Aachen: Jetzt macht plötzlich alles Sinn, oder wie?

Aachen : Jetzt macht plötzlich alles Sinn, oder wie?

Endlich war es geschafft! Gerade erst hatte ich meine erste Abiturprüfung in Deutsch hinter mich gebracht. Fast fünf Stunden hatte ich über die Aufgaben nachgedacht und mir die Finger wund geschrieben, jetzt wollte ich mich erstmal mit einer Freundin in einem Café treffen. Ich setzte mich in den Bus, und wollte eigentlich nur die Seele baumeln lassen, aber was mich erwartete, war das absolute Kontrastprogramm zur soeben geschriebenen Klausur.

Neben mir diskutierten zwei Jungs wild über irgendein „krasses“ Computerspiel, das ganz neu auf dem Markt war. „Lass ma Kaiserplatz aussteigen und dann direkt zu Saturn“. Damit war die Sache besiegelt und die beiden Jungs ausgestiegen. So leicht hatte es eine Mutter im vorderen Teil des Busses nicht. „Mama! Kann ich ein Eis? Ich will Eis!“, quengelte ihre kleine Tochter mit Tränen in den Augen. Sehr zum Leidwesen eines Geschäftsmannes, der gerade am Telefon ein wichtiges Geschäft abzuschließen versuchte und den ein oder anderen genervten Blick auf das schreiende Mädchen warf. „Ja das macht Sinn. Aber keine Sorge, das neue Business Case haben wir schon im Board-Meeting besprochen. Wenn die Surroundings stimmen, steht dem Abschluss des Vertrags nichts mehr im Weg.“

Group of young adults taking a selfie at the back of a bus.
Group of young adults taking a selfie at the back of a bus.

Ständiger Wandel

Endlich konnte ich aussteigen und mich auf den Weg zum Café machen. Ich hatte genug von diesem Dschungel der Deutschen Sprache. Eigentlich gehöre ich nicht zu denjenigen, denen sich bei falscher Verwendung von Anglizismen, Genetiv und Co. die Zehennägel krümmen. Aber so kurz nach einer Deutschklausur war das Ganze doch sehr auffällig. Dabei ist die Tatsache, dass sich die deutsche Sprache in einem ständigen Wandel befindet, nicht nur Teil zahlreicher Theorien von Sprachforschern, sondern auch ständig zu beobachtender Alltag. Und das nicht erst seit gestern. Wenn schon jetzt unsere Eltern- und Großeltern über Anglizismen und Jugendsprache nur den Kopf schütteln können, wie soll es dann zum Beispiel einem Walther von der Vogelweide gehen, der etwa 27 Generationen vor uns gelebt hat? Er würde von unserer Sprache heute wahrscheinlich nur noch ein paar Wörter verstehen.

Mit diesem Gedanken und der Frage, warum sich Sprache überhaupt wandelt, hat sich auch der Sprachwissenschaftler Rudi Keller von der Uni Düsseldorf beschäftigt und herausgefunden, dass es sich mit der Sprache ähnlich wie mit Trampelpfaden in einem Park verhält. Anstatt auf den angelegten Wegen zu bleiben, bevorzugen Menschen immer die kürzeste und einfachste Strecke, so dass sich Trampelpfade bilden. Auch die Sprache wird so immer unkomplizierter gemacht und allzu lästige Regeln einfach geändert. Das gilt für den bekannten Tod des Genitivs genauso wie für das Verschwinden von Artikeln oder ganzen Wörtern innerhalb eines Satzes. Solange der Gesprächspartner versteht, was gemeint ist, stört die entstandene Lücke nicht. Im Gegenteil: Immer mehr Menschen bevorzugen die einfache Variante, bis der systematische Fehler zur neuen Regel wird und Sätze wie „Kann ich ein Eis?“ auch ohne das Verb „haben“ zum Alltag gehören.

Das Gleiche Prinzip findet auch bei der Vergangenheitsform von Verben Anwendung. Anstelle der komplizierten unregelmäßigen Vergangenheitsform, bekommen weniger oft verwendete Verben einfach die regelmäßige Endung „-te“ verpasst. So ist es mittlerweile völlig normal, dass ich gestern einen Kuchen „backte“ und nicht buk. Das ist gleich viel bequemer auszusprechen und obendrein noch einfacher zu merken.

Ein weiterer Punkt, der Sprachpuristen auf die Palme bringt, ist der Einfluss von anderen Sprachen. Ganz vorne zu nennen ist da natürlich Englisch. Die Weltsprache beeinflusst besonders die Werbe- und Geschäftsbranche, wo dann auf „Meetings“ über die neusten Innovationen im Bereich Tablet, Smartphone und Co. „gebrieft“ wird. Aber durch falsche Übersetzungen schleichen sich auch so manche anfangs außergewöhnlichen Redewendungen in den alltäglichen Sprachgebrauch und mittlerweile auch in den Duden ein. Jetzt „macht“ plötzlich alles Sinn und man „realisiert“, wie allgegenwärtig der Sprachwandel ist, obwohl realisieren im Deutschen „verwirklichen“ bedeutet.

Sprachpuristen

Eine eindeutige Antwort auf die Frage, warum wir Sprache verändern, obwohl sie doch schon so lange funktioniert, gibt es allerdings nicht. Genauso wie auf die Frage, ob der Sprachwandel gut oder schlecht ist. Sprachpuristen sehen unsere Sprache als stark gefährdet an, für Rudi Keller und andere Sprachwissenschaftler sind dagegen Anglizismen eine Bereicherung. Ich persönlich sehe das alles auch nicht ganz so kritisch. Ich gehöre selbst zu den faulen Sprechern und kürze Sachen gerne ab. Die Sprache verändert sich nun mal mit der Zeit, und sie lässt sich auch nicht lenken. Wer weiß schon, wie unsere Kinder oder Enkelkinder später mit uns reden werden? Fest steht, dass auch sie zwischen einer Alltags- und einer Fachsprache unterscheiden werden müssen. Dass man in einer Abiturklausur keine Umgangssprache verwendet oder Artikel weglässt, versteht sich wohl von selbst. Wenn man sich aber mit Freunden trifft oder zu Hause mit den Eltern spricht, stören Anglizismen und Verkürzungen nicht.

Auch nicht, als ich endlich an dem Café angekommen war, in dem meine Freundin schon auf mich wartete. Die Frage „Na, wie war Deutsch?“ reichte völlig aus, um sich nach dem Gelingen meiner Klausur zu erkundigen. Rudi Keller hatte wohl recht damit, dass wir uns lieber auf den Trampelpfaden der Sprache bewegen und grammatische Regeln eben einfach mal außer Acht lassen.