Hückelhoven: Orientalische Märchen entführen in 1001 Nacht

Hückelhoven : Orientalische Märchen entführen in 1001 Nacht

Es wird Abend im Herzen der Innenstadt. Die Temperatur ist gesunken, und nur noch wenige Menschen sind auf den Straßen unterwegs.

Aus den Fenstern des katholischen Pfarrzentrums Burg schimmert ein schwacher Lichtschein auf den grauen Asphalt, die Scheiben sind ein wenig beschlagen, und leise Flötentöne dringen hinaus in die aufziehende Nacht.

„Allah ßelamet werßin, Allah emanet”, flüstert es aus dem Inneren. Das bedeutet: Allah wünscht viel Glück auf allen Wegen, Allah soll dich schützen. Mit diesen Worten beginnen alle Märchen aus dem fernen Morgenland. Und genau die sind Thema eines ganz besonderen Abends bei der Hückelhovener Frauengemeinschaft.

Etwa 20 Frauen sitzen in einem großen Kreis und lauschen. In ihrer Mitte liegen große Kissen mit orientalischem Muster, dazwischen dampft eine goldene Wasserpfeife leise blubbernd vor sich hin.

„Es soll ja so authentisch wie möglich sein”, erklärt Marita Bürger, die Vorsitzende der Frauengemeinschaft. Dann nimmt sie als erste einen tiefen Zug aus einem der beiden bunten Pfeifenschläuche. Auf dem kleinen Tonkopf der Pfeife glüht ein Stück Kohle. Darunter glimmt eine Portion Apfeltabak.

Ein fruchtig-würziger Duft macht sich in dem kleinen viereckigen Raum breit. Es ist wohlig warm, einige Frauen haben die Augen geschlossen, um sich ganz auf die angenehme Stimme zu konzentrieren, die ein Märchen wie aus 1001 Nacht vorliest.

Die Stimme gehört Birgit Latour. „Gott gab der Frau die Rundheit des Mondes, die Biegsamkeit der Weinrebe und das Zittern des Grases”, liest sie zur Einstimmung aus einer indischen Erzählung vor.

Die Frauen entspannen sich. Der „Märchenabend am Samowar” entführt sie in die Welt des sagenhaften Orients, der Oliven und süßen exotischen Früchte. Von getrockneten Feigen, Aprikosen, Rosinen und erlesenen Nüssen können auch die Hückelhovener Frauen kosten. Sie schlürfen dampfenden türkischen Tee mit viel Zucker, während flackerndes Kerzenlicht den Raum erhellt. „Wir probieren gerne alles aus”, meint Marita Bürger. „Es ist doch schön, wenn man auf diese Weise auch fremde Kulturen besser kennen lernen kann.”

Dabei ist dieses Abendprogramm im Rahmen der Hückelhovener Frauenwoche eigentlich nur ein Lückenbüßer. Eine Lesung ist kurzfristig ausgefallen. Aber Birgit Latour hat die rettende Idee: „Ich habe selber an einem solchen Märchenabend teilgenommen und dachte mir, das können wir auch in Hückelhoven machen.”

Die Literatur ist schnell gefunden. Der Abend steht ganz im Zeichen von Elsa Sophia von Kamphoeveners Erzählbänden „An Nacht-Feuern der Karawanserail”.

Der Erfolg dieser Autorin ist eng mit ihrer selbst geschaffenen Legende verknüpft. Angeblich ist sie als junges Mädchen Ende des 19. Jahrhunderts in der Türkei gewesen.

Märchen galten dort als Eigentum der Familien und durften nicht von anderen gestohlen werden. Elsa Sophia von Kamphoevener verkleidete sich als Junge und wurde so in eine Märchengilde aufgenommen, in der sie zum ersten Mal ihre später niedergeschriebenen Märchen hörte.

Eines dieser Märchen ist „Das Basilikonmädchen”, das Birgit Latour für den Frauenabend ausgewählt hat. Die Stille des Raumes wird nur vom gelegentlichen Gluckern des Samowars, einer großen orientalischen Teekanne, unterbrochen.

Eine knisternde Atmosphäre, in die hinein die Geschichte des klugen Basilikonmädchens klingt, das sich mit viel List in das Herz eines jungen, reichen Mannes schleicht.

Gespannt lauschen die Hückelhovener Frauen dieser zauberhaften Erzählung, rund um die Tücken der Liebe. Jedes Wort saugen sie gierig in sich auf, um am Schluss des wärmenden Märchens wieder in die fröstelnde Wirklichkeit der heimischen Herbstzeit entlassen zu werden.

Genussvoll trinken sie ihre letzten Tropfen Tee. Dann machen sie sich auf den Heimweg, im Gedanken schon im nächsten Bücherladen, um sich auch selbst einen kleinen Teil vom Märchenschatz Anatoliens nach Hause zu holen.