Selfkant: Mit dem Rad über die Seidenstraße: 15.000 Kilometer lange Tour

Selfkant : Mit dem Rad über die Seidenstraße: 15.000 Kilometer lange Tour

Das knallgelbe Mountainbike, das Franz Driessen vor sich hinstellt, wirkt auf den ersten Blick wie ein ganz normales Exemplar seiner Gattung. Bei genauerem Hinsehen stellt der Betrachter jedoch fest, dass es etwas länger ist als üblich. Wer es dann auch noch in die Luft hebt, weiß spätestens, dass hier etwas nicht „mit rechten Dingen” zugeht.

Denn das Gefährt wiegt stattliche 18 Kilogramm. Das Rad ist nämlich keine Alu-Leichtbauweise, sondern besteht aus einem robusten Stahlrohrrahmen. Und das mit gutem Grund. Der 57-jährige stellvertretende Leiter der Grundschule in Birgden möchte mit diesem fahrbaren Untersatz, der bis zu 140 Kilogramm transportieren kann, die legendäre Seidenstraße „erfahren”. Ein Jahr hat er sich daher von seinem Job beurlauben lassen, um sich mit seinem Reisepartner Markus Mayrhofer aus Österreich auf die beschwerliche, 15.000 Kilometer lange Tour zu machen.

„Schon in der Quarta hat mich ein Buch des umstrittenen Schriftstellers und Weltreisenden Sven Hedin über eine Reise in die Wüste Gobi so fasziniert, dass es mein Fernweh weckte”, erinnert sich Driessen noch gut. „Besonders die kargen Landschaften haben es mir angetan.” Erst mit 30 Jahren entdeckte der drahtige Kerl allerdings das Fahrrad als ideales Fortbewegungsmittel für sich. Nach einer Meniskus-Operation hatte ihm sein Arzt dazu geraten, lieber Rad zu fahren als Fußball zu spielen.

„Schon im ersten Jahr fuhr ich rund 6000 Kilometer. Es war wie ein Virus.” Bis zum heutigen Tag hat er unter anderem schon zweimal den Camino hinter sich gebracht, fuhr quer durch die Pyrenäen, überquerte die Dolomiten und nahm am Langstrecken-Rennen vom norwegischen Trondheim nach Oslo teil. „Man fährt die 540 Kilometer lange Strecke nonstop zur Not rund um die Uhr, weil es in der Mittsommernacht nicht dunkel wird”, erzählt Driessen.

Durch das Erlebte auf dem Camino als kultur-historischem Reiseweg sei die Idee gewachsen, irgendwann auch die Seidenstraße im Sattel eines „Drahtesels” zu bewältigen. Im Januar dieses Jahres stand der Entschluss fest, es noch in diesem Jahr zu wagen. Seinen Reisepartner fand der 57-Jährige per Zufall übers Internet. Getroffen hat er den jungen Mann bis zum heutigen Tag noch nicht. Wenn die Reise am Sonntag, 27. Juli, losgeht, werden sie sich in Wien erstmals leibhaftig begegnen. Auf die Seidenstraße begeben sich die beiden Weltenbummler ab Istanbul. Enden soll die Reise in Xian, mitten in China. Eigentlich, so Driessen, betrüge die Strecke „nur” 12.000 Kilometer, doch weil sie über Syrien, Jordanien und Ägypten dem Winter ausweichen müssten, kämen eben noch einmal 3000 dazu.

Kurz vor dem geplanten Reisestart zogen jedoch unerwartet „dunkle Wolken” auf und stellten plötzlich die ganze Terminplanung in Frage. Die sieben Impfungen, denen sich der Grundschullehrer im Mai unterzogen hatte, waren wohl etwas viel gewesen für die Leber. Zum Glück kam er doch wieder recht schnell zu Kräften. Und die hat er bitter nötig, denn 30 Kilo Gepäck auf dem Rad vom Hightec-Zelt über den Wasserfilter bis zur Notration gehen mächtig in die Beine. „Sie glauben gar nicht, wie schwer Papier werden kann”, erklärt Driessen, warum er für das geplante Tagebuch lieber ein Minilaptop als gebundene Blattwerke nutzen wird. „Selbst alle abgeradelten Landkarten schicke ich deshalb per Post nach Hause.”

Trotz der bevorstehenden Strapazen kann der Extrem-Radler den Abfahrtstermin kaum noch erwarten: „Ich freue mich am meisten auf die Erfahrung der Distanzen. Strecken hinter mich zu bringen, Entfernungen ganzheitlich erfahren zu haben im Einklang mit der Natur.” Natürlich sei er auch auf die fremden Menschen und Kulturen gespannt. „Ich nehme eine Auszeit, um Zeit zu haben”, meint Driessen. „Es soll kein Leistungsdruck entstehen. Wenn ich es in einem Jahr nicht schaffe, ist das auch kein Problem, dann komme ich eben früher zurück.”

Zunächst einmal wurde er jetzt jedoch von Selfkants Bürgermeister Herbert Corsten sowie André Mobers, Geschäftsführer des Zweckverbandes „Der Selfkant”, verabschiedet. Sie wünschten Franz Driessen eine gute Reise und überreichten ihm kleine Geschenke, die er auf seinem langen Weg in den verschiedensten Ländern verteilen könne.

Ein Netz von Karawanenstraßen

Als Seidenstraße bezeichnet man ein Netz von Karawanenstraßen, dessen Hauptroute das Mittelmeer mit Ostasien verbindet. Auf ihr gelangten nicht nur Kaufleute, Gelehrte und Armeen, sondern auch Ideen, Religionen und ganze Kulturen von Ost nach West und umgekehrt. Die Bezeichnung geht auf den im 19. Jahrhundert lebenden deutschen Geografen Ferdinand von Richthofen zurück, obwohl bereits die Byzantiner eine ähnliche Bezeichnung verwendeten.