Kommentiert: Werte mit Füßen getreten

Kommentiert: Werte mit Füßen getreten

Mesut Özil gehört zweifelsfrei zu den besten Fußballern, die dieses Land je hervorgebracht hat. Und das nicht nur wegen seines substanziellen Beitrags zum WM-Titel 2014. Dass er nicht zu den großen Rhetorikern des deutschen Fußballs gehört, kann man Özil ebenfalls ziemlich zweifelsfrei attestieren. Er wirkt in Interviews stets etwas unbeholfen, selbst wenn er nach einem Spiel über sein Hauptbetätigungsfeld spricht.

Angesichts dessen war seine Taktik, sich nicht weiter zum gemeinsamen Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zu äußern, ziemlich clever. Nun hat sich Özil doch noch erklärt, und — Sie ahnen es — etwas unbeholfen kundgetan, was ihn zu dem Auftritt bewogen hat, an dem auch Nationalmannschaftskollege Ilkay Gündogan teilgenommen hatte.

Die Erklärung Özils zeugt von großer Naivität. Ihm sei es darum gegangen, dem Staatsoberhaupt des Landes seiner Vorväter Respekt zu zollen. Und es sei im Prinzip unerheblich, ob dieses Staatsoberhaupt Erdogan sei oder jemand anderes. Wichtig sei lediglich, dass es der Präsident gewesen sei. Und selbstverständlich würde er sich noch mal für so ein Foto zur Verfügung stellen. Im Übrigen sei er Fußballer und kein Politiker.

Das Foto entstand wenige Wochen vor der Präsidentschaftswahl in der Türkei. Natürlich ging es dabei um Politik, natürlich war der gemeinsame Auftritt Wahlkampf für Erdogan. Und bei aller Naivität: Natürlich muss Özil das klar gewesen sein.

Und es muss Özil klar gewesen sein, dass Erdogan nicht einfach irgendein Präsident ist, sondern einer, der wegen Verletzung der Menschenrechte massiv in der Kritik steht — nicht zuletzt in Deutschland, wo noch wenige Wochen vor dem Auftritt um die Freilassung des in der Türkei inhaftierten „Welt“-Journalisten Deniz Yücel gezittert wurde, und wo der ebenfalls von Erdogan verfolgte türkische Journalist Can Dündar Schutz erhält — um nur zwei prominente Beispiele zu nennen.

Fußball ist nicht einfach nur Fußball, wie Sport nicht einfach nur Sport ist — und noch nie war. Deshalb hätten Özil und Gündogan diese Fotos nicht machen sollen. Möglich gewesen wäre das: Emre Can, ein weiterer Nationalmannschaftskollege mit türkischen Wurzeln, war ebenfalls eingeladen worden und hat abgelehnt. Özil und Gündogan hätten sich in jedem Fall aber danach öffentlich entschuldigen müssen. Denn für Propagandabilder mit einem Despoten wie Erdogan gibt es keine Erklärung.

Dass Özil eine Kritik wie diese jetzt als rechte Propaganda abtut: absolut lächerlich.

Zur Not raus aus der Nationalelf

Ohne Entschuldigung ist es schwer, Özil und Gündogan in den Trikots der deutschen Nationalmannschaft zu sehen. In diesen Trikots vertreten sie eine Gesellschaft, zu deren Selbstverständnis Werte wie Rechtsstaatlichkeit, Freiheit, Menschlichkeit und Toleranz zählen. Özil und Gündogan standen einmal wie es Can, Jérôme Boateng, Antonio Rüdiger, Sami Khedira oder Miroslav Klose immer noch tun für gelungene Integration, für das, was in dieser Gesellschaft möglich ist.

Ein Foto mit Erdogan tritt all das mit Füßen. Deshalb hätte der DFB sich längst von Özil und Gündogan distanzieren müssen und sie zur Not aus der Nationalmannschaft ausschließen, auch wenn es in sportlicher Hinsicht wehtut.

Bislang hat der DFB in Sachen Distanzierung eine unglückliche Figur gemacht, weil sie das Politische mit dem Sportlichen vermischt hat, ohne klar politisch zu sein: Wegen der Affäre um das Foto haben Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff und DFB-Präsident Reinhard Grindel Özil zum Sündenbock für das desaströse Abschneiden der deutschen Mannschaft bei der WM gemacht. Das ist ziemlich absurd, denn aus sportlicher Sicht ist zu sagen: Man gewinnt als Mannschaft, und man verliert als Mannschaft.

Özils Erklärung gibt Bierhoff und Grindel nun die Gelegenheit, dieser Argumentation weiter zu folgen, anstatt — sportlich betrachtet — eine ehrliche Bestandsaufnahme in die Wege zu leiten, die sich etwa mit Fehlern in der Turniervorbereitung und einer zumindest fragwürdigen Kader-Zusammenstellung befasst.

Dies ist eine frühere Version, bevor Mesut Özil seinen Rücktritt bekannt gegeben hat.