Kreis Heinsberg: „König Saul“ zieht ins Heinsberger Begas-Haus ein

Kreis Heinsberg : „König Saul“ zieht ins Heinsberger Begas-Haus ein

Es gibt da diesen Streetart-Künstler, Banksy heißt er, der hat seine Bilder in den Pariser Louvre, in die Londoner Tate Modern, das New Yorker Museum of Modern Art und viele andere Museen mit großen Namen gehängt. Einfach so. Heimlich. Ohne zu fragen. Weil er so gut ist und so frech, ist das manchmal auf den ersten Blick gar nicht aufgefallen. So wie Banskys Höhlenmalerei im Britischen Museum. Nur dass der Höhlenmensch einen Einkaufswagen schob, enttarnte ihn.

Ganz so einfach ist es allerdings nicht mit der Kunst, den Gemälden und den Museen. Wie ein Gemälde ins Museum kommt, wer beurteilt, welches Bild es wert ist, aufgehängt zu werden, wer das bezahlt, wer sich das ansieht und vieles mehr, lesen Sie künftig in unserer Serie „Ab ins Museum“.

Das Gemälde „König Saul, dem Lautenspiel eines Pagen lauschend“ gehört ins Museum. Keine Frage. Da sind sich Rita Müllejans-Dieckmann und Wolfgang Cortjaens einig. Und zwar nicht in irgendein Museum, sondern ins Heinsberger Begas-Haus, dem Museum für Kunst und Regionalgeschichte in Heinsberg.

Das großformatige Ölgemälde von Carl Joseph Begas dem Älteren zeigt einen ungewöhnliche Seite seines Werkes, sagt Kustos und stellvertretender Museumsleiter Cortjaens. Begas, der sonst eher „lieblich und nett“ porträtiert, zeigt „dramatische Gemütsbewegung“ in düsterem Licht. „Den müssen wir haben!“ Ein Satz, ein Wunsch, ein schwieriges Unterfangen. Einmal wäre es fast soweit gewesen. Aber nur fast.

Vor zehn Jahren, 2005, wollte die kanadische Eigentümerfamilie das Werk verkaufen. Ein Galerist trat an Rita Müllejans-Dieckmann, die ausgewiesene Begas-Expertin, heran. Sie sollte ihm helfen, die Bedeutung des Bildes einzuschätzen. Sofort war die Museumsleiterin Feuer und Flamme.

Sie bekundeten Interesse, bekam die mündliche Zusage, organisierte Geldgeber, hatte das Flugticket nach Kanada schon in der Tasche — da fiel den Besitzern ein, dass sie doch lieber das Doppelte für das Gemälde haben wollten.

Das Geschäft platzte. „So geht man nicht miteinander um“, sagte Rita Müllejans-Dieckmann. Auch heute, zehn Jahre später, ist sie noch sauer. Es gibt einen Ehrenkodex unter Kunsthändlern. Ein Wort gilt. Eigentlich. Aber: „Wir sehen jedes Kunstwerk zwei Mal!“, sagte sie sich. Zum Trost. Und aus Erfahrung.

Die Heinsberger Begas-Experten lassen nicht locker. Recherchieren immer wieder, ob das Bild noch einmal angeboten wird. Es wird nicht. Im Gegenteil. Einmal liegt ihnen die Expertise eines Händlers aus Montreal zu dem Gemälde vor. Doch die Galerie bestreitet, von der Existenz des Gemäldes auch nur zu wissen. Kurios.

Der Wunsch bleibt. „Wenn wir etwas für das Begas-Haus auf der ‚inneren Wunschliste‘ hatten, dann dieses Bild“, sagt Cortjaens. Weil es so gut passt nach Heinsberg und zur „Lureley“, die bereits dort hängt.

Beide Bilder haben etwas Düsteres. Auf beiden Bildern gibt es eine Burg im Hintergrund, auf beiden Bilder spielt ein Musikinstrument eine Rolle. Bei der „Lureley“ zieht die Laute die Fischer ins Verderben, den „Saul“ hingegen soll das Lautenspiel besänftigen. Obwohl, was für ein Instrument genau das ist, das der Jüngling da in den Händen hält, lohne sich, näher erforscht zu werden. Das sagt Professor Bernhard Matz, Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, der eine Expertise für das Gemälde erstellt hat.

Das Bild „König Saul“ soll Carl Joseph Begas 1839 für den Königsberger Kunstverein (heute Kaliningrad) gemalt haben, es gelangte um 1870 per Verlosung in eine Berliner Sammlung und wurde um 1909 von Vesey Boswell, Québec City, Kanada, erworben. Über hundert Jahre war es dort in Privatbesitz. Im Oktober 2014 taucht es wieder auf. Diesmal in einem Katalog des Auktionshauses Heffel in Ottawa. Rita Müllejans-Dieckmann und Wolfgang Cortjaens reagieren schnell, überlegt, umsichtig. Diesmal muss es klappen. Gutachten werden geschrieben, die Ernst-von-Siemens-Kunststiftung ins Boot geholt, ein Mitbieter informiert.

Die Online-Auktion beginnt wegen der Zeitverschiebung nachts um 2 Uhr. Wolfgang Cortjaens und Rita Müllejans-Dieckmann sitzen daheim an ihren Rechnern. Herzklopfenaktion mit viel Kaffee und Aufgesetztem. Jede Minute blinkt das aktualisierte Angebot auf dem Bildschirm auf. 45 Minuten lang Zittern. Dann — Jubel! Cortjaens tippt in sein Handy: „Wir haben es!“ Keine Reaktion. Eine halbe Stunde lang macht Cortjaens Handy keinen Mucks — seine Chefin ist eingeschlafen.

Die beiden lachen, als von dieser Episode erzählen und davon, wie sie kurz vor Weihnachten nach Bonn gereist sind und zusahen, wie ihre Restauratorin das Bild vorsichtig aus der Klimakiste hob, und davon, wie sie das Bild von dem schwarzen Rahmen befreiten, der aussah „wie ein schwarzes Bügelbrett“ (Cortjaens).

Jetzt hängt „König Saul“ neu gerahmt neben der „Lureley“ im rosafarbenen Torbogenzimmer, dem Herzstück des Museums. Ins rechte Licht gerückt. Eine gepolsterte Sitzbank davor. Eine Einladung, sich hinzusetzen.

Oder man geht ganz nah ran. So wie Professor Bernhard Maaz, der auch bei der Enthüllung des Bildes im März in Heinsberg dabei ist. Ihn fasziniert die Krone am rechten Bildrand. Der alte Rahmen hatte sie verdeckt. Sie bietet Raum für neue Interpretationen. Futter für die Begas-Forschung.

Maaz geht noch näher ran. Kein Foto gibt die Intensität der Farben, den Schwung des Pinselstrichs im Öl, den Glanz des Rahmens so wieder wie das Original. Und das sieht man nur im Museum.