Heinsberg: Heinsberger Schützenköniginnen: Frauen in der ehemaligen Männerwelt

Heinsberg : Heinsberger Schützenköniginnen: Frauen in der ehemaligen Männerwelt

Parallelen? Auf den ersten Blick keine. Katharina Deckers ist 83 Jahre alt. Von aller Welt wird sie nur Käthe genannt. Vier Kinder hat sie und mittlerweile sechs Enkel, ihr Zuhause ist Heinsberg-Kirchhoven. Janine Senden ist 24 Jahre alt, Erzieherin von Beruf und kommt aus Selfkant-Wehr.

Beide treffen sich zum ersten Mal in ihrem Leben, und schon nach wenigen Minuten ist klar, was sie verbindet: Lebensfreude, ein mitreißendes Wesen, die gute Laune. Und: Beide stehen als Schützenkönigin in einer bisherigen Männerdomäne ihren Mann, pardon: ihre Frau.

„Wenn ich ehrlich bin: Daran habe ich im Traum nicht gedacht”, sagt Käthe Deckers. Natürlich besucht sie den Vogelschuss der St.-Martini-Schützenbruderschaft in Lieck, denn bei Festivitäten im Ort gehört sie strenggenommen zum Inventar. Aber der Vogelschuss verläuft schleppend, bei Anbruch der Dunkelheit ist weit und breit kein Schützenkönig in Sicht. „Wir standen mit Freunden zusammen, da habe ich gesagt: Es kommt noch so weit, dass ich den Vogel runterhole. Das hat sich auf einmal verselbstständigt”, erinnert sich die 83-Jährige. Am nächsten Morgen tritt sie an, obwohl sie in ihrem Leben noch nie ein Gewehr in der Hand hatte. Konzentriert setzt sie Schuss um Schuss. Als 75 Minuten später der Vogel fällt, „war ich wie aufgelöst”.

Janine Senden ist nicht mal Mitglied der St.-Severinus-Schützenbruderschaft Wehr. Könnte sie auch gar nicht, denn dort gibt es nur Männer. Aber als Mitglied im Trommlercorps darf sie am Vogelschuss teilnehmen. „Ich bin ein offener und feierlustiger Mensch. Es hat mich gereizt, das einfach mal zu erleben”, erklärt sie. Dabei fand es ihre Mutter schon im vergangenen Jahr nicht gut, als die 24-Jährige zum ersten Mal auf den Vogel zielte. Apropos : In beiden Fällen gab es - vereinzelt - Kritik. „Es gibt schon einige aus der älteren Generation, die sagen: Eine Frau kann nie den Vogel abschießen, unmöglich. Aber warum nicht? Ich habe ja gezeigt, dass es geht”, sagt Senden selbstbewusst.

Beim Treffen im Wohnzimmer von Käthe Deckers ist sofort klar: Da verstehen sich zwei Menschen auf Anhieb. Beide sind in ihren Heimatorten tief verwurzelt. Turnverein, Frauengemeinschaft, Kegelclub, Altenstube, Karneval - Deckers Käthe ist immer dabei. „Mich müssen sie sowieso immer rauskehren” sagt sie lachend - die körperliche Belastung als Königin dürfte ihr also nichts anhaben, wenn im Juni 2013 gefeiert wird.

Ihr großes Wochenende hat Janine Senden schon erlebt, beim Heimat- und Dekanatsschützenfest des Dekantsverbands Gangelt-Selfkant überstrahlte die Königin alles. Aufregend und spannend sei das gewesen. „Man erlebt besondere Momente, die man nie mehr vergisst.” Die Kinder aus „ihrem” Kindergarten in Wehr standen Spalier und malen immer noch Bilder, die Janine Senden als Königin zeigen.

Zu viel Bedeutung wollen beide ihrer Rolle als Frau in der (ehemaligen?) Männerwelt Schützenwesen nicht beimessen. Ein anderer Aspekt liegt Käthe Deckers viel mehr am Herzen: „Die älteren Menschen müssen auch auf die jüngeren zugehen. Ich kenne aber genug ältere Leute, die kein Verständnis für die Jugend haben. Man darf nicht nur schimpfen, sondern muss sich einfach mal mit der jungen Generation unterhalten.” Es gibt keinen Zweifel, dass die 83-Jährige dies auch vorlebt. „Ich erlebe gerade, wie viele echte Freunde ich habe”, sagt sie. Ihre beiden Adjutantinnen Karin Kohnen und Gisela Hülsen überrascht das nicht: „Käthe erntet jetzt, was sie in all den Jahren gesät hat.”

Auch Janine Senden kann sich auf ihr Umfeld verlassen. „Vor 18 Jahren sind wir mit 16 Leuten gemeinsam dem Trommlercorps beigetreten, und es sind immer noch alle dabei. Unsere Clique hält einfach gut zusammen”, erzählt sie. Bis zum Sommer wird die 24-Jährige die Wehrer Schützen noch bei diversen Veranstaltungen repräsentieren. Für Käthe Deckers steht am Samstag der erste - inoffizielle - Termin an. Offiziell gekürt wird sie erst im Januar 2013. „Das ist mir noch viel zulange hin.”

Ein Wiedersehen der beiden „Majestäten” gibt es wohl im Juni 2013. Käthe Deckers hat Janine Senden und die St.-Severinus-Schützenbruderschaft Wehr nämlich offiziell zu „ihrem” Festumzug eingeladen. Ganz spontan, von Königin zu Königin.