Städteregion: Junge Familie und Ausbildung unter einem Hut

Städteregion : Junge Familie und Ausbildung unter einem Hut

Vor rund drei Jahren stand Nataly Voßen vor einer ungewissen Zukunft: Die damals 26-jährige Mutter einer zweijährigen Tochter hatte 2003 die Schule mit der Fachoberschulreife verlassen, die anschließende Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten aber aus gesundheitlichen Gründen abgebrochen.

Nicht gerade perfekte Voraussetzungen, um beruflich Fuß fassen zu können. Doch die Indestädterin ergriff die Initiative, informierte sich und erfuhr von der Perspektive „Teilzeitberufsausbildung“, die im Jahr 2005 in das Berufsbildungsgesetz aufgenommen wurde und jungen Menschen mit familiären Verpflichtungen (Kinder unter 14 Jahren oder pflegebedürftige Angehörige) die Möglichkeit geben soll, Ausbildung und Familie unter einem Hut zu vereinen.

Und sie fand darüber hinaus in Lars Dohmen, Geschäftsführer des im Dürwisser Drimbornshof beheimateten Unternehmens LADO Immobilien, einen Menschen, der bereit war, Nataly Voßen zuzuhören und ihr eine Chance zu geben. Der Unternehmer und seine neue Auszubildende einigten sich auf ein Ausbildungsverhältnis mit 25 Arbeitsstunden pro Woche inklusive des Besuchs der Berufsschule in Köln. Was am 1. September 2011 begann, fand nun vor wenigen Tagen seinen erfolgreichen (vorläufigen) Abschluss: Nataly Voßen bestand ihre Abschlussprüfung zur Immobilienkauffrau mit einer guten Zwei und unterschrieb kurz darauf einen unbefristeten Arbeitsvertrag in ihrem nun ehemaligen Ausbildungsunternehmen.

„Obwohl ich in meinem Unternehmen zuvor bereits fünf Ausbildungsverhältnisse abgeschlossen hatte, war mir das Modell ‚Teilzeitausbildung‘ vor drei Jahren noch vollkommen unbekannt“, blickt Lars Dohmen zurück. „Als Nataly Voßen dann das Gespräch mit mir suchte, war ich von ihrer offenen Art sehr beeindruckt. Es war deutlich zu bemerken, dass sie sich im Vorfeld intensiv mit dem Berufsbild Immobilienkauffrau auseinandergesetzt hatte. Darüber hinaus war es mutig von ihr, diesen Schritt zu wagen. Und diese Entschlossenheit sollte meiner Meinung nach unterstützt werden“, begründet der Kaufmann der Grundstücks- und Wohnungswirtschaft seinen Entschluss, Nataly Voßen einen Ausbildungsplatz anzubieten.

„Wichtige Voraussetzungen für den Erfolg einer solchen Verbindung sind, dass einerseits die Verantwortlichen des Betriebs voll hinter dem Projekt stehen, andererseits aber vor allem der oder die Auszubildende eine hohe Motivation mitbringt“, unterstreicht Lars Dohmen. Von beiden Seiten sei Flexibilität gefordert. „Wird diese aufgebracht, ist vieles möglich“, spricht der Unternehmer nun aus eigener Erfahrung. „Die ‚Teilzeitberufsausbildung‘ gibt Firmen die Gelegenheit, unerkannte Schätze zu heben. Deshalb sollte das Modell unbedingt bekannter werden, denn mit ihm sind Nischen auf dem Arbeitsmarkt zu besetzen“, ist Christine Kappes vom Zweckverband Region Aachen überzeugt.

In die gleiche Kerbe schlägt Waltraud Gräfen von der Industrie- und Handelskammer Aachen: „Wir unterstützen das Projekt und tun einiges, es vor allem in Unternehmerkreisen bekannter werden zu lassen. Bedingt durch den Wandel auf dem Arbeitsmarkt, auf dem Fachkräfte immer händeringender gesucht werden, sind wir aber zuversichtlich, dass sich das Modell verstärkt durchsetzen wird. Es muss die Aufgabe aller Verantwortlichen sein, auch ältere junge Menschen in Ausbildungsverhältnisse zu bringen. Schließlich spielt auch die Lebenserfahrung in so manchem Beruf eine wichtige Rolle. Leider ist die Hemmschwelle bei vielen Unternehmern, Teilzeitausbildungsplätze anzubieten, noch hoch.“

Diese Aussagen werden durch Zahlen bekräftigt. „Weit weniger als ein Prozent der Ausbildungsverhältnisse gehören dem Teilzeitbereich an. In absoluten Zahlen heißt das, zwischen Euskirchen und Heinsberg gibt es rund 100 Teilzeitauszubildende“, macht Christine Kappes deutlich. „Dabei sind in beratungs- und kundenintensiven Branchen sehr junge Auszubildende gar nicht so gefragt, da ihnen oft noch der ‚letzte Schliff‘ im Umgang mit Menschen fehlt“, wundert sich Andrea Hilger, Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsplatz bei der Agentur für Arbeit Aachen — Düren. Deshalb gelte es, auf Ausbildungsmessen die Arbeitgeber gezielt auf das Modell Teilzeitberufsausbildung anzusprechen.

Für Nataly Voßen spielte auch ihr familiäres Umfeld bei der Bewältigung der Doppelaufgabe Tochterbetreuung und Ausbildung eine wichtige Rolle. „Ohne das Organisationskonstrukt, in dem meine Eltern die wichtigste Rolle übernahmen, wäre der positive Abschluss zwar nicht unmöglich, aber wesentlich schwieriger geworden“, ist sie sicher. Hinzu kam die aus ihrer Sicht positive Grundstimmung innerhalb des Ausbildungsunternehmens. „Ich musste als Auszubildende keine Botengänge verrichten, sondern wurde in das Team aufgenommen und bekam die Gelegenheit, in meine Aufgaben als Immobilienkauffrau hineinzuwachsen“, denkt sie gerne zurück.

Es hat Klick gemacht

Selbstverständlich sei dies nicht, schließlich müsse sich der Arbeitgeber bewusst sein, dass im Fall einer Erkrankung des Kindes ein Arbeitstag auch schon einmal wegfalle. Auf der anderen Seite sei beim Auszubildenden Disziplin gefragt, trotz geringerer Arbeitszeit die Anforderungen, auch die der Berufsschule, zu erfüllen. Eine große Aufgabe, der sich Nataly Voßen aber gewachsen zeigte. „Irgendwann hat es bei mir Klick gemacht und es wurde mir bewusst, dass es ohne eine abgeschlossene Berufsausbildung niemanden interessiert, wie gut ich bin“, nennt sie ihren Antrieb.

„In bis zu vier Monaten Probezeit können der Arbeitgeber und der Auszubildende klären, ob sie zueinander passen“, wirbt Waltraud Gräfen bei Unternehmern dafür, Teilzeitauszubildenden eine Chance zu geben.

Schließlich gibt es auch unterschiedliche Varianten. „Teilzeitausbildung ist in allen dualen Ausbildungsgängen möglich. Werden zwischen Arbeitgeber und Auszubildenden weniger als 20 Wochenarbeitsstunden vereinbart, kann die Ausbildung um maximal ein Jahr verlängert werden“, berichtet Christine Kappes. Aus Arbeitgebersicht gelte es laut Lars Dohmen, sich intensiver als bisher mit dem Thema zu beschäftigen.

„Dann sieht man die vielen Vorteile, die dieses Modell beiden Seiten bietet“, so der Geschäftsführer. Und Eile sei geboten: „Auch in diesem Jahr stehen zahlreiche hervorragende Bewerber mit Abitur, Fachabitur oder Berufskollegabschlüssen für eine Teilzeitberufsausbildung zur Verfügung“, weiß Christine Kappes.

(ran)