Aachen: Jede versäumte Minute kostet hier Lebenszeit

Aachen : Jede versäumte Minute kostet hier Lebenszeit

Wenn der Notfall eintritt, kann jede versäumte Minute bedeuten, dass lebenswichtiges Herzgewebe zerstört wird und der Tod eintritt oder unser Gehirn Schädigungen erfährt, die uns in Zukunft zu einem behinderten Leben mit Sprach- und Bewegungsstörungen zwingen.

„Notfall: Herzinfarkt und Schlaganfall” lautet das Thema beim Forum Medizin von Aachener Zeitung und Universitätsklinikum Aachen am Dienstag, 5. April, 18 Uhr, im Hörsaal 4 des Klinikums (Pauwelsstraße). Bereits ab 16.30 Uhr können die Besucher beim „Treffpunkt Medizin-Forum” im nahegelegenen großen Seminarraum (Weg ist ausgeschildert) wertvolle Gesundheitsinformationen rund um das Motto des Abends sammeln.

Experten, die beim AZ-Forum ab 18 Uhr zu neuen Erkenntnissen bei Diagnostik und Therapie von Herzinfarkt und Schlaganfall Rat und Auskunft geben, sind aus dem Universitätsklinikum Professor Dr. Nikolaus Marx, Direktor der Medizinischen Klinik I, Professor Dr. Martin Wiesmann, Direktor der Klinik für Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie, und Dr. Arno Reich, Oberarzt der Neurologischen Klinik, ferner dabei sind Dr. Manfred Bauer, niedergelassener Facharzt für Allgemeinmedizin, Dr. Jörg C. Brokmann, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst Stadt Aachen, und Ulla Brendel, als Sporttherapeutin Leiterin von Herzsportgruppen beim Post- und Telekomsportverein Aachen.

Es geht um die Gefäße des Körpers: Jeder Verschluss (Stenose), also das Verstopfen eines Gefäßes, kann ein lebensgefährliches Ereignis provozieren, ob nun beim Schlaganfall (Blutgefäß im Gehirn) oder beim Herzinfarkt (Herzkranzgefäß). Seltener sind Blutungen durch Gefäßrisse. „Täglich sehen wir Patienten mit überhöhtem Blutdruck, zu hohen Blutfettwerten oder mit Erkrankungen, wie Diabetes mellitus, die gleichfalls die Gefäße schädigen”, spricht Manfred Bauer aus Erfahrung. Immer wieder gilt es gerade in der Hausarztpraxis, den Patienten die Folgen der Risikofaktoren klar zu machen. „Allein Rauchen, Alkoholmissbrauch und Übergewicht steigern Herzinfarkt- und Schlaganfallgefährdung.”

Und wenn es zum Ernstfall kommt? „Bereits beim Verdacht auf solch eine Attacke muss der Rettungsdienst gerufen werden”, betont Jörg C. Brokmann. Der Leiter des Rettungsdienstes versichert: „Lieber einmal öfter den Notarzt alarmieren, als wichtige Zeit verstreichen zu lassen.” Die Alarmzeichen beim Infarkt (starke Beschwerden in der Brust, Luftnot, kalter Schweiß) sind so schmerzhaft, dass man sie kaum ignorieren würde. Subjektiv weniger dramatisch läuft häufig ein Schlaganfall ab, doch die Signale müssen gleichfalls ernst genommen werden - eine vorübergehende Lähmung etwa, Sehstörungen oder eine Sprachstörung.

Sofort anrufen

In jedem Fall ist der Griff zum Telefon die richtige Reaktion: 112! „Immer klar und deutlich den Namen, die Adresse und eine Rückrufnummer nennen”, sagt der Notarzt. Selbst bei Bewußtlosigkeit oder drohendem Atemstillstand gibt die Leitstelle dem Anrufer Anweisungen - im Ernstfall sogar zur Wiederbelebung.

Bereits beim Patienten zu Hause und im Rettungswagen sind inzwischen per Telemedizin wichtige Voruntersuchungen möglich. So werden nicht nur Puls und Blutdruck gemessen. Das noch vor Ort geschriebene EKG liefert dem Ärzteteam am Herzkatheter in der Klinik notwendige Informationen, und der Patient wird bereits unmittelbar nach der Ankunft behandelt - die Notaufnahmeformalitäten kommen in diesem Fall später an die Reihe oder werden von Begleitpersonen übernommen. „Wir sind eines der wenigen Krankenhäuser, in dem Herzchirurg und Kardiologe so selbstverständlich und eng zusammenarbeiten”, betont Nikolaus Marx. „Wir entscheiden stets gemeinsam, was bei einem vermuteten Herzinfarkt zu tun ist. Patienten mit derart komplexen Befunden müssen auf ein kompetentes Herzteam treffen”.

Liegt ein Schlaganfall vor, werden die Symptome zunächst dokumentiert und ausgedeutet. „Die Anamnese, also das erste Gespräch des Arztes mit dem Patienten, ermöglicht uns einen sehr schnellen Überblick”, so der Neurologe Arno Reich. „Früher hat man diese Patienten einfach ins Bett gelegt, später höchstens mit einem Gerinnsel auflösenden Medikament behandelt, bei dem es aber als Nebenwirkung zu Blutungen in anderen Körperregionen kommen kann”, so der Neuroradiologe Martin Wiesmann. Sehr neu, aber bereits etabliert ist inzwischen das Mikroretriever-System: Mit der Hilfe von drei bis fünf ineinander verschachtelten Mikrokathetern rückt der Experte über Baucharterie, Halsschlagader und durch die Schädelknochen bis zum verschlossenen Gefäß vor. „Mit speziellen Werkzeugen lässt sich das Gerinnsel herausziehen oder absaugen”, beschreibt Wiesmann ein Verfahren, das selbst bei alten Patienten noch angewendet wird. „Über 90 Prozent der Verschlüsse können in weniger als einer Stunde beseitigt werden”, beschreibt Wiesmann seine Erfahrungen. „Die Behandlung hilft allerdings nur in den ersten Stunden nach einem Gefäßverschluss.”

Sind Schlaganfall und Herzinfarkt überstanden, gilt es, eine neue Attacke zu verhindern. Hat der Verschluss im Gehirn Ausfallerscheinungen zur Folge, tritt eine lange, extrem mühsame Phase der Rehabilitation ein, die neurologisch betreut wird.

Und der Herzpatient? „Ein gezieltes Bewegungsprogramm sorgt dafür, dass diese Menschen wieder fit werden und gesünder bleiben”, spricht Ulla Brendel aus langjähriger Erfahrung. Dabei ist ihre erste Aufgabe bei einer Herzsportgruppe: „Den einen die Angst nehmen, die anderen, die zu stürmisch ans Training herangehen wollen, zu bremsen.” Wichtig beim gemeinsamen Herzsport ist nicht nur die Anwesenheit eines Arztes, der im Notfall helfen kann, sondern auch die Freude in einer Gemeinschaft zu sein, in der man sich angenommen fühlt.” Weitere Informationen beim AZ-Forum. Der Eintritt ist frei.