Kreis Heinsberg: Missbrauch: Täter ist nur selten „der große Unbekannte“

Kreis Heinsberg : Missbrauch: Täter ist nur selten „der große Unbekannte“

135 Sexualstraftaten wurden im letzten Jahr im Kreis Heinsberg aktenkundig. In 34 Fällen waren Kinder die Opfer von sexuellem Missbrauch. Jedes einzelne eines zu viel für Kriminalhauptkommissarin Gudrun Kledtke.

Und das Schlimmste: „Das sind natürlich nur die angezeigten Taten. Es gibt wohl keinen Bereich mit einer so hohen Dunkelziffer“, sagt die zweifache Mutter. Sie ist in Sachen Sexualdelikte die einzige Opferschutzbeauftragte im Kreis Heinsberg.

Zu Gast in vielen Schulen

Neben dem Opferschutz ist es vor allem die Prävention, der sich die Polizistin seit zehn Jahren verschrieben hat. Zuvor arbeitete sie elf Jahre lang im Bereich Sexualdelikte. Immer wieder ist die Kriminalkommissarin ein gern gesehener Gast in den Schulen oder anderen Einrichtungen, wo sie Eltern oder Betreuern helfen möchte, einschlägige Gefahren zu erkennen oder zu vermindern. „Wie kann man Kinder besser schützen?“ lautet die Kernfrage, die Gudrun Kledtke umtreibt. „Ich stelle den Menschen dar, wo sexueller Missbrauch beginnt“, sagt sie.

Im Vorfeld gebe es schon so genannte Grenzverletzungen, die ein erstes Alarmzeichen sein können. „Dazu gehören zum Beispiel unangemessene Äußerungen sexuellen Inhalts oder übergriffige Berührungen“, erläutert Kledtke. „Mehr als ein Kind eigentlich zulassen möchte.“ Juristisch gesehen beginne der sexuelle Missbrauch eines Kindes laut Paragraf 176 Strafgesetzbuch dann, wenn ein Erwachsener eine sexuelle Handlung an einem Kind vornimmt oder durch das Kind vornehmen lässt, erklärt die Opferschutzbeauftragte.

„Viele Eltern haben die Befürchtung, dass, wenn Kinder zum Beispiel in die Schule gehen, auf dem Weg dorthin plötzlich ein Sexualtäter mit seinem Auto anhalten könnte oder das Kind auf dem Schulweg zu Fuß angesprochen wird.“ Doch die Gefahr lauert meist aus einer ganz anderen Richtung. „Ich kläre die Eltern darüber auf, dass in 85 bis 90 Prozent der Fälle die Täter im nahen Umfeld, der Familie, dem Bekanntenkreis und der Nachbarschaft zu finden sind. Sie sind dann überrascht, wenn sie hören, wie Täter vorgehen, wie sie Kinder und Eltern gleichermaßen manipulieren.“

Eine andere Zahl, die Gudrun Kledtke nennt, ist mindestens ebenso bestürzend. „Ein Kind, das missbraucht worden ist, braucht bis zu sieben Anläufe, um jemanden zu finden, der ihm glaubt und hilft.“ Warum das so ist, hat viele Gründe.

Das Schamgefühl lasse die Kinder oft nur Andeutungen machen, die oftmals gar nicht richtig gedeutet würden.

„Kinder sagen nicht, der Nachbar oder der Onkel hat mir seinen Penis gezeigt, sie sagen eben, beim Onkel ist es komisch oder ich möchte da nicht mehr hin“, weiß Gudrun Kledtke um die Nöte der Kinder. „Eltern sind vor allem schockiert, wenn sie einer Person vertraut haben. Sie sind oft ratlos, wie es weitergehen soll. Die Fälle, die mich immer besonders betroffen machen, sind die, wenn zum Beispiel die Mütter ihren Kindern nicht geglaubt haben, weil sie eventuell den Lebenspartner oder nahe Angehörige der Tat bezichtigt haben.“

Leider sei das Anzeigeverhalten bei den Menschen immer noch nicht so hoch, wie sie es sich wünschen würde, sagt die Polizistin. Dabei sei es so wichtig: „Hinter jedem Fall steckt ein Täter, durch den auch andere betroffen sein könnten. Aber viele scheuen die Anzeige, weil sie Angst vor der Öffentlichkeit und einer Gerichtsverhandlung haben. Viele wissen auch gar nicht genau, was auf sie zukommt oder befürchten, dass ihnen nicht geglaubt wird.“

Anspruch auf Opferanwalt

In diesem Zusammenhang weist die Opferschutzbeauftragte darauf hin, dass nicht nur der Täter Anspruch auf einen Pflichtverteidiger hat, sondern ein Kind, das Opfer eines Sexualdelikts wurde, auch Anspruch auf einen kostenlosen Opferanwalt. Im Kreis Heinsberg gebe es zudem drei Beratungsstellen, an die sich Missbrauchsopfer wenden könnten, eine der Caritas in Erkelenz, eine der Caritas in Geilenkirchen und eine der AWO in Heinsberg. Die Traumaambulanz aus Krefeld unterhalte überdies noch eine Außenstelle in Heinsberg.

„Kinder müssen selbstbewusst erzogen werden und lernen, ich kann auch nein sagen. Auch gegenüber einem Erwachsenen“, nennt Gudrun Kledtke eine zentrale Botschaft.

Und sollte einem Kind dennoch ein sexueller Missbrauch widerfahren, reicht die Betreuung der Opferschutzbeauftragten in schwierigen Fällen auch schon einmal über die Verurteilung des Täters hinaus. „Es gibt Opfer, die sich bei mir nach vielen Jahren noch melden, weil die von uns vermittelte Therapie geholfen hat.“ Allein dafür habe sich ihre Arbeit schon gelohnt, sagt die Opferschutzbeauftragte.

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