Kreis Heinsberg: Migrationsforscher präsentiert im Kreishaus seine Ideen

Kreis Heinsberg : Migrationsforscher präsentiert im Kreishaus seine Ideen

Der Psychologe, Migrationsforscher und Autor des Buches „Nach der Flucht“, Mark Terkessidis, war Gastredner bei einer gemeinsamen Veranstaltung des Katholischen Forums für Erwachsenen- und Familienbildung und des Kommunalen Integrationszentrums im Heinsberger Kreishaus.

Terkessidis präsentierte seine Ideen für Deutschland als Einwanderungsgesellschaft. Nach den einführenden Worten von Marion Höver-Battermann, einer pädagogischen Mitarbeiterin des Katholischen Forums, stellte der aus Eschweiler stammende Redner seine Thesen vor. Gleich zu Beginn betonte er, dass Deutschland schon immer Einwanderungsland gewesen sei. Zwölf Millionen Flüchtlinge aus den besetzten Landesteilen seien nach dem Zweiten Weltkrieg in die spätere Bundesrepublik geflohen und eingebunden worden.

Marion Höver-Battermann vom Katholischen Forum für Erwachsenen- und Familienbildung Mönchengladbach und Heinsberg führte in den Vortrag zum Thema „Nach der Flucht“ ein. Foto: Bindels

Mit dem Arbeitskräftemangel Anfang der 1960er Jahre hätten sich die Menschen aus den Anwerbestaaten Spanien, Italien, Griechenland und der Türkei hier angesiedelt. Diese Migrationsbewegungen hätten sich ab 1990 noch beschleunigt und laut den Daten des Statistischen Bundesamtes seien in den 24 Jahren bis 2014 insgesamt 23 Millionen Menschen gekommen und 17 Millionen wieder gegangen. Vor diesem Hintergrund seien die eine Million Flüchtlinge des Jahres 2015 keine Ausnahmesituation gewesen.

Willkommenskultur

Es gebe eine „Willkommenskultur“, die geprägt sei von Migrationskursen, Sprachkursen und weiteren Angeboten, die eine schnelle Integration dieser ankommenden Menschen im Blick habe. Und diese Aufgabe sei selbstverständlich eine Querschnittsaufgabe für viele beteiligten Organisationen und behördlichen Einrichtungen. Aber dies müsse anders ablaufen als bisher.

Denn in vielen öffentlichen Bereichen — von der Polizei über die Schulen bis zu den Verwaltungen — sei ein normatives Verständnis feststellbar nach dem Modell „Wir“ und „die zugewanderten Anderen“, die auch noch „Defizite“ hätten — von der Beherrschung der deutschen Sprache bis zur Bildung und den Verhaltensformen. Doch diese Sichtweise sei nicht mehr angemessen. Er forderte eine Neujustierung der öffentlichen Einrichtungen.

Denn es sei ein Irrtum, dass mehr Integration auch mehr Harmonie zwischen den Menschen bringe. Die Gefahr der Parallelgesellschaften belege dies. Dem setze er das Potenzial der „Vielheit“ und kulturellen Öffnung entgegen. Das fordere von beiden Seiten Verständnis, Anpassung und wertschätzende Offenheit in einem langjährigen Prozess, in dem das Aufeinanderzugehen immer auch eine Verhandlungssache zwischen allen Beteiligten sein müsse.

Perspektivwechsel

Terkessidis warb für einen Perspektivwechsel und verwies auf die Erfolge der Inklusionsgesellschaft. So habe nach einem langen Prozess die Barrierefreiheit mittlerweile als Selbstverständlichkeit Einzug in viele Lebensbereiche gehalten. In seinem „Vielheitsplan“ forderte Terkessidis einen anderen Blickwinkel, in dem das vermeintlich Andere, das Neue der hier Zuflucht suchenden Menschen, als Bereicherung und nicht als Bedrohung gesehen werden müsse. Das Grundgesetz sei dabei das Regelwerk, an dem der Prozess der Vielheit sich handelnd orientieren müsse.

Dabei sieht Terkessidis vor allem die Politik in der Pflicht, den sich entwickelnden populistischen Bewegungen der Ausgrenzung entgegenzutreten.

Die Diskussion mit dem Publikum ergab Diskrepanzen zwischen dem gesellschaftlichen Masterplan des Autors und dem Alltag der in den Betreuungsprojekten tätigen Ehrenamtlern und beruflich Verantwortlichen. Der Widerspruch zwischen den oft zeitlich begrenzten Betreuungsprojekten, welche dann oft keine Fortsetzung erlebten, und dem langjährigen Prozess eines gesellschaftlichen Wandels ließ sich nicht auflösen.

Das Gefühl der Engagierten, dazwischen aufgerieben und allein gelassen zu werden, war in der Diskussion nicht selten zu hören. ­Einigkeit bestand darin, nicht aufgeben zu wollen und gemeinsame Aktionen der Wohlfahrtsverbände zu versuchen.

(jwb)