Gangelt-Langbroich/Heinsberg: Langbröker Platt auf 2500 Seiten übersetzt

Gangelt-Langbroich/Heinsberg : Langbröker Platt auf 2500 Seiten übersetzt

Platt ist eine Lautsprache, deshalb wird geschrieben, wie gesprochen wird. Rechtschreibung? Fehlanzeige. Soweit so gut. Da kann sich der Korrektor schon mal den Schweiß aus der Stirn wischen. Doch ganz so einfach ist es dann doch nicht.

Wenn sich zwischen Sprecher und Schreiber eine sehr lange Telefonleitung befindet, kann es passieren, dass einiges geschrieben wird, was gar nicht gesprochen wurde. Im zweiten Teil unserer Serie „opjeschri-ve“ war unter anderem auch die Rede von kleinen Krabbeltieren, die selten alleine anzutreffen sind, also von Ameisen. In der Zeitung stand „Omeseke“, noch näher an der Lautsprache dran wäre allerdings „Oemeseeke“ gewesen. Doppelte Vokale stehen für langgezogene Laute und „das kursiv geschriebene ‚e‘ wird dabei als Gleitlaut nur gehaucht und nähert sich einem leichten ‚a‘“, erklärt Helmut Heitzer.

Jahrelang hat Josef Klaßen aus Langbroich an einem Wörterbuch geschrieben. Das Manuskript ist fertig, jetzt sucht er noch einen Verlag für „Langbröker Platt — Mijn Muodersproak“. Foto: mib

Er ist der stellvertretende Vorsitzende des Vereins Heimatfreunde Dremmen, der die Pflege der Mundart ebenfalls in seine Satzung aufgenommen hat. Heitzer hat für diese Erklärung das Buch „Mundart im Heinsberger Land“ von Leo Gillessen zu Rate gezogen. Dieses Werk aus dem Jahr 1999 ist eine Richtlinie für viele, die Mundart schriftlich festhalten wollen.

Irmgard Windeln haucht das ,e‘ vermutlich eher nicht und schreibt deshalb: „Leef Lü, en Kerkeve sin net maar Koppele van Oameseeke ongerwejs, doa löpt ooch all ens een enkel Oameseek eromm. Bi os jof et een ku-epere Kaffeekann, die en der Tö-et een Blötsch hau. (Een „Tröt“ woar bi os een „Trompete“) „Ursel“ es bi os eene Mä-edschesnaam, ever een „U-esel“, det es een Knoddelsbi-es.“

Und für alle, die kein Kirchhovener Platt sprechen, kommt hier die Übersetzung: „Liebe Leute, in Kirchhoven sind nicht nur mehrere Ameisen unterwegs, da läuft auch mal eine einzelne Ameise herum. ... Bei uns gibt es eine kupferne Kaffeekanne, die in dem Ausguss eine Beule hat. Eine ‚Tröt' ist bei uns eine ‚Trompete'. ‚Ursel' ist bei uns ein Mädchenname, aber ein ‚U-esel', das ist jemand, der sich nicht wäscht, der schmuddelig ist.“

Für die Übersetzung von „Knoddelsbi-es“ wäre jetzt ein Wörterbuch schön gewesen, aber leider hat noch kein Verlag ein Buch mit dem Titel „Kerkever Platt — Hochdeutsch“ in seinem Angebot. Daran, dass es bald ein Nachschlagewerk für Langbröker Platt gibt, hat dagegen Josef Klaßen jahrelang gearbeitet. Die Mundart des Dorfes, in dem er geboren und aufgewachsen ist, liegt ihm am Herzen. Er hat auch das Langbröker Selfkanttheater mit aus der Taufe gehoben, das seine Stücke immer auf Platt auf die Bühne bringt.

Die Idee zum Wörterbuch hatte Klaßen schon vor 20 Jahren. Mit Karteikarten fing er an, doch das war ihm schnell zu umständlich. Also hat der inzwischen pensionierte Leiter des Hauptamtes der Gemeinde Gangelt irgendwann im Jahr 2009 einen Duden, Auflage 24, aufgeschlagen, seinen Computer im Keller seines Hauses in Langbroich eingeschaltet und bei A wie Aal(e) - O’al, Ö’els angefangen.

2500 Seiten mit Langbröker Platt

Das Manuskript ist jetzt 2500 Seiten stark und besteht aus zwei Teilen, aus Hochdeutsch — Langbröker Platt und Langbröker Platt — Hochdeutsch. Die Übersetzung vom Platt ins Hochdeutsche sei nicht immer einfach gewesen. „Für manche Wörter gibt es eigentlich keine direkte Übersetzung. Sie werden im alltäglichen Sprachgebrauch meistens umschrieben, wie zum Beispiel ,Ausziehtisch’.

Da sagt man: Dösch vür uut dö trekke (Tisch zum Ausziehen)“, erklärt er. Viel Hilfe habe er von Werner Mertens, dem früheren Ortsvorsteher von Langbroich-Harzelt, bekommen, sagt Klaßen. Trotz einer schweren Erkrankung, die Mertens nur noch erlaubt mit einem Sprachcomputer zu kommunizieren, habe er ihm „hervorragend zugearbeitet“. Dafür ist er dankbar.

Einen Herausgeber hat Klaßen mit dem Historischen Verein Waldfeucht schon, erste Spenden sind auch schon eingegangen, doch noch ist der Weg bis zum Druck des Werkes weit. Manchmal fällt ihm noch ein Wort ein, und er überlegt: Habe ich das schon? „Es ist nur ein Versuch, es ist nicht komplett, das kann es auch nicht werden“, sagt er. Er wagt es trotzdem. Geschrieben wie gesprochen.