Heinsberg: Mittelalterliche Brennöfen entdeckt

Heinsberg : Mittelalterliche Brennöfen entdeckt

Ein schlossartiges Gebäude im Couvenstil zierte bis zu seiner Zerstörung gegen Ende des Zweiten Weltkrieges die Hochstraße an der Stelle, wo heute die Kreissparkasse ihr Domizil aufgeschlagen hat: das Adelige Damenstift.

Über der schönen Rokokotür thronte im Oberlicht mit reich verziertem schmiedeeisernen Gitter das „Auge Gottes” mit der Inschrift „OMNIA VIDET OCULUS ILIUS. ANNO 1704” (Alles sieht sein Auge).

Auf dem Parkplatz hinter den Geschäftsgebäuden der Bank, wo noch vor zweihundert Jahren adelige blaublütige Jungfrauen im Klostergarten lustwandelten, ihre Rosenbeete harkten, den Kräutergarten pflegten, in der aufs Reichste ausgestatteten Klosterkirche ihre Gebete verrichteten und wo sie ihre Toten begruben, ist Unruhe eingekehrt. Hier soll unter anderem eine Tiefgarage für die Bankkunden entstehen.

Doch bevor hier die Bagger anrücken, hat das Rheinische Amt für Bodendenkmalpflege das Sagen. Und niemand weiß, was der historische Boden an Überraschungen bereit hält. Denn hier stand das erste Armenhaus der Stadt, das bei der Belagerung Heinsbergs im Jahre 1543 in Flammen aufging, so wie das ursprünglich vor den Toren der Stadt gelegene Damenstift, das danach an dieser Stelle errichtet wurde.

Im Jahre 1554 wurde dieser Neubau vollendet, nachdem bereits 1553 die Klosterkirche eingeweiht werden konnte. Der Eintritt in dieses Stift war nur adeligen Damen aus dem Hause Heinsberg und dem ganzen westdeutschen Raum vorbehalten.

Die aufzunehmenden Damen hatten ihre adelige Herkunft durch wenigstens drei Generationen aufzuweisen. Durch die Franzosen wurde das Stift 1803 aufgelöst, die Kirche abgebrochen, das Inventar in alle Winde zerstreut und die Gebäude verkauft.

Drei Suchgräben

Die vor drei Wochen eingeleiteten Grabungen durch die von der Bodendenkmalpflege beauftragten fünf Techniker der Firma Archaeologie. de aus Duisburg unter der Leitung der Archäologin Julia Rücker begannen mit der Aushebung von je drei Suchgräben an der Nordostecke des Parkplatzes, in der Mitte beim Durchgang zur Klostergasse, in der Mitte beim alten Bett des Stadtbaches und neben der Gaststätte „Klosterstube”, ehemals Houben-Wieyand.

Schon im Juli 1935 ging die Meldung von einem „grausigen Fund” bei letztgenannter Gaststätte durch die Heinsberger Presse: „Bei Ausschachtungsarbeiten im Anwesen der Gastwirtschaft auf der Apfelstraße stieß man auf drei menschliche Gerippe, die in etwa 60 cm Tiefe eng zusammen lagen”.

Der anfängliche Gedanke an ein Verbrechen wurde schnell fallen gelassen: man war auf das Gräberfeld des Damenstiftes gestoßen. Auch in den 50er Jahren wurden hier menschliche Gerippe gefunden.

Und nun die große Überraschung: anstatt menschlicher Skelette stieß man in fast zwei Metern Tiefe auf die Fundamente zweier mittelalterlicher Brennöfen von je einem Meter Durchmesser und darunter die eines doppelt so großen. „Töpferöfen waren es nicht”, sagt Julia Rücker, denn man habe keinerlei Gefäßscherben gefunden.

Vielleicht hätten die alten Heinsberger hier ihr Brot gebacken. Beim alten Bachbett stieß man auf zurzeit noch nicht bestimmbare Mauerreste und im feuchten Erdwerk auf gut erhaltene Eichenbohlen. Im Suchgraben an der Klostergasse wurde ein Gräberfeld des Klosters aufgedeckt mit fünf Skeletten in Holzsärgen in unmittelbarer Nähe von Resten mächtiger Fundamente der Klosterkirche.

In der Nordostecke des Parkplatzes wurden auf Eichenbalken gegründete Fundamente des Nordflügels des Klosters entdeckt, dazu ein hölzerner mittelalterlicher Brunnenschacht. Damit sind die Suchgrabungen vorerst abgeschlossen.

In den nächsten Tagen finden über den eventuellen Fortgang Gespräche der Kreissparkasse mit der Denkmalpflege statt. Auf das Bauvorhaben der KSK haben die Grabungen keinen Einfluss. Denn, so war von Direktor Horst Wiegand zu erfahren, bestünden seinerseits keine festen Bautermine.