Köln/Solingen/Aachen: Klaus Fiehe: Radio-DJ der aussterbenden Art

Köln/Solingen/Aachen : Klaus Fiehe: Radio-DJ der aussterbenden Art

Weiß denn der junge Kerl an der Pforte nicht, wer draußen vor der Tür steht? Nein, weiß er nicht, sonst würde er nicht nach dem Hausausweis fragen. Der groß gewachsene Mann vor der Glastüre stellt seine Tasche ab, holt sein Portemonnaie raus und fingert leicht hektisch nach dem Ausweis, den er zwischen Führerschein, Kreditkarten und anderem Zeugs endlich doch noch findet und vor die Scheibe hält.

Ein bisschen lästig ist das jetzt schon. Sei‘s drum. Die Tür geht auf. „Ah, der DJ“, sagt der Pförtner. „Ja, genau der“, sagt Klaus Fiehe und bedankt sich ohne jeden Anflug von Ironie sehr freundlich bei dem jungen Burschen, dessen Großvater er sein könnte. Dass der Pförtner ihn nicht auf Anhieb erkannt hat, ist für Fiehe nebensächlich. Star-Allüren gehen dem 59-Jährigen völlig ab. Dabei halten ihn viele für eine Art Übervater unter Deutschlands Radio-DJs.

An Sonntagen von 22 bis 1 Uhr on air: In seiner Radiosendung „Fiehe“ spielt Klaus Fiehe Musik, die man ansonsten beim Radiosender 1Live eher nicht hört. Vor der Sendung legt sich der 59-Jährige auf dem Studioboden die Setlist für die Sendung zurecht. Für alle Fälle griffbereit das Dictionary-Wörterbuch Englisch-Deutsch.
An Sonntagen von 22 bis 1 Uhr on air: In seiner Radiosendung „Fiehe“ spielt Klaus Fiehe Musik, die man ansonsten beim Radiosender 1Live eher nicht hört. Vor der Sendung legt sich der 59-Jährige auf dem Studioboden die Setlist für die Sendung zurecht. Für alle Fälle griffbereit das Dictionary-Wörterbuch Englisch-Deutsch. Foto: Thomas Thelen/1 Live

Das 1Live-Haus in der Kölner Innenstadt ist gespenstisch verlassen an diesem Sonntagabend. Es sind jene seltenen Stunden, in denen das quirlige Treiben in den Räumen des hippen Jugendsenders zur Ruhe kommt. Verwaiste Schreibtische in der Dunkelheit, leere Mineralwasserflaschen vor einer Heizung, die Ausgabe einer „Bravo“ auf dem Boden.

An Sonntagen von 22 bis 1 Uhr on air: In seiner Radiosendung „Fiehe“ spielt Klaus Fiehe Musik, die man ansonsten beim Radiosender 1Live eher nicht hört. Vor der Sendung legt sich der 59-Jährige auf dem Studioboden die Setlist für die Sendung zurecht. Für alle Fälle griffbereit das Dictionary-Wörterbuch Englisch-Deutsch.
An Sonntagen von 22 bis 1 Uhr on air: In seiner Radiosendung „Fiehe“ spielt Klaus Fiehe Musik, die man ansonsten beim Radiosender 1Live eher nicht hört. Vor der Sendung legt sich der 59-Jährige auf dem Studioboden die Setlist für die Sendung zurecht. Für alle Fälle griffbereit das Dictionary-Wörterbuch Englisch-Deutsch. Foto: Thomas Thelen/1 Live

Hier werden tagsüber im Stundentakt Popnachrichten aus der schrillen Welt der Stars und Sternchen produziert. Nicht die Welt von Klaus Fiehe! Wie ein Geist bahnt der sich seinen Weg ins Studio. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man ihn für eine Reinigungskraft halten, die zum Spätdienst erschienen ist, um den Popmüll des Tages zusammenzukehren. Ein Tag, der bis hierhin eh zum Vergessen war.

Rund 40 000 Tonträger: Klaus Fiehe vor einem der unzähligen Regale in seinem Haus in Solingen.
Rund 40 000 Tonträger: Klaus Fiehe vor einem der unzähligen Regale in seinem Haus in Solingen.

Keine Zeit für politische Analysen

Noch eine gute Stunde bis zum Sendebeginn. Fiehe steht etwas ratlos im Studio. Die Alternative für Deutschland (AfD) hat bei drei Landtagswahlen beachtliche Erfolge erzielt. „Was ist denn mit der Linken los? Die ist ja völlig weg vom Fenster“, sagt er. Für politische Analysen bleibt jetzt aber keine Zeit. Fiehe taucht ab in einen Tunnel, wirkt hochkonzentriert, jeder Handgriff sitzt.

Unter der Woche hat er seine dreistündige Sendung vorbereitet, bis kurz vor Beginn („Good evening Ladies and Gentlemen, herzlich willkommen zu 1Live Fiehe . . .“) feilt er an der endgültigen Setlist. Dazu breitet er die CDs nach einem festen Ordnungsprinzip, das nur er versteht, auf dem grauen Studioteppich aus. 30 Stücke peilt Fiehe für die drei Stunden an. Während der Sendung tänzelt er zwischen den am Boden liegenden CDs umher, man fragt sich, wie er es bloß schafft, nicht auf die Hüllen zu treten. Routine! Fiehe macht diesen Job bei 1Live seit 20 Jahren. Und wer nicht weiß, von welcher Band ein bestimmter Song ist, der fragt bei ihm nach. Auch viele Höreranfragen landen beim Experten für Popmusik. Fiehe, das wandelnde Musiklexikon!

Auf dem Mischpult liegen lose Blätter mit Notizen. Daneben ein Päckchen Tabak, Fiehe dreht selbst — van Nelle Halfzware Shag. Das ist ganz schön starker Tobak, was irgendwie zu der Art der Musik passt, die Fiehe spielt. Songs fernab vom Mainstream, mitunter ganz schön schräges Zeug. Breakbeats, straight Beats, sphärische Elektronik, aber auch Bands und Künstler aus dem Bereich Psychedelik, Progressive und Folk.

Und immer gut für eine Überraschung: „Anlässlich des Todes von Udo Jürgens habe ich spontan einen Song von ihm gespielt. Das war ein toller Typ; ich habe mal bei einem Abendessen neben ihm gesessen. Da haben wir uns ausgiebig über Musik ausgetauscht. Unvergessen!“

Nur einer bestimmt, was in der Sendung „Fiehe“ läuft: Fiehe! Bei den 1Live-Kollegen, zu denen er wenig Kontakt hat („Die sehe ich leider nur bei der 1Live Krone oder auf der Weihnachtsfeier“), ist das anders; die haben keinen Einfluss auf das, was in ihren Sendungen läuft, die nehmen das, was man ihnen vorschreibt. Für Fiehe wäre das undenkbar: Das musikalische Menü, das er serviert, stellt allein er zusammen.

Es gibt nicht mehr viele seiner Art. Der Brite John Peel (1939-2004), der bei der BBC auflegte und ähnliche Musik zum Besten gab wie Fiehe, war der Vorzeigemoderator eines Radioformats, das unter der Bezeichnung Autorensendung firmiert und vom Aussterben bedroht ist. Fiehe selbst weiß nur zu gut, dass er eine Art Auslaufmodell ist. Und er weiß auch, dass es nicht selbstverständlich ist, dass man ihm bei 1Live immer noch einen festen Sendeplatz zugesteht — fernab der Primetime wohlgemerkt. „Wenn man mich nicht mehr will, dann gehe ich. Dann werde ich nicht protestieren oder Solidaritätsaktionen ins Leben rufen. Ich habe meinen Job bis hierhin korrekt gemacht; das glaube ich jedenfalls. Ich werde nicht zu Kreuze kriechen.“

Ein einziges Mal habe er sich in seinem Leben beworben — als Saxofonist bei Geier Sturzflug. Und prompt wurde er genommen. 1979 gegründet, feierte die Band aus Bochum ihren größten Erfolg als Teil der Neuen Deutschen Welle. „Bruttosozialprodukt“ schaffte es auf Platz 1 der Single-Verkaufscharts. Von dem Geld, das die siebenköpfige Band verdiente („Wir waren ein sozialistisches Kollektiv, alles wurde durch sieben geteilt, auch die Komponistenrechte“), lebt Fiehe teils heute noch. Peinlich sind Fiehe, der auch bei der Punk-Formation „The Bollock Brothers“ spielte, seine Jahre bei Geier Sturzflug inklusive Auftritt in der ZDF-Hitparade nicht, wenngleich er diese Art von Musik in seiner Sendung eher nicht spielen würde. „Geier Sturzflug war ursprünglich eine Band aus der Hausbesetzerszene. Dass wir mit ‚Bruttosozialprodukt‘ einen Riesenhit landeten, war ja gar nicht beabsichtigt und hatte auch viel mit Zufall zu tun“, sagt Fiehe. Heute gehe er mit diesem Thema sehr gelassen um.

Stillstehen kann er nicht

Immer wieder verlässt Fiehe während seiner Sendung das Studio, um draußen im Innenhof zu rauchen, dazu trinkt er Kaffee aus der Thermoskanne. Stillstehen ist nicht sein Ding, im Hof tigert er auf und ab. Auf einem DIN-A4-Blatt steht geschrieben, dass das Rauchen im Innenhof verboten ist. Fiehe, das 1Live-Urgestein, übersieht den Hinweis geflissentlich. Einer wie er nimmt sich das eine oder andere raus. Auf die Selbstgedrehte will er nicht verzichten. Man wird ihn deswegen nicht rauswerfen. Wie lange man sich einen wie ihn noch leisten kann, steht auf einem anderen Blatt.

Am 1. April 1995 ging 1Live auf Sendung. Jeder zweite Mensch unter 30 Jahren in NRW hört mindestens einmal täglich 1Live. Wie viele Menschen Fiehe hören, weiß niemand, für die Sendung gibt es keine Quotenmessung. Wenn es nach Fiehe geht, dann kann das mit ihm und 1Live gerne noch eine Weile weitergehen. „Man kann auf seine alten Tage noch ganz schön viel Scheiße bauen, dick auftragen und so. Aber es gibt auch Beispiele dafür, dass dies nicht so ist“, verrät Fiehe seinen Hörern und spielt damit auf Iggy Pop an, von dessen neuer CD er zwei Stücke spielt. Schön zu hören, dass die alten Hasen es noch draufhaben.

Nicht ein einziges Mal setzt Fiehe sich in den drei Stunden, die er live on air ist, hin. Er moderiert im Stehen, was für einen Radiomoderator nicht ungewöhnlich ist. Fiehes Sendung lebt auch (oder gerade?) von dem, was er zu sagen hat. „Ich glaube, dass ich eine erzählerische Ader habe, und ich versuche eben, in meiner Sendung die eine oder andere Geschichte unterzubringen.“

Fußball ist so ein Thema, über das er ab und an gerne redet. Die Fans von Zweitligist Fortuna Düsseldorf lässt Fiehe an diesem Abend wissen, dass er sie nach einer neuerlichen Trainerentlassung durchaus bemitleidet. „Was ist denn da los bei der Fortuna? Meine Güte!“ Preußen Münster, Fiehes Lieblingsverein, reißt derzeit allerdings auch keine Bäume aus — Platz sieben in der dritten Liga. „Wäre ich Profifußballer geworden, mir wäre es ähnlich ergangen wie Thomas Icke Häßler. Den richtigen Zeitpunkt des Karriereendes hätte ich garantiert verpasst, womöglich würde ich noch irgendwo in der Verbandsliga für 800 Euro im Monat kicken“, sagt Fiehe eine Woche später beim Gespräch am Küchentisch in seinem Haus in Solingen. Die Küche, so hat es den Anschein, ist der einzige Raum im Haus, der nicht von CDs und LPs dominiert ist. 40 000 Tonträger(!) sollen es nach Auskunft des Hausherren sein, alles alphabetisch geordnet, was nicht bedeutet, dass Fiehe auf Anhieb findet, was er sucht. Das kann mitunter dauern.

Gibt es Momente, in denen er keine Musik hört? „Montags habe ich von Musik auf Deutsch gesagt die Schnauze voll“, sagt Fiehe. Dann sei er platt. „Es gibt ja noch andere Dinge.“

Wer Fiehe begegnet, kann sich das nur schwer vorstellen. Musik ist sein Leben, ein missionarischer Eifer treibt ihn aber nicht. „Gelegentlich gehen die Gäule mit mir durch, wenn ich eine Band besonders gut finde. Dann bemühe ich mich, die Band in ein möglichst positives, vielleicht leicht schräges, surreales Licht zu setzen.“

Dass man Fiehe beim Thema Musik sprachlos erleben würde, hätte man nicht für möglich gehalten. Und doch: Auf die Frage nach der besten Band oder dem besten Künstler aller Zeiten fällt ihm zunächst nichts ein. Schweigend steht er vor einem der CD-Regale. „Ich weiß es nicht. Ich kann es nicht sagen.“ Er könnte viele Bands nennen, klar. Aber die eine? Er bittet darum, die Frage zurückstellen zu dürfen. Kein Thema.

Später, beim Abschied an der Haustür, dann die Antwort, ihm hat das wohl doch keine Ruhe gelassen: „Wenn ich mich entscheiden müsste, dann würde ich Bob Dylan sagen. Auch wenn das jetzt überraschend kommt.“ Dylan?! Bob Dylan?! Nun gut. Überraschend ist gar kein Ausdruck. Man hätte Extravaganteres erwartet.

Eine Woche zuvor in Köln: Es ist 1.15 Uhr, als der Pförtner die Türe öffnet. Fiehe tritt hinaus und scheint die eisige Kälte der Kölner Nachtluft mit besonderem Nachdruck einzuatmen. Nach drei Stunden im Studio ist er erledigt. Manchmal ist auch das Dasein eines DJs einfach nur ein Job. 40 Minuten wird er mit seinem Pkw brauchen bis nach Solingen. Bei Leverkusen holt er sich an der Tanke eine Dose Bier und die Tageszeitung. Rituale! Das Bier trinkt er noch während der Fahrt. „Warum auch nicht?“ Man dürfe das ruhig so schreiben.

Irgendwann wird es so sein

„Wir können uns Zukunft leisten“, hat Fiehe während der Sendung gesagt. Zwar hat er die Erfolge der AfD nicht thematisiert, doch darf man das Zitat gerne als versteckte Kampfansage verstehen. „Wir haben ein Klima der Verbitterung in Deutschland. Und Verbitterung geht ja immer einher mit dem Zweifel an allem, was mit Zukunft zusammenhängt. Ich bin der Meinung, wir können es uns noch leisten, hier in Deutschland nach vorne zu denken. Ja, wir können uns Zukunft leisten.“

Das Zitat stamme nicht von ihm, gesteht Fiehe später. Es sei eine Anspielung auf die Textzeile eines Songs der zwischen 1966 und 1983 aktiven Kölner Politrock-b and „Floh de Cologne“. Aber wer weiß so etwas heutzutage noch?

Fiehe!