Heinsberg: In die Geschichte der Lebenshilfe „eingetaucht”

Heinsberg : In die Geschichte der Lebenshilfe „eingetaucht”

Eine große Feier, viele offizielle Gäste und ebenso viele Lobreden: Genau das wollten Karl Labonde und Jürgen Rosenthal nicht anlässlich ihrer runden Geburtstage, die sie in diesen Tagen feierten. Labonde, ehemaliger Vorsitzender der Lebenshilfe, ist gerade 80 Jahre, Ex-Geschäftsführer Rosenthal 70 Jahre alt geworden.

Viel mehr freuten sich die beiden Männer der ersten Stunde der Heinsberger Lebenshilfe da über die Einladung ihrer Nachfolger ins Café der Begegnung in Heinsberg an der Borsigstraße, wo sie mit einem Dutzend Werkstatt-Mitarbeitern, sowohl lang „gedienten” als auch ganz jungen, noch einmal in die Geschichte der Lebenshilfe „eintauchen” konnten.

Kaum war der Kuchen bestellt, steckten sie auch ihre Köpfe schon zusammen, Labonde mit Tischnachbarin Raquel Kayss, Rosenthal mit Friedrich Roth, der zufällig neben ihm saß und sich im Laufe des Nachmittags zu seinem großen Bewunderer entwickeln sollte.

Und dann begann Rosenthal zu erzählen, blickte zurück in die Mitte der 60er Jahre, wie es sich Geschäftsführer Edgar Johnen in seiner kurzen Begrüßung gewünscht hatte. „Wenn die beiden nicht gewesen wären und ihre Ärmel hochgekrempelt hätten, würde es heute keine Werkstatt geben”, hatte er den anwesenden Mitarbeitern dabei erklärt.

Sechs Jahre alt sei sein Sohn gewesen, berichtete Rosenthal, da habe er vom Schulamt den Bescheid erhalten, dass sein Kind nicht schulfähig sei. Der Junge sei behindert, daher brauche er keine Schule, sei damals der Tenor gewesen. „Das kann ja nicht wahr sein, habe ich mir gesagt.” Eigentlich müssten ihre Frauen hier sitzen, so Rosenthal weiter. Sie hätten sich auf der Straße getroffen und über die Behinderung ihrer Kinder gesprochen. Von da aus hätten die Dinge ihren Lauf genommen. Im alten VW-Käfer mit Kofferschreibmaschine hätten er und Labonde sich auf den Weg gemacht, von Familie zu Familie. Entstanden sei schließlich als Vorläufer der 1976 gegründeten Rurtal-Schule eine Tagesbildungsstätte für behinderte Kinder.

„Da bist du auch noch drauf”, erklärte er bei der Durchsicht alter Fotos und Zeitungsausschnitte Hans-Werner Jeworutzki, der mit 35 Jahren derzeit „dienstältester” Mitarbeiter der Lebenshilfe ist.

Damals habe es eine Diskussion darüber gegeben, ob der erste Bauabschnitt mit 150 Arbeitsplätzen nicht zu groß geplant sei. Heute seien es schon über 1000 Mitarbeiter. „Ich bin stolz auf die Eltern der Gründerzeit, die haben mit angepackt”, sagte Rosenthal und wurde dann auch ein wenig wehmütig.

Heute lasse das Interesse der Eltern nach. Das Angebot sei breit gestreut und müsse einfach nur noch in Anspruch genommen werden. Früher sei zwar alles viel familiärer gewesen, dafür könne heute viel stärker auf die Wünsche der behinderten Menschen selbst eingegangen werden, ergänzte Labonde.

Gespannt hörten die Mitarbeiter den Erzählungen der beiden Gründer zu. „Ich bin verdammt stolz, hier zu arbeiten”, erklärte dann Andrea Koch, Mitglied im Werkstattrat. „Wenn Sie nicht gewesen wären, hätten wir keine Arbeit und wir wären aus der Gesellschaft ausgeschlossen”, pflichtete Friedhelm Roth ihr bei, der seit einem Jahr bei der Lebenshilfe ist und derzeit in der Küche der Werkstatt an der Borsigstraße arbeitet.