Kosmetikseminare der DKMS Life helfen Krebspatientinnen in Erkelenz

Erkelenz : Kosmetikseminare der DKMS Life helfen Krebspatientinnen in Erkelenz

Melanie hat eine schöne Kopfform. Haare hat sie keine, deshalb sieht man das so gut. Sie hat aber kein Problem damit, ihre Mütze auszuziehen. „Ich bin von Anfang an offen mit der Krankheit umgegangen“, sagt sie. „Warum sollte ich das verstecken?“ Als sie nach der Chemotherapie ganze Büschel ihrer Haare auf dem Kopfkissen entdeckte, hat sie sie gleich ganz abgeschnitten.

Steffi behält ihre Perücke lieber auf und auch die anderen Damen am Tisch fühlen sich „oben mit“ wohler. Und darum geht es an diesem Nachmittag, ums Wohlfühlen. Keiner muss etwas tun, was er nicht möchte bei dem Kosmetikseminar für Krebspatientinnen, das das Erkelenzer Hermann-Josef-Krankenhaus gemeinsam mit der DKMS Life, einer Tochtergesellschaft der Deutschen Knochenmarkspenderdatei, anbietet.

Auch Tücher kann man flechten, wie, das haben Melanie und sieben andere Krebspatientinnen bei dem Seminar „look good feel better“ der DKMS Life im Erkelenzer Krankenhaus von Ulrike Evertz gelernt. Fotos (4): mib Foto: mib

Schminkanleitung

Auch Tücher kann man flechten, wie, das haben Melanie und sieben andere Krebspatientinnen beidem Seminar „look good feel better“ der DKMS Life im Erkelenzer Krankenhaus von Ulrike Evertz gelernt. Fotos (4): mib Foto: mib

„Look good, feel better“ steht auf den grauen Taschen, die auf den zehn gut gepolsterten Stühlen rund um einen großen Tisch stehen. Der Inhalt zeichnet eckige Konturen ins Material. Sein Versprechen: Gut aussehen, sich besser fühlen. Melanie lächelt vorsichtig. Sie weiß noch nicht genau, was sie erwartet. Vor ihr liegt ein Papiertischset mit Schminkanleitung, Q-Tips, Wattepads und ein Schwämmchen bereit. „Ich schminke mich sonst eher wenig“, sagt Melanie. „Ein wenig die Augen. Fertig.“

Auch Tücher kann man flechten, wie, das haben Melanie und sieben andere Krebspatientinnen beidem Seminar „look good feel better“ der DKMS Life im Erkelenzer Krankenhaus von Ulrike Evertz gelernt. Fotos (4): mib Foto: mib

Die Tasche zu öffnen, ist „ein bisschen wie Weihnachten“, findet Elke Arndt. Sie ist an diesen Nachmittagen gerne dabei, stellt sich und die Krebs-Selbsthilfegruppe „Rosa Schleife“ vor und gibt Tipps. Denn sie ist selbst eine Betroffene und weiß noch, wie man sich geschickt ein Kopftuch bindet. Die Produkte in der Tasche tragen die Namen von bekannten Kosmetikfirmen und Drogerieketten.

Jede Tasche ist ein wenig anders gepackt. Kleine Überraschungspakete. DKMS Life finanziert sich über Spenden. Produktwerbung soll aber laut der gemeinnützigen Organisation ausdrücklich nicht gemacht werden. Die Seminare sind für die Teilnehmerinnen kostenlos.

Zeit und Wissen

Ulrike Evertz spendet ihre Zeit und ihr Wissen. Sie ist seit 39 Jahren Kosmetikerin und hat ein eigenes Studio in Mönchengladbach. Als vor drei Jahren eine enge Freundin die Diagnose Krebs erhielt, beschloss sie, sich zu engagieren.„Nehmen Sie eine Feuchtigkeitscreme mit Lichtschutzfaktor“, rät sie den Teilnehmerinnen, denn durch die Chemotherapie wird die Haut lichtempfindlich und sie wird trocken, deshalb: Finger weg vom Puder!

„Mach‘ einfach“

Grüner Kajal? Birgit schaut zweifelnd. Das ist gar nicht ihre Farbe, findet die 74-Jährige. „Mach‘ einfach mal. Du wirst schon sehen“, ermuntert sie die Seminarleiterin. Es geht nämlich gar nicht darum, herauszufinden, was die perfekte Farbe für Birgit ist, sondern, wie sie den Kajal richtig anwendet, um die Wimpern zu „verdichten“.

Nämlich von unten am Wimpernansatz entlang. Und tatsächlich, auch wenn Patricia vorher ziemlich skeptisch das Kästchen mit dem lila Lidschatten aufgeklappt hat, er steht ihr richtig gut. Er harmoniert mit ihren dunklen Haaren. Ihre Perücke wird die gleiche Farbe haben.

Patricia geht es gerade nicht gut, sie steckt mitten in der Chemotherapie. Die ersten Haare sind schon ausgefallen. Trotzdem ist sie gekommen. Genauso wie Resi. Ihre Chemobehandlung ist erst ein paar Stunden her. Sie ist müde. „Normalerweise würde ich jetzt schlafen“, sagt sie. Aber sie sitzt an diesem Nachmittag aufrecht am Tisch vor ihrem Schminkspiegel, genauso wie sieben weitere Damen. Plaudert mit ihrer Sitznachbarin Natalja. Über die Farbe des Rouge. Über den Krebs. Hofft mit der Jüngeren, dass diese keine Chemo braucht.

Ulrike Evertz geht herum, hilft, erklärt. Concealer, also Abdeckstift, wird zum Beispiel nicht aufgemalt, sondern aufgetupft. Jeder Dame schminkt sie ein Auge. Am anderen können sich die Schminkschülerinnen selbst versuchen. „Wenn Sie nur noch drei Wimpern haben, dann tuschen Sie sie nicht mehr“, empfiehlt Evertz im flapsigen Ton. Sie lacht viel und die Teilnehmerinnen auch.

„Die wachsen schnell wieder nach“, tröstet Elke Arndt. Birgit fragt in die Runde, ob auch alle Brustkrebs haben. Köpfe nicken. Durch die Hölle sei die gegangen, erzählt die älteste Teilnehmerin der Runde. Aber sie habe sich durchgekämpft. Und dann ist wieder die Farbe des Lippenstifts Thema. „Ist der nicht zu knallig für mich?“ Es wird getauscht.

Königsdisziplin: Augenbrauen

Haut reinigen, Feuchtigkeitscreme auftragen, Augenschatten abdecken, Make-up auftupfen, Lidschatten auflegen, Wimpern tuschen: Es dauert einige Zeit, bis die Herrin der Pinsel und Tuben bei der Königsdisziplin angekommen ist — den Augenbrauen. Wenn die ausfallen, wird die Krankheit besonders sichtbar.

Der ideale Bogen der Augenbraue lässt sich sogar berechnen. Zum Glück hilft die Abbildung auf den Tischsets. „Bitte nicht ziehen, wir stricheln“, ruft Evertz den Damen zu. Und dann werden Deckel abgenommen, Stifte gedreht, Spiegel näher gezogen. Dr. Brigitte Königs El-Amrawy, leitende Oberärztin der Klinik für Frauenheilkunde, Geburtshilfe, Senologie im Hermann-Josef-Krankenhaus, begleitet die Seminare seit Jahren.

Sie weiß, dass besonders durch die Krebserkrankung an der Brust, dem Symbol für Weiblichkeit schlechthin, das Selbstbewusstsein und das Körpergefühl leidet. Sie schaut am Ende des Seminars herein, gespannt auf das Ergebnis. Den Arztkittel hat sie ausgezogen. Der Klinikalltag soll mal Pause machen.

Nach zwei Stunden sehen Melanies Augen größer aus, ihr Teint ist gleichmäßig, das Lippgloss betont ihre schönen vollen Lippen. Ob sie sich jetzt täglich so schminkt? Sie schmunzelt. Vermutlich eher nicht. Lila ist irgendwie nicht ihre Farbe. Trotzdem. Sie zieht sich ihre Mütze wieder an und lächelt. „Es fühlt sich gut an.“