Städteregion: Polizei probt den Ernstfall an der Realschule in Alsdorf

Städteregion : Polizei probt den Ernstfall an der Realschule in Alsdorf

Erst machen die Demonstranten noch einen unauffälligen Eindruck: Sie stehen abwartend seitlich des Wohnblocks, in dem gerade eine Razzia stattfindet, unterhalten sich. Plötzlich schert einer aus der Gruppe aus, provoziert die Polizeibeamten, und eine junge Frau versucht im kurzen Moment der Ablenkung aus der Gruppe auszubrechen. Kommt aber nicht weit.

Ein Mitglied der Hundertschaft fängt sie ein, führt sie zur Gruppe zurück. Derweil reden andere Beamte auf die Demonstranten ein, teils mit recht lauten und klaren Worten, bedeuten ihnen, sie mögen sich sofort wieder auf die ihnen zugewiesene Fläche zurückbewegen. Die Provokateure geben klein bei. Noch mal gut gegangen. Alles unter Kontrolle.

Großübung an der Realschule Ofden: Der Nachwuchs der 11. Hundertschaft der Bereitschaftspolizei spielt eine Razzia durch, sichert ein Gebäude (u.r.), stellt Personalien fest, durchsucht die Kleidung der Verdächtigen (oben) und muss eine Demonstrantengruppe in Schach halten.
Großübung an der Realschule Ofden: Der Nachwuchs der 11. Hundertschaft der Bereitschaftspolizei spielt eine Razzia durch, sichert ein Gebäude (u.r.), stellt Personalien fest, durchsucht die Kleidung der Verdächtigen (oben) und muss eine Demonstrantengruppe in Schach halten. Foto: V. Müller

Auch wenn die 11. Hundertschaft der Bereitschaftspolizei des Polizeipräsidiums Aachen auf dem Schulgelände in Alsdorf-Ofden nur eine Übung abhält, scheint der Stress für die Beteiligten streckenweise sehr real. Wie Thomas Wassmer, Fortbilder innerhalb der Hundertschaft, erläutert, ist das so gewollt.

 von Verena Müller Alsdorf. Erst machen die Demonstranten noch einen unauffälligen Eindruck: Sie stehen abwartend seitlich des Wohnblocks, in dem gerade eine Razzia stattfindet, unterhalten sich. Plötzlich schert einer aus der Gruppe aus, provoziert di
von Verena Müller Alsdorf. Erst machen die Demonstranten noch einen unauffälligen Eindruck: Sie stehen abwartend seitlich des Wohnblocks, in dem gerade eine Razzia stattfindet, unterhalten sich. Plötzlich schert einer aus der Gruppe aus, provoziert di Foto: V. Müller

Er hat die Übung zwar durchgeplant, aber der kreativen Freiheit der sogenannten Störer, im echten Leben Kollegen, sind keine Grenzen gesetzt. Und so wird eine Polizeibeamtin penetrant gelöchert oder ein Hausbewohner erklärt in gebrochenem Deutsch, sein Ausweis befände sich in einer blauen oder grünen Jacke irgendwo im Gebäude.

Darauf angemessen zu reagieren, lernen die 39 neuen Kollegen der Hundertschaft, die Anfang September mit einer fünfwöchigen Einführungsfortbildung begonnen haben. Vorausgegangen ist die übliche dreijährige Ausbildung und ein Jahr im Wach- und Wechseldienst — umgangssprachlich Streifendienst genannt.

Wassmer hatte für die Neuzugänge folgendes Szenario angelegt: Den ehemaligen Jungentrakt der Realschule hat er gedanklich in einen Wohnblock verwandelt. „Der Hausmeister hat gesagt, er habe im Gebäude Drogengeruch und auffällig viele Handys bemerkt.“

Wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz sollen deshalb das gesamte Gebäude gesichert, durchsucht und nacheinander die Personalien aller Bewohner festgestellt werden. Das erfolgt draußen, an den im Halbkreis aufgestellten Fahrzeugen. „In der erweiterten Übungsanlage wurde eine Demo angemeldet, die sich gegen Polizeimaßnahmen richtet“, so Wassmer. Die gilt es in Schach zu halten, ohne das Recht auf Versammlungsfreiheit zu beschränken.

Derweil sind mehrere Beamten an verschiedenen Stellen am und im Gebäude postiert: an den Treppenaufgängen und auf den Fluren zum Beispiel. In den Klassenräumen, den „Wohnungen“ bewachen Polizisten einzelne Bewohner, bevor diese auf den Schulhof geführt werden.

Recht statisch wirkt dieser Anblick. „Wir haben die Übung extra etwas ruhiger angelegt, da wir hier im Schulgebäude nichts beschädigen wollen“, erklärt Wassmer. Und am Ende wird feucht durchgewischt? Wassmer lacht: „Ja, so ungefähr. Wir hinterlassen alles wieder so, wie wir es vorgefunden haben.“

Deutlich mehr als 100

30 Störer im Gebäude (Bewohner), 30 Störer draußen (Demonstranten), dazu ein Zug bestehend aus 38 Polizisten, die für die Sicherheit zuständig sind, sowie ein ebenso großer Zug für die Identitätsfeststellung — so viele Beteiligte müssen die acht Mann der Hundertschaftsführung im Blick zu behalten.

„Wir haben immer die Möglichkeit, einzugreifen, um mehr Dynamik reinzubringen oder Dynamik rauszunehmen“, sagt Hundertschaftsführer Dietmar Zimutta. Manöverkritik sei zwischendurch möglich, nicht erst nach Schluss der 90 bis 120 Minuten dauernden Übung.

Nach einer Pause tauschen die Gruppen, ein leicht veränderter zweiter Durchlauf beginnt. „Nach dem Tausch befinden sich alle Störer im Gebäude“, verrät Wassmer hinter vorgehaltener Hand. Und noch eine Überraschung hält er parat: „Gegen einen Bewohner läuft ein Haftbefehl.“ Im Idealfall fällt das auf, und es erfolgt eine Festnahme.

Ursprünglich sei eine Übung in Dortmund geplant gewesen, am vergangenen Freitag, berichtet Wassmer weiter. Aber aufgrund der Vorbereitungen rund um die Kundgebung von rund 500 Hooligans und Neonazis am Samstag habe man kurzfristig umdisponieren müssen. „Die Realität hat Vorrang“, so Wassmer.

Zur Realschule hatte er im Vorfeld bereits Kontakt aufgenommen, als er hörte, dass das Gebäude abgerissen werden solle. Auch hier ist die Realität inzwischen eine andere — die Schule zieht erst ein Jahr später gemeinsam mit dem Gymnasium in den Neubau des Kultur- und Bildungszentrums (Kubiz) um — aber in den Ferien durfte die Hundertschaft trotzdem einen Trakt nutzen. „Da sind wir sehr froh drum“, sagt Wassmer.

Normalerweise trainiert die Hundertschaft nämlich auf einem eigenen Gelände in Linnich. „Aber das kennen wir inzwischen in- und auswendig“, sagt der Fortbildungsleiter. Deshalb suche man immer nach Alternativen.