Aachen: Neue Ticket-Lösung beruhigt die Fan-Seele

Aachen : Neue Ticket-Lösung beruhigt die Fan-Seele

Entsetzen und Unverständnis sind Erleichterung und Solidaritätsgefühl gewichen — und dazwischen liegen wenige Stunden. Noch am Dienstagabend mussten die derzeit Verantwortlichen der Alemannia erklären, dass die Dauerkarten in die Insolvenzmasse flössen, am Mittwoch kam so etwas wie eine erlösende Pressemitteilung. Danach können die Fans selbst bestimmen, für welchen Betrag sie ihre Dauerkarte verlängern wollen. Und diese Lösung stößt offensichtlich auf breite Zustimmung.

So hat Alemannias Fan-Beauftragter Lutz van Hasselt am Mittwoch im Fan-Shop am Tivoli mehrere Anhänger beobachtet, die ihr Ticket verlängerten. Die Summe blieb geheim. „Ich weiß, dass sich viele die Karte vom Mund abgespart haben — die erste Lösung wäre wirklich hart gewesen. Jetzt glaube ich, dass viele freiwillig mehr bezahlen werden. Die Reaktionen auf die Lösung sind recht positiv“, hat van Hasselt beobachtet.

Tradition und Emotion

Vielleicht steckt dahinter auch das Gefühl, selbst an der Rettung des bedrohten Traditionsvereins mitwirken zu können. Diese Gefühlslage sieht ohne Zweifel Stadionsprecher Robert Moonen. Er glaubt, dass es „extrem viel besser“ ist, die Fans mit einzubinden als sie vor vollendete Tatsachen zu stellen. Hinzu käme bei der unvermeidlichen Maßnahme, dass auch die Besucher in den Businessbereichen und Logen nicht bevorzugt würden: „Demnächst gibt es auf dem Tivoli wieder Bockwurst mit Kartoffelsalat. Alles wird wieder bodenständig. Das ist gut.“

Es scheint so, dass sich viele eingefleischte Fans wieder nach einem Stück der alten Alemannia zurücksehnen. Wie zum Beispiel Jupp Ebert, der die Schwarz-Gelben nicht nur im Herzen trägt, sondern mit seinem Song „Alemannia olé“ vor jedem Spiel sicher auch für ein Stück Alemannia-Tradition und -Emotion sorgt. Er hat vor Saisonbeginn viele Bekannte noch zum Kauf einer Dauerkarten „genötigt“ — was er zuletzt eher bedauert hat. Umso erleichterter reagierte er am Mittwoch auf die neue Variante der freiwilligen Zahlung.

Ihn kann man heute oder morgen beim Verlängern seiner Karte treffen: „Natürlich! Ich bin Öcher. Soll ich nach Gladbach oder Köln fahren?“ — die Frage stellt der Sänger mit der rauen Stimme eher rhetorisch. Er hat nämlich zuletzt auch wieder eine Beziehung zur Mannschaft entwickelt. „Viele der Spieler aus dem letztjährigen Kader wollte ich einfach nicht mehr sehen. Die jungen Leute, die zuletzt auf dem Platz standen, stehen wieder für die Alemannia, die ich sehen will. Sie verdienen ihr Geld so wie die Menschen, die hart arbeiten. Die sollen dann auch mein Geld bekommen. Ein Millionär bin ich allerdings nicht. . .“

„Als etwas schwierig“, beurteilt allerdings Kristina Walther die Situation. Die Leiterin des Aachener Fanprojektes findet es nicht so schön, ans Gewissen der Fans zu appellieren. Sie erlebe immer wieder, dass die Fans alles für den Verein täten. „Auch wenn die Kartensperre in der Situation des Insolvenzverfahrens sicher rechtens ist, kann ich verstehen, dass sich Fans auch veräppelt fühlen.“

Treue halten

Seit vielen Jahrzehnten geht auch Prosper Brüderlin zur Alemannia. Der Aachener Juwelier bedauert ausdrücklich das „derzeitige Desaster“. Aber: „Bei der gestrigen Lösung ist die Fan-Seele zu 100 Prozent mitgenommen. Es gibt nämlich viele sehr verärgerte Fans.“ Vor einer richtigen Insolvenz ist ihm nicht bange, dann wäre der Weg frei für einen richtigen Neuanfang.

Er selbst kann sich sehr gut vorstellen, unter den neuen Bedingungen mit seinem Enkel gemeinsam in der Rückrunde mit einer Dauerkarte zur Alemannia zu gehen. Auch er glaubt an das „Wir-Gefühl“ und daran, dass selbst in der 4. Liga mehrere tausend Zuschauer ins Stadion kommen. Er glaubt, dass viele jüngere Spieler der Alemannia die Treue halten. Und erfahrene Spieler wie Sascha Rösler setzten positive Akzente, wenn sie überlegten, am Tivoli zu bleiben. „Ich wünsche mir, dass alles klappt — auch wenn es im Kleinen klappt. Dann müssen wir gemeinsam wieder nach oben gehen.“