Düren: Initiative für ein inklusives Wohnprojekt für Menschen mit und ohne Behinderung

Düren : Initiative für ein inklusives Wohnprojekt für Menschen mit und ohne Behinderung

Astrid Pabst hat eine Vision: Die 63-Jährige möchte im Kreis Düren ein inklusives Wohnprojekt für Menschen mit und ohne Behinderung initiieren. Ganz konkret soll ein Haus mit zwei Wohngruppen und zehn Appartements entstehen. 15 Menschen mit und fünf ohne Behinderung sollen dort leben.

Astrid Pabst und ihr Mann Michael (69) haben zwei Söhne. Christian (32) ist geistig und motorisch eingeschränkt. Kommunizieren kann er nur mit Hilfe eines Sprachcomputers. „Wir machen uns schon sehr lange Gedanken darüber“, sagt Astrid Pabst, „wie Christian einmal leben und auch weiter gefördert wird, wenn wir nicht mehr da sind oder ihn nicht mehr versorgen können.“ Die Pabsts haben sich viele Wohnhäuser und Heime angeschaut. „Bei denen, die für Christian überhaupt in Frage kommen würden, gab es Wartelisten mit deutlich mehr als 50 Bewerbern. Und da haben wir uns irgendwann entschlossen, uns selbst auf den Weg zu machen.“

Mit fünf weiteren Elternpaaren, die auch ein behindertes Kind haben, haben Astrid und Michael Pabst den Verein „Wohnen mit Freunden“ gegründet. „Unser Ziel ist es, unseren behinderten Kindern die Möglichkeit zu geben, so selbstbestimmt und eigenverantwortlich zu leben, wie es geht. Und das mit einer entsprechenden Förderung von pädagogischem Fachpersonal.“ Der Verein möchte ein entsprechendes Haus selbst bauen und rechnet mit Baukosten von rund 2 Millionen Euro.

Es gibt bereits eine erste Architekten-Skizze für das Gebäude, derzeit sind Astrid Pabst und ihre Mitstreiter auf der Suche nach einem geeigneten Grundstück im Kreis Düren — und diese Suche gestaltet sich ziemlich schwierig. Das Grundstück soll um die 2000 Quadratmeter groß und möglichst in der Nähe von Einkaufsmöglichkeiten und öffentlichem Personennahverkehr sein. „Wir wollen unser Projekt mit öffentlichen Geldern und Darlehen finanzieren“, sagt Astrid Pabst. „20 Prozent der Baukosten müssen wir aber mit Eigenmitteln finanzieren.“ Es hat bereits Gespräche mit der „Aktion Mensch“, einer auf Initiative des ZDF entstandenen Sozialorganisation, gegeben.

Die Hilfsorganisation hat zugesagt, das Wohnprojekt mit 110.000 Euro zu unterstützen. Astrid Pabst: „Dafür müssen wir aber Voraussetzungen erfüllen. Zum Beispiel darf in einem Umkreis von 500 Metern rund um unser Haus kein anderes Behinderten- oder Seniorenheim sein. Da ein entsprechendes Grundstück zu finden, ist schwierig.“

Zinsloses Darlehen

Astrid Pabst hat ihr Projekt schon bei verschiedenen Kommunen vorgestellt, unter anderem in Düren, Jülich, Merzenich, Niederzier und Langerwehe. Auch mit dem Landschaftsverband (LVR), der ein zinsloses Darlehen bis zu 200.000 Euro in Aussicht gestellt hat, hat es Gespräche gegeben. Das Bundesbauministerium hat dem Projekt das Prädikat „zukunftsweisend“ zugesprochen. „Damit“, so Astrid Pabst, „bekommen wir eine kompetente Projektbegleitung finanziert.“ Zusätzlich zur Hilfe von „Aktion Mensch“ und LVR muss der Verein rund 200.000 Euro selbst aufbringen.

Was den laufenden Betrieb des Hauses angeht, ist die Finanzierung weniger kompliziert. Die Menschen mit Behinderung haben Anspruch auf eine Eingliederungshilfe, die je nach Schwere der Behinderung individuell ermittelt wird. Außerdem gibt es Anspruch auf Grundsicherung und Leistungen aus der Pflegekasse. Mit diesem Geld könnten das tägliche Leben, aber auch die Fachkräfte, die in dem Haus arbeiten werden, finanziert werden.

Die Wohnungen für die Menschen mit Behinderungen sollen Sozialwohnungen sein, die Appartements für die nicht-behinderten Bewohner sollen zum üblichen Preis gemietet werden können. Pabst: „Mit diesen Mieten können wir zunächst die Darlehen zurückzahlen und später Rücklagen für Reparaturen bilden.“ Zudem soll eine Stiftung gegründet werden, die die finanziellen und rechtlichen Angelegenheiten für das Wohnprojekt übernehmen soll. Aber welche Rolle sollen die nicht-behinderten Bewohner des geplanten Hauses übernehmen? Astrid Pabst: „Es gibt keinen Zwang. Wir wünschen uns aber eine gute Nachbarschaft, in der man sich gegenseitig hilft.

Es sollen aber keine Betreuungsaufgaben für die behinderten Menschen übernommen werden. Dafür gibt es das Personal.“ Astrid Pabst ist davon überzeugt, dass es Menschen gibt, die sich gemeinsames Wohnen mit Behinderten vorstellen können.

Voneinander profitieren

„Wir haben eine Anzeige aufgegeben, um ein Grundstück zu finden“, erzählt die engagierte Mutter. „Darauf haben sich zwei Frauen gemeldet, die sich vorstellen konnten, in so einem Haus zu wohnen.“ Auch von behinderten Menschen, ergänzt Papst, könne man viel profitieren. „Ich habe durch meinen Sohn eine neue Welt kennenlernen dürfen.

Das Zusammenleben mit behinderten Menschen kann eine enorme Bereicherung sein.“ Wie schnell sich das Wohnprojekt realisieren lässt, können Astrid und Michael Pabst nicht sagen. „Wir brauchen ein Grundstück, dann können wir anfangen, Fördermittel, Kredite und Hilfe von der ‚Aktion Mensch‘ zu beantragen.“ In fast allen Gesprächen, die sie bisher geführt hat, hat Astrid Pabst gehört, dass sie und ihre Mitstreiter einen langen Atem brauchen. „Die Zeit drängt“, sagt Pabst. „Wir möchten noch erleben, dass unser Sohn sich in seinem neuen Zuhause wohlfühlt und ihm bei der Umgewöhnung auch helfen.“

Trotzdem habe sie alle Geduld, die nötig sei. „Ich bin sicher, dass wir eines Tages unser Haus eröffnen werden. Weil es mein Herzenswunsch ist, und weil ich davon überzeugt bin, dass es funktioniert.“