Städteregion: Geisterfahrten vermeiden: Als Senior zurück in die Fahrschule?

Städteregion : Geisterfahrten vermeiden: Als Senior zurück in die Fahrschule?

Vergangenen Sonntagabend in Aachen: Ein 93-jähriger Mann nimmt die falsche Spur und ist plötzlich auf dem Pariser Ring als Geisterfahrer unterwegs. Passiert ist glücklicherweise nichts. Der 93-Jährige bekommt für die Ordnungswidrigkeit eine Anzeige. Was aber weitaus folgenreicher sein könnte, ist eine andere Gegebenheit.

Das zuständige städteregionale Straßenverkehrsamt wird nun prüfen, ob der Mann überhaupt noch befähigt ist, ein Kraftfahrzeug im öffentlichen Straßenverkehr zu führen. Und je nachdem, wie diese Untersuchung ausgeht, muss der 93-Jährige womöglich am Ende seinen Führerschein abgeben.

31 Frauen und Männern in der Städteregion ist das in diesem Jahr bereits passiert, wie Detlef Funken, Pressesprecher der Städteregion, auf Anfrage mitteilt. Angesichts von rund 363.000 zugelassen Fahrzeugen in der Städteregion ist das keine riesige Zahl. In den 31 abgeschlossenen Entziehungsverfahren sind außerdem all jene Fälle enthalten, in denen Autofahrern zum Beispiel wegen einer schweren Krankheit der Führerschein entzogen wurde.

Lappen in die Schublade

Mehr als doppelt so hoch ist die Zahl der Menschen, die in diesem Jahr bereits freiwillig ihren Führerschein abgegeben haben. „73 Personen haben den freiwilligen Verzicht erklärt und ihre Fahrerlaubnis zurückgegeben“, sagt Funken. „Dazu wird keiner gezwungen.“ Eine Altersgrenze, ab der man nicht mehr ans Steuer darf, ist es in Deutschland schließlich nicht festgelegt.

Nicht jeder, der sich nicht mehr fit genug fürs Steuer fühlt tritt den offiziellen Weg in die Amtsstube an. „Wenn jemand seinen Lappen zu Hause in die Schublade legt und fortan nicht mehr fährt, erfahren wir das nicht“, sagt Funken.

So gefährlich die Geisterfahrt auf dem Pariser Ring auch war: Nicht jeder Senior, der eine falsche Auffahrt nimmt, ist grundsätzlich fahruntüchtig. Sehr wohl aber wird bei solchen Vorfällen die Polizei aufmerksam. Gewinnen die Beamten den Eindruck, dass die Fahrtüchtigkeit angezweifelt werden muss, dann folgt ein Hinweis ans Straßenverkehrs­amt der Städteregion, und der Senior erhält eine Vorladung.

Womöglich wird er nach diesem Gespräch gebeten, eine Stellungnahme seines Hausarztes beizubringen. Dazu sei nicht jeder Betroffene bereit, weiß Detlef Funken. Dann kann das Straßenverkehrsamt ein amtsärztliches Gutachten in Auftrag geben. „Zur Begutachtung stehen uns spezielle Fachärzte mit verkehrsmedizinischer Qualifikation zur Verfügung.“ Je nach Befund des Gutachters wird dann eine Fahrprobe fällig: im ganz normalen Straßenverkehr unter den kritischen Augen von Prüfer und Fahrlehrer. „Fahrverhaltensbeobachtung“, heißt der Vorgang schön bürokratisch.

„Wird eine Fahrerlaubnis entzogen, dann geschieht das nicht aus dem Bauch heraus“, betont Funken. Vielmehr gehe diesem rigorosen Schritt ein umfangreicher Abwägungsprozess voraus. Und nicht unbedingt ist der Führerschein gleich komplett weg. „Es gibt auch Möglichkeiten der Einschränkung“, erklärt Funken. Man könne dem Fahrer zum Beispiel zur Auflage machen, ein bestimmtes Tempo nicht zu überschreiten. Oder ihm dringend raten, keine weiten Strecken zurückzulegen. „Das gesamte Verfahren führt dazu, dass der Mensch am Steuer sich und seine Fähigkeiten hinterfragt“, fasst Funken zusammen. „Die meisten stellen sich dann auch nicht quer.“

Angehörige sind gefordert

Untersuchungen der Kfz-Prüfgesellschaft Dekra zufolge verursachen ältere Fahrer (75 Jahre und älter), gemessen an ihrem eher geringen Anteil am Autoverkehr, die meisten Unfälle mit Personenschaden. Bei den älteren Fahrern führten komplexe Verkehrssituationen wie Vorfahrts- und Vorrangfehler sowie Fehler beim Abbiegen häufiger zu Unfällen, heißt es.

Die demografische Entwicklung und das Mobilitätsverhalten zukünftiger Senioren lassen laut Dekra zudem erwarten, dass die Zahl fahrender Senioren deutlich steigen wird. „Entsprechend wird auch der Anteil am Unfallgeschehen wachsen“, heißt es.

Und an wen wenden sich betroffene Senioren — oder besorgte Angehörige, die feststellen, dass Oma oder Opa allmählich eine Gefahr im Straßenverkehr werden? Spezielle Anlaufstellen gibt es für diesen Fall nicht. „Die Angehörigen können sich natürlich ans Straßenverkehrsamt wenden“, sagt Funken. „Aber dort kann man nur tätig werden, wenn offiziell Anzeige erstattet wird.“ Und die wenigsten sind wohl bereit, ihren alten Verwandten anzuschwärzen. Angehörige, rät Funken, sollten auf jeden Fall das Gespräch suchen. „Und vielleicht kann man ein Seniorenfahrtraining anregen oder ein paar Stunden mit einem Fahrlehrer.“

Auch bei der Aachener Polizei gibt es keine spezielle Beratung zum Thema Fahrtüchtigkeit im Alter. Aber auch hier sieht man die Verwandten gefordert. „Wenn Angehörige eindeutige Veränderungen im Verhalten der verwandten Senioren feststellen, etwa Konzentrationsschwäche, Einschränkung der Reaktionsfähigkeit oder Verwirrtheit, sollten sie frühzeitig das Gespräch suchen“, rät Petra Wienen von der Pressestelle der Polizei. Hilfreich könne es sein, eine weitere Person des Vertrauens einzubeziehen oder mit dem Hausarzt zu sprechen, „vor allem beim Verdacht auf schwere Erkrankungen wie Demenz.“

Dann können womöglich Krisen vermieden werden wie jüngst auf der Autobahn 57 am Niederrhein. Dort musste die Polizei die Geisterfahrt eines 84-Jährigen per Nagelbrett stoppen — nach 40 Kilometern lebensgefährlicher Irrfahrt des offenkundig verwirrten Seniors.