/Kreis Düren: Professor der FH Aachen: „Für Logistiker ist das eine tolle Gegend“

Aachen/Kreis Düren : Professor der FH Aachen: „Für Logistiker ist das eine tolle Gegend“

Ein zweites Kölner Eifeltor? Nein, das kann sich Professor Dr. Markus Focke im Kreis Düren zunächst einmal nicht vorstellen. Dennoch sieht der Wirtschaftswissenschaftler mit Schwerpunkt Beschaffungs-, Produktions- und Logistikmanagement spannende Zeiten auf den Kreis Düren als Logistikstandort zukommen. Unser Redakteur Thorsten Pracht sprach mit Focke.

Viele Experten sehen in der Logistik-Branche ein wichtiges Zukunftsfeld für unsere Region, speziell mit Blick auf die absehbar wegfallende Braunkohleförderung. Gehören Sie auch dazu?

Focke (lächelt): Ob ich mich als Experten bezeichnen würde, lasse ich mal offen. Fest steht: Die Logistik ist seit Jahren einer der Wachstums- und Jobmotoren in Deutschland. Studien zeigen Jahr für Jahr, wie gut Deutschland im internationalen Vergleich aufgestellt ist. Auch in unserer Region haben wir tolle Logistiker und verfügen über eine Reihe sehr erfolgreicher Logistikunternehmen — Spediteure, Kontrakt- und Lagerlogistiker, die innovative und kostengünstige Lösungen produzieren. Trotzdem ist unsere Region nicht als Logistikstandort bekannt, da sehe ich in der Tat Nachholbedarf.

Woran liegt das? Es werden doch immer die Standortvorteile mit zwei Autobahnen, Bahnstrecken und viel Fläche betont.

Focke: Einer der Gründe ist sicher, dass wir uns nie gemeinsam als Logistikstandort begriffen und das nach außen propagiert haben. Dass wir das Tor zu den Niederlanden und Belgien mit den angeschlossenen Häfen sind, haben wir nie richtig belegt. Aus unserer Grenznähe haben wir nicht das Maximale heraus geholt. Ein weiterer Grund ist, dass sich solche Logistik-Cluster bis vor einigen Jahren um die jeweils bestehende Infrastruktur gebildet haben, also um Häfen oder Flughäfen. Das ändert sich aber gerade. Der Faktor Wissen nimmt in der Logistik immer mehr an Bedeutung zu. Und da haben wir mit der RWTH und der FH Aachen wichtige Ressourcen. Ich glaube, dass wir zum Cluster Logistik viel beitragen können.

Ist der Faktor Wissen gleichbedeutend mit neuen technischen Lösungen?

Focke: In der Logistik haben wir mehrere Ebenen, auf denen wir Wissen benötigen. Zunächst brauchen wir konzeptionelles Wissen, also Leute, die in der Lage sind, komplexe Logistiknetzwerke zu erdenken und architektonisch zu konzipieren. Dann brauchen wir Leute, die sich mit verschiedenen logistischen Betriebsmitteln auskennen. Als letztes brauchen wir Leute, die sich mit IT-Unterstützungssystemen auskennen, weil die Informatisierung in der Logistik immer weiter fortschreitet. All dies findet man bei uns.

Warum ist unsere Region für die großen Seehäfen Rotterdam und Antwerpen überhaupt interessant?

Focke: Die Häfen haben das Problem, dass der Platz um sie herum langsam voll ist. Die einzige Lösung ist, die Sortierung auf die Empfängerorte zu verlegen. An den Häfen werden die Waren vom Schiff auf die Schiene umgeschlagen. Jetzt können sie an jedem beliebigen Punkt im Hinterland aufgeteilt werden. Wenn die Zieldestination Deutschland ist, macht es natürlich Sinn, das gleich hinter der Grenze zu tun und dann innerhalb Deutschlands und weiter Richtung Osten zu verteilen.

Bei einer Fachtagung in Aldenhoven im März haben Sie ein virtuelles Dreieck zwischen A4, A44 und B56 aufgespannt, in dessen Herz der Tagebau Inden liegt.

Focke: Für Logistikanbieter ist das eine tolle Gegend. Denn die brauchen bezahlbares Land und die Nähe zu mindestens einer Autobahn, die nicht ständig verstopft sein sollte. Zudem befindet man sich in diesem Dreieck in der Nähe der regionalen Ballungszentren. Durch den Tagebau gibt es reichlich potenzielle Ausdehnungsfläche, von der nur wenige Bürger betroffen wären. Und nicht zuletzt sind hier schon zahlreiche Unternehmen aus der Logistikbranche angesiedelt.

Aber ist das nicht ein Widerspruch? Genau an dieser Stelle soll spätestens ab dem Jahr 2035 der Indesche See entstehen.

Focke: Nun, das hängt letztlich von der konkreten Ausgestaltung des Indeschen Sees ab. Dabei bestimmt die Größe des Sees die verfügbare Logistik-Fläche. Bis zum Jahr 2035 ist ja noch etwas hin, da sehe ich Möglichkeiten zur Abstimmung. Gerade an den Ecken der A4 beziehungsweise A44 zur B56 sollte man über einen kleineren See nachdenken, da sich diese besonders als Logistikstandorte eignen würden.

Ich fasse zusammen: Es gibt das Potenzial, es gibt reichlich Nachfrage, die weiter steigen wird, mögliche Standorte für ein Warenverteilzentrum sind ausgeguckt. Wann geht es los?

Focke: Zu allererst ist der Zusammenschluss der einzelnen Interessenvertreter der Region erforderlich. Es gibt immer Effekte wie Verkehrsbelastung, die nicht nur an einem solchen Güterverteilzentrum auftreten, sondern in den umliegenden Bereichen. Deshalb muss man auch alle Seiten zusammenbringen und gemeinsam die beste Lösung finden — und es sollten auch alle davon profitieren. Bei einem solchen Projekt wird es immer Gegner geben. Ohne einen solchen Zusammenschluss bekommt man das nicht aufgebaut.

Genau das war im Kreis Düren beim „ersten Versuch“ der Fall. Das Projekt Containerterminal war tot, ehe es richtig startete. Wie lässt sich eine solche Ansiedlung den Menschen kommunizieren?

Focke: Die Logistik ist die zweitwichtigste Branche in Deutschland, was die Arbeitsplätze angeht. Ich wundere mich immer wieder darüber, wie schnell sich trotzdem immer eine öffentliche Meinung dagegen bildet. Wenn man dem Ganzen nicht mit Aufklärung begegnet, also ganz klar die Frage beantwortet, welche Bedeutung ein Projekt für die Bürger hat, geht so etwas schnell in der Woge der Entrüstung unter. Das muss sorgsam erklärt werden.

Es gibt also zwei Herausforderungen: Den Menschen in der Region zu erklären, was geplant wird und welche Folgen das hat. Und ein Netzwerk zu bilden, das die Planungen übernimmt.

Focke: Genau. Das ist die inhaltliche Herausforderung. Man muss erklären, wo so etwas hingeht, und dann müssen die infrastrukturellen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Für eine deutliche Verkehrszunahme sind unsere Autobahnen beispielsweise nicht überall ausgelegt. Also muss man Verkehrsprognosen erstellen und gegebenenfalls über Maßnahmen nachdenken.

Im Kreis Düren könnte der fehlende Umschlagpunkt auf die Schiene der Knackpunkt für ein Güterverteilzentrum sein.

Focke: Ich persönlich glaube an schrittweises Wachstum. Deswegen würde ich gar nicht mit einer zentralen Ansiedlung von Logistikanbietern starten, sondern einen Bereich als Logistik-Cluster begreifen und alle, die dort angesiedelt sind, zusammenarbeiten lassen.

Also wie beim RWTH-Campus, der ja ein Cluster für Logistik beheimatet?

Focke: Dort werden alle geografisch zusammengebracht, was natürlich komfortabel ist. Das ist bei bestehenden Logistikstandorten allerdings eine kostenintensive Sache. Ob die Unternehmen in 100 Metern Entfernung voneinander liegen oder in einigen Kilometern, spielt eine untergeordnete Rolle. Die angebotenen Leistungen funktionieren auch, wenn es acht oder zehn Kilometer sind. Man sollte damit anfangen, sich als gemeinsames Cluster zu begreifen mit dem Ziel, die gesamte Bandbreite der Logistikangebote abzudecken.

Können wir in der Region diese Bandbreite liefern?

Focke: Ich sage: Ja, aber nur mit dem Lkw. Also sollte man damit beginnen. Und wenn das funktioniert, dann wird auch die Schiene irgendwann kommen.

Wir reden also nicht zwangsläufig von einem Mammutprojekt, sondern über modulares Wachstum über Jahrzehnte?

Focke: Ob das so lange braucht, weiß ich nicht. Wenn in der Privatwirtschaft alle dasselbe Interesse haben und es Wachstum gibt, kann das auch schneller gehen. Man wird ja sehen, ob das in die richtige Richtung läuft. Erst ewig zu diskutieren, bevor man loslegt — davon bin ich kein großer Freund. Warum sollten wir nicht damit anfangen, Einrichtungen zu bündeln, die wir ohnehin schon haben?

Landrat Wolfgang Spelthahn spricht von drei möglichen Standorten für ein Güterverteilzentrum im Kreis Düren. Sie verfolgen anscheinend einen anderen Ansatz.

Focke: Um einen möglichen Ort für ein Umschlagterminal zu finden, braucht man eine sehr lange Vorlaufzeit. Alle Verfahren, die dafür benötigt werden, gehen nicht besonders schnell. Es ist daher richtig, dass Herr Spelthahn sich bereits heute darum kümmert. Gleichzeitig kann ein Logistik-Cluster diese Idee weiter verfolgen. Man sollte das eine tun, ohne das andere zu lassen.

Was wäre Ihre Vorgehensweise?

Focke: Es braucht einen Schirmherrn, der das Thema vorantreibt und die verschiedenen Interessengebiete und Regionen an einen Tisch bringt. Konkret würde ich eine Logistik-Cluster-Entwicklungsgesellschaft gründen. Wenn man sich in der Wissenschaft umschaut, warum Logistikstandorte erfolgreich sind, ist die eigene Entwicklungsgesellschaft immer einer der wichtigsten Faktoren. Man muss eine gemeinsame Denkfabrik für die Region aufbauen. Nur wenn wir uns als Logistikstandort begreifen, schaffen wir es auch, diesen Markt gemeinsam zu bearbeiten.

Bei der Tagung in Aldenhoven wurde darüber bereits diskutiert.

Focke: Die Rückmeldung bei der Veranstaltung war: Lasst uns das ausprobieren.