Städteregion: Pflegerische Schmerzexperten können alten Menschen helfen

Städteregion : Pflegerische Schmerzexperten können alten Menschen helfen

Schmerzen gehören zum Altwerden dazu. Mal zwickt es hier, mal zwickt es dort. Das ist normal. Das denken viele, auch ältere Menschen, und viele sagen selbst ihrem Hausarzt erst dann etwas, wenn die Schmerzen unerträglich werden, wissen die Experten der Deutschen Schmerzgesellschaft.

Bei alten Menschen werden Schmerzen seltener behandelt als bei jüngeren, heißt es auf deren Homepage zu dem Thema. Denn Schmerz bei älteren Menschen werde häufig übersehen. Ein weiteres Problem: Weil ältere Menschen häufig wegen einer chronischen Erkrankung Medikamente nehmen müssen, wirken Schmerzmittel unter Umständen nicht wie sie sollten. Manche Menschen greifen zu häufig zu frei verkäuflichen Mitteln, andere erleiden zu lange große Schmerzen, bevor sie sich melden.

Engegieren sich für eine bessere Versorgung von schmerzgeplagten Menschen in der Städteregion: Marzena Jura (links) und Stefanie Joder.

Nationale Expertenstandards

Ein schwieriges Thema also. Eines, dem sich die Pflegekassen auf Bundesebene gestellt haben. Sie haben vor einigen Jahren das Deutsche Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege mit der Entwicklung von Nationalen Expertenstandards „Schmerzmanagement in der Pflege“ beauftragt. Inzwischen gibt es solche Empfehlungen, die jedoch als verbindlich gelten, für chronische wie für akute Schmerzen.

Sie beinhalten unter anderem, dass in Einrichtungen der Kranken- und Altenpflege, auch in ambulanten Diensten, pflegerische Schmerzexperten eingesetzt werden sollen. Das sind examinierte Alten- oder Krankenpflegerinnen mit Berufserfahrung, die eine entsprechende Fortbildung absolviert haben. Ihre Aufgabe: Sie sollen sich intensiv mit einem Schmerzpatienten beschäftigen, nach den Ursachen seiner Schmerzen forschen und Vorschläge für eine Behandlung machen — intensiver, als ein Arzt, eine Ärztin oder eine Pflegerin oder ein Pfleger dies im Alltagsgeschäft aus Zeitgründen könnte.

Allerdings: Es gibt derzeit noch nicht genügend ausgebildete pflegerische Schmerzexpertinnen und -experten in der Städteregion für die 67 vollstationären Einrichtungen und die rund 80 ambulanten Pflegedienste.

Viel Gespür für die Menschen

Stefanie Joder ist eine von ihnen. Die examinierte Krankenschwester und Pflegefachkraft mit reichlich Berufserfahrung aus 28 Jahren arbeitet im Senioren- und Betreuungszentrum der Städteregion in Eschweiler und ist auch als Schmerzexpertin tätig. „Drei bis fünf Stunden brauche ich pro Fall“, sagt sie. So lange dauert es, bis sie in behutsamen Gesprächen mit den älteren Menschen herausfindet, was die Schmerzen auslöst und wie sie vielleicht gelindert oder — im besten Fall — völlig beseitigt werden können.

„Man muss ein Gespür für Menschen haben“, sagt Marzena Jura, Kursleiterin für die Weiterbildung zu pflegerischen Schmerzexperten bei der Fort- und Weiterbildung für Pflegeberufe im städteregionalen Amt für Altenpflege in Würselen. Stefanie Joder hat dieses Gespür. Sie erkennt oft an Mimik und Gestik der alten Menschen, an ihrer Körperhaltung Art und Intensität ihres Schmerzes.

Und sie weiß, was ihnen helfen könnte. „Ich arbeite gerne mit komplementären Mitteln“, erklärt sie. Will heißen: In vielen Fällen helfen alternative Heilmethoden besser als schulmedizinische. Auch aufgrund eigener Erfahrung mit Schmerzen hält Joder viel von Akupunktur, Anwendung von Reizstrom, Homöopathie und Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln, wo es sinnvoll ist. Leider, sagt Joder, bezahlen die Krankenkassen das nicht immer.

Manchmal bedarf es auch gar keiner schulmedizinischer oder alternativer Heilmethode, sondern einfach genauer Beobachtung und aufmerksamen Zuhörens, wenn ein Patient oder eine Patientin über Schmerzen spricht. „Einer alten Dame mit sehr starken Rückenschmerzen hat es geholfen, dass ich dafür gesorgt habe, dass sie eine andere Matratze bekommt“, erzählt Stefanie Joder. „Sie braucht jetzt gar keine Schmerzmittel mehr.“ Wie einfach es doch sein kann, Menschen zu helfen, wenn man sich im stressigen Pflegealltag nur die Zeit nehmen könnte, sich wirklich mit ihnen zu befassen.

Genau das sollen pflegerische Schmerzexperten wie Stefanie Josef leisten: ihren Kolleginnen und Kollegen im Pflegebereich zuarbeiten und ihnen beziehungsweise den Ärzten Vorschläge für die Behandlung machen. Allerdings ist nirgendwo geregelt, wie viel Zeit sie dafür aufwenden dürfen. Fest angestellt müssen pflegerische Schmerzexperten auch nicht sein, erklärt Marezena Jura.

Es reiche, wenn Einrichtungen und Dienste nachweisen, dass sie Kooperationen mit freiberuflichen Schmerzexperten haben. Unklar ist auch, „was dürfen wir und was nicht“, sagt Stefanie Joder. Sie wünscht sich, mehr selbstständig entscheiden zu können. Doch anders als etwa in den USA haben pflegerische Schmerzexperten in Deutschland bislang nur eine Art Beraterstatus.

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