Kommentiert: Ganz menschlich

Kommentiert: Ganz menschlich

Es ist noch nicht lange her, da zeigte sich Wolfgang Niersbach entsetzt über die Vorgänge im Fußball-Weltverband und um Joseph Blatter und sein korruptes Umfeld.

Der DFB-Präsident stand da mit Leichenbittermiene vor den Fernsehkameras und forderte energisch grundlegende Reformen, um diesen Sumpf trockenzulegen.

Dass im Zuge personeller Neubesetzungen immer öfter sein Name genannt wurde, ehrte Niersbach, man kann auch sagen: Er fühlte sich gebauchpinselt. Das ist eine menschliche Reaktion, Niersbach versuchte sich dann in Verlegenheit und blickte bei entsprechenden Nachfragen wie ein verschämter Schüler zur Seite.

Die Verlegenheit des gelernten Sportredakteurs, der so eine atemberaubende Karriere hingelegt hat, ist nun eine der anderen Art. Diese zu Ende gehende Woche hat die Verhältnisse dramatisch gedreht.

Erst versuchte Wolfgang Niersbach mit einem grandios gescheiterten Befreiungsschlag, Fragen im Zuge der WM-Vergabe 2006 an Deutschland zu beantworten, während sich andere Beteiligte in die Büsche schlugen. Und nun die nächste Volte: Sein Vorgänger Theo Zwanziger bezichtigt ihn schlicht der Lüge.

Was der Spruch bedeutet „man trifft sich immer zwei Mal“, erlebt Niersbach nun am eigenen Leib. Während ihn sein Freund Franz Beckenbauer schön im Regen stehen lässt, begleicht Zwanziger offensichtlich alte Rechnungen.

Der wollte seinen Nachfolger einst selbst bestimmen, hatte Erwin Staudt (den ehemaligen Präsidenten des VfB Stuttgart) schon in Position gebracht. Eine Ohrfeige für Niersbach, der sich der Unterstützung innerhalb des Verbands sicher sein konnte und am Ende des Tages auch den DFB-Thron bestieg. Spätestens seitdem war das Klima vergiftet.

Fifa, Uefa, nun auch DFB: Inzwischen täglich muss man damit rechnen, dass irgendwer irgendwen mit hinunterzieht. Das läuft dann unter dem Deckmantel der Aufklärung und hat seine Gründe auch in persönlichen Animositäten. Auch das ist halt menschlich. Da sind die feinen Herrschaften nicht anders gestrickt als der Rest der Welt.