Städteregion: Hospizgespräch nimmt vernachlässigte Gruppen in den Blick

Städteregion : Hospizgespräch nimmt vernachlässigte Gruppen in den Blick

An seinem Lebensende möchte jeder Mensch gut versorgt und begleitet sein, medizinisch und menschlich. Dazu trägt die über die letzten Jahrzehnte gewachsene Hospiz- und Palliativkultur bereits einiges bei. Doch es gibt noch viele Herausforderungen für alle, die sich in diesem Feld bewegen.

Beim 107. Aachener Hospizgespräch im Museum Zinkhütter Hof in Stolberg haben die Teilnehmer mit Experten aus Politik, Wissenschaft, Medizin und Gesundheitswesen unter der Überschrift „Vom Wegschauen zum Hinschauen“ über das Modell der „Caring Community“, der sorgenden Gemeinde, und über Gruppen, Einrichtungen und Regionen diskutiert, die in der Hospiz- und Palliativkultur vernachlässigt werden. Im Fokus stand dabei auch das 2015 in Kraft getretene Hospiz- und Palliativgesetz (HPG).

Engagieren sich für Menschen am Ende ihres Lebens: die Organisatoren und Referenten des 107. Aachener Hospizgespräches. Foto: Ralf Roeger

Ländlicher Raum vernachlässigt

Das neue Gesetz habe die Regelversorgung in den Blick genommen und wichtige Schritte getan, um die Einrichtungen, die Krankenhäuser und die ambulante Versorgung im hausärztlichen und pflegerischen Kontext zu stärken, erklärte Veronika Schönhofer-Nellessen, Leiterin der Servicestelle Hospiz für die Städteregion und hauptverantwortliche Veranstalterin. „Die Herausforderung sowohl an die Gesetzgebung als auch an die regionale Versorgung und Begleitung am Lebensende bleibt.“

Gruppen, Einrichtungen und Regionen, die bislang wenig oder gar nicht im Blick der palliativen und hospizlichen Arbeit seien, müssten wahrgenommen und in die Unterstützungsangebote eingebunden werden. Als Beispiele nannte sie den ländlichen Bereich sowie schwer kranke Menschen im Übergang von der Kindheit zum Erwachsenwerden. Ein Modell, wie sich das Sorgenetz verbessern lasse, könne die „Caring Community“ sein — ein Ansatz, über den europaweit diskutiert werde.

Die Vorträge, Workshops und Diskussionsrunden des anderthalbtägigen, bundesweiten Kongresses beleuchteten diese Themenstellung aus verschiedenen Perspektiven, wobei neben den Erkenntnissen und Einschätzungen der Experten immer wieder die Praxiserfahrungen der Teilnehmer, Haupt- und Ehrenamtliche aus Einrichtungen und ambulanten Diensten, einflossen.

So wurde im Austausch über das Modell einer sorgenden Gesellschaft deutlich, wo sich der ländliche Raum — in der Städteregion insbesondere die Eifel — vernachlässigt fühlt. Jenseits der Himmelsleiter ende die Versorgung durch Dienste wie Homecare, niedergelassene Ärzte seien nicht immer erreichbar, wenn sie gebraucht würden, hieß es.

Und wer sich in dem Bereich ehrenamtlich engagiert, fühlt sich oft alleingelassen. Dafür funktionieren in ländlichen Regionen wie der Eifel noch gemeinschaftliche und nachbarschaftliche Strukturen, die im städtischen Raum stärker verlorengehen.

Dr. Frans Vosman, Professor für Care-Ethik an der Universität Utrecht, plädierte dafür, stärker von unten nach oben zu schauen und „lebendiges Bürgerwissen“ mit politischer und gesellschaftlicher Ethik zusammenzubringen, auf die Erfahrungen der Menschen zu schauen und darauf, welche Sprache sie haben, um „neue Wörter innerhalb der Palliativmedizin“ zu finden.

„Die Aufgabe der Politik ist es, die Bedürfnisse sterbender Menschen herauszufinden, Erfordernisse zu priorisieren und nicht einfach zu denken, man wüsste, welche Versorgung gewünscht ist.“ Dazu gehöre dann auch einzugestehen, dass das Versprechen, jeder könne die beste palliativmedizinische Versorgung erhalten, möglicherweise nicht erfüllbar ist.

Palliativmedizinische Ausbildung

Menschen wollten am Ende ihres Lebens mit all ihren Bedürfnissen und Wünschen als Ganzes gesehen werden, sagte Dr. Andreas Wittrahm, Bereichsleiter für Facharbeit und Sozialpolitik beim Caritasverband für das Bistum Aachen. Sterbenskranke und ihre Angehörigen bräuchten das Aufgehoben-sein im Alltag, Teilhabe am Leben, Ermutigung und Entlastung durch Nachbarschaft.

„Strukturen brechen weg, wo vorher sozialer Austausch stattgefunden hat. Wir brauchen etwas, wo alle Bedürftigkeiten von Menschen an ihrem Lebensende zusammenfließen, Orte und Menschen, die dafür Kristallisationspunkte sind. Die Einrichtungen vor Ort könnten hier Ankerpunkte sein.“

Zu den vernachlässigten Gruppen zählen für Professor Roman Rolke, Direktor der Klinik für Palliativmedizin am Aachener Uniklinikum und ärztlichem Leiter des Hospizgespräches, besonders junge Menschen mit einer lebensverkürzenden Krankheit in der Übergangsphase vom Kind zum Erwachsenen. Hier müssten bessere Übergänge geschaffen werden. Das sei eine Herausforderung für Medizin und Pflege.

Er plädierte für eine zielgerichtete palliativmedizinische Ausbildung für junge Mediziner: „In Deutschland haben nur etwa 15 Prozent der ungefähr 2000 Krankenhäuser eine Palliativstation. An mehr als 30 Universitätskliniken existieren nur neun Lehrstühle für Palliativmedizin.“ Da müsse sich etwas verändern. Auch die Einrichtung eines Facharztes für Palliativmedizin sei sinnvoll. Das sei eine von vielen Herausforderungen für die Zukunft der palliativen und hospizlichen Versorgung.

Das von den meisten Experten als positiv gewertete Gesetz habe viele Fortschritte gebracht, unterstrich Dr. Eckhard Eichner, Stiftungsratsvorsitzender der Deutschen Palliativstiftung. Doch es bestehe weiterhin eine Versorgungslücke zwischen Regelversorgung und spezialisierten Versorgungsformen. Letztere greife oft erst viel zu spät im Leben der Betroffenen, nämlich in den letzten Lebenstagen und —wochen statt im letzten Lebensjahr.

Die Herausforderung ambulanter Palliativversorgung sei nur vordergründig eine Frage der Finanzierung, sie sei vor allem eine Frage der Zeit. In Anlehnung an das provokant formulierte Thema eines der Workshops sagte er: „Ich sehe auch keine Zwei-Klassen-Versorgung im stationären Bereich. Wenn es gelingt, die Probleme der Versorgung hier in den Griff zu bekommen, reden wir darüber nicht mehr.“

In der Palliativ- und Hospizarbeit gilt, wie der Austausch im Rahmen des Hospizgespräches verdeutlichte, in vielen Feldern in Zukunft mehr denn je: „Vom Wegschauen zum Hinschauen“.