Heinsberg: Groteske Weltsicht: Horst Evers begeistert sein Publikum

Heinsberg : Groteske Weltsicht: Horst Evers begeistert sein Publikum

Er kam, wie man ihn kennt: rotes Hemd, hochgekrempelte Ärmel, voller Tatendrang. Mit Horst Evers begrüßte Reiner Gollenstede bei der jüngsten Veranstaltung in seiner Heinsberger Buchhandlung den aktuellen Gewinner des deutschen Kleinkunstpreises.

Genau deshalb sei es gar nicht so einfach gewesen, mit ihm einen Termin zu bekommen, erklärte er den mehr als 50 Zuhörern, die in seinem Geschäftslokal ganz eng zusammengerückt waren. „Ein halbes Jahr habe ich um einen Termin ringen müssen”, so Gollenstede, „denn Horst Evers ist jetzt nicht nur berühmt, sondern ganz berühmt und seitdem komplett ausgebucht”.

Die anspruchsvollsten deutschen Sender und Kleinkunst-Bühnen würden sich um ihn reißen. Die Jury des Kleinkunstpreises habe in diesem Jahr einen Geschichtenerzähler ausgezeichnet, der Menschen und Gegenstände genau wie Ereignisse mit ins Extrem getriebener kindlicher Naivität betrachte, erklärte Gollenstede. Mit seiner grotesken Weltsicht gelinge es ihm immer wieder, die Wirklichkeit auszutricksen. „Man muss ihn live erleben!”

Und das taten die Zuhörer dann mit vollem Genuss. Denn was Evers ihnen präsentierte, war weit mehr als eine Lesung aus seinem jüngsten Geschichtenband, betitelt mit „Mein Leben als Suchmaschine”. Jedes Stück hatte zunächst etwas von einem Drehbuch und begann mit der Zeitangabe wie „Dienstagmittag” oder „Freitagmorgen”. Schnell war der Zuhörer aber mitten im Geschehen, denn Evers trug nicht vor, er spielte die enthaltenen Dialoge, auch in mehreren Personen, und das immer äußerst treffend.

Neben Stücken aus seinem Buch präsentierte er auch ganz neue. Alle holte er, auf weißen Blättern geschrieben, aus seiner völlig abgenutzten, mit schwarzem Klebeband eingefassten roten Kladde hervor. Da präsentierte er dann etwa sein Essay zum E-Book, bei dem er zu dem Schluss kam, dass doch nichts über ein richtiges Buch gehe. Das Buch sei schließlich ein Statussymbol. Er selbst habe sich auch einen Schutzumschlag mit Tolstois „Krieg und Frieden” besorgt, um darunter Harry Potter lesen zu können, verriet er schmunzelnd. Er selbst hatte sichtlich Spaß und konnte mit seinen Zuhörern über seine eigenen Geschichten lachen.

Das galt auch für seine neuen Gedanken über Gott. Gibts ihn oder gibts ihn nicht? „Immer macht das einer allein”, würden die einen sagen. „Nee, drei sind das schon”, würden andere behaupten, machte sich Evers dann auf die Suche nach Indizien für die Existenz von Gott. Immer wieder schob er zwischen seine Geschichten ohne Manuskript auch seine Weltsicht zu ganz aktuellen Themen. Mit Blick mit auf die neuen Probleme der Bahn: „Alles, was hilft, diesen Börsengang zu verhindern, ist mir recht. Dafür stehe ich gerne eine Stunde am Bahnhof.” Er hielt eine Zeitung hoch mit der Schlagzeile: „Jeder Dritte hasst seinen Job”. Sein Kommentar: „Ich geh„ bei diesem Drittel einkaufen.”

Im Selbstinterview verriet er in seinem insgesamt eineinhalb Stunden dauernden Programm schließlich auch, wie er zu seinen Geschichten kommt. Er sei immer mit der Bahn unterwegs, erzählte er, und schreibe deshalb auch in der Bahn. „Oft kommt da zwei, drei Stunden nichts, und auf einmal steigt die Geschichte zu mir in den Zug und ich muss sie nur noch aufschreiben.”

Das Publikum war begeistert, und so ließ sich Evers nach einer tiefen Verbeugung auch gar nicht erst lange um eine Zugabe bitten.

Alle Zuhörer wüssten jetzt sicher, warum er mit dem Kleinkunstpreis ausgezeichnet worden sei, würdigte Gollenstede seinen Auftritt, nach dem Evers sich dann noch bereit erklärte, seine Bücher zu signieren.