Kreis Heinsberg: Oberstes Gebot ist der Wille des Patienten, sagt ein Arzt und Politiker

Kreis Heinsberg : Oberstes Gebot ist der Wille des Patienten, sagt ein Arzt und Politiker

Wie aktiv darf „aktive Sterbehilfe“ sein? Ab wann macht man sich strafbar? Sterbehilfe ist ein Thema, über das vielerorts diskutiert wird. Im Bundestag steht ein Gesetzesentwurf auf der Tagesordnung, über den gegen Jahresende abgestimmt werden soll.

Fünf Entwürfe werden derzeit in verschiedenen Arbeitsgruppen erarbeitet. Wilfried Oellers geht mit dem Thema zu den Bürgern. In Diskussionsveranstaltungen informiert der CDU-Bundestagsabgeordnete aus Heinsberg über das Thema und seine vielen Facetten. Nach dem Auftakt in Geilenkirchen setzte er seine Veranstaltungsreihe nun in Erkelenz fort. In die Oerather Mühle hatte er Fachleute mitgebracht, die ihre Positionen erläuterten und sich den Fragen des Publikums stellten.

Zwei der Diskussionsteilnehmer haben täglich mit dem Thema zu tun: Ulrike Clahsen vom Erkelenzer Hospiz und Dr. Jürgen Minartz, Chefarzt der Inneren Medizin und einer der Leiter der Palliativstation im Heinsberger Krankenhaus. Die beiden weiteren Teilnehmer waren Oellers‘ Fraktionskollege und Vorsitzender der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, Rudolf Henke, und der Vorsitzende der Zentralen Ethikkommission der Bundes­ärztekammer, Prof. Dr. Dieter Birnbacher.

Oberstes Gebot sei der Wille des Patienten, betonte Henke. Diesem sei der behandelnde Arzt verpflichtet. Wenn der Patient entscheide, dass eine Behandlung nicht fortgesetzt werden solle, sei dies bindend. Von dem alten Grundsatz, nach dem Leben auf jeden Fall zu verlängern sei, sei man abgewichen. Trotzdem sei aktive Sterbehilfe im Sinne einer Tötung weiterhin strafbar. Hilfe zum Suizid sei jedoch nicht strafbar.

Gegen die Propagierung der Sterbehilfe, wie es in der Schweiz passiert, sprachen sich alle Beteiligten gleichermaßen aus. Stichwort Schweiz: Dort sei der Arzt in seiner Entscheidung autonomer und könne nach eigenem Gewissen entscheiden. Laut einer Umfrage seien deutsche Ärzte bereit zur Sterbehilfe, wenn es eine entsprechende gesetzliche Grundlage gebe.

Birnbacher hob hervor, dass es jedoch weiterhin Aufgabe der Mediziner sei, zu heilen und somit Leben zu verlängern. Schmerztherapie und Palliativmedizin in der Ausbildung stärker einzubringen, sei jedoch wünschenswert.

Ulrike Clahsen stellte das Hospiz und seine Arbeit vor. Gegen den Begriff „Sterbehospiz“ verwahrte sie sich und sprach selbst von einem „Zuhause auf Zeit“. Mit 14 Betten habe das Hospiz nach dem Umzug in die neuen Räume ideale Bedingungen. „Wenn man Schmerzen hat, ist alles nichts“, betonte Clahsen. Sie plädierte für einen Ausbau der Palliativmedizin, die den Menschen in der letzten Lebensphase helfe. „Wenn optimale Bedingungen vorliegen, minimiert sich der Wunsch zu sterben“, wusste sie. Ein Argument, das Minartz gerne aufnahm. Er verwies darauf, dass Palliativmedizin noch eine recht junge Disziplin sei, die andere Ziele verfolge als andere Stationen eines Krankenhauses, da sie personalintensiv und nicht wirtschaftlich sei. Er sprach sich für weniger Bürokratie aus.

Gerade die Kraftlosigkeit und Müdigkeit am Ende des Lebens würden als unerträglich empfunden, berichtete Minartz. Daher könnten Patienten Infusionen bekommen, damit sie bis zum Eintritt des nahen Todes schlafen würden. Auf Wunsch könne auch die Einstellung der Ernährung erfolgen. Die Gesetzeslage in Deutschland reiche seiner Meinung nach aus, wenn in den Krankenhäusern entsprechend gehandelt werde.

Bei den Zuhörern drehten sich viele Fragen um die Angst vor der Unmündigkeit in der letzten Lebensphase. „Einfach zum Sterben hinlegen“ war ein Bild, das der Hückelhovener Henning Herzberg wählte. Es müsse möglich sein, den eigenen Tod selbst in die Hand zu nehmen, ohne Gewalt gegen sich auszuüben. Auch müsse es einfacher sein, sich über Sterbehilfe und die möglichen Konsequenzen zu informieren. Eine ­Anregung, die er mit in den Bundestag nehmen werdem, versorach Oellers.

(hewi)
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