Aachen: Fake News: Was Pharao Ramses und Trump gemeinsam haben

Aachen : Fake News: Was Pharao Ramses und Trump gemeinsam haben

Stellen Sie sich vor, Sie wären der ägyptische Pharao Ramses II. Wir schreiben das Jahr 1274 v. Chr., Sie sind Ende 20 und haben vor ein paar Jahren das Amt von Ihrem Vater Sethos I. übernommen. Sie sind also ein junger Herrscher, der einen gewissen Legitimationsdruck hat und seine Macht untermauern will.

An der Nordgrenze Ihres Reichs machen sich die Hethither breit, denen Sie buchstäblich die Grenzen aufzeigen wollen, indem Sie die Grenzstadt Kadesch zurückerobern. Sie rüsten ein 20.000-Mann-Heer und ziehen in den Krieg. Ihr Problem ist, dass ihr Gegenüber, Hethiterkönig Muwattalli II., kein geringeres Machtstreben hat und ein Heer aufbieten kann, das stärker ist als Ihres.

Bei der Entscheidungsschlacht auf dem Gebiet des heutigen Syrien gibt es zwar keinen wirklichen Gewinner, Sie aber müssen zum Rückzug blasen und haben Ihr Ziel deutlich verfehlt. Kadesch bleibt in der Hand des Feindes. Was würden Sie tun? Als Geschlagener in die Heimat zurückkehren, oder das machen, was Ramses II. tat? In einer Welt ohne Nachrichten, Telegrafen oder Kriegsberichterstatter erklärte er sich zum Sieger und wurde somit gewissermaßen zum Erfinder der Fake News. Er gab kolossale Bauwerke in Auftrag, die vom grandiosen und gottgewollten Triumph des Pharaos berichteten.

Die Macht der Bilder

Die Erkenntnis dieser 3291 Jahre alten Geschichte: Fake News sind wahrlich kein neues Phänomen und garantiert keine Erfindung des US-Präsidenten Donald Trump. Außerdem zeigt sie, dass das erste Opfer des Krieges die Wahrheit ist, wie der US-Politiker Hiram Johnson 1914 sagte. Vielleicht lässt sich so auch die derzeitige Debatte um Nachrichten und ihren Wahrheitsgehalt analysieren: als Informationskrieg, bei dem es um Deutungshoheit geht und der in Teilen erbittert geführt wird.

Das Erstaunliche dabei ist, dass sich seit der Zeit der Ägypter so wenig verändert zu haben scheint. Wie Ramses II. stellen Trump & Co. sich hin und behaupten etwas ganz offensichtlich Falsches, etwas, das mit einer kurzen Recherche entkräftet werden kann — dennoch entfaltet diese falsche Nachricht ihre zerstörerische Kraft. Die „Washington Post“ hat seit Amtsantritt mehr als 1100 falsche oder irreführende Aussagen von Trump gezählt und in einer Datenbank aufgelistet.

Es beginnt bei der Zuschauerzahl seiner Vereidigung, geht über eine angebliche Abhöraktion seines Vorgängers Barack Obama und reicht bis zur Terrorattacke in Schweden, die nie stattgefunden hat. Alles „alternative Fakten“ von Trump, die von seriösen Medien widerlegt wurden, was bei seiner Anhängerschar die Zustimmung eher steigen lässt.

Anders als man vermuten würde, führt das Netz mit seinem viel leichteren Informationszugang offensichtlich nicht prinzipiell zu mehr Aufklärung, sondern bei manchen Menschen zum Gegenteil. Die Fülle an Informationen führt zu einer Alles-ist-möglich-Haltung: „Klar, viele Experten sagen, dass es einen Klimawandel gibt, aber könnte nicht auch das Gegenteil wahr sein?“

Dagegen scheint kaum ein Kraut gewachsen zu sein, weil sich seit den Zeiten von Ramses II. eben doch viel verändert hat. Zum einen wäre da die Möglichkeit der Verbreitung, die durch das Netz eine vollkommen neue Qualität hat. Während Journalisten früher Nachrichten filterten, was übrigens durchaus negative Effekte hatte, kann heute jeder zum Sender werden und mit seiner Nachricht potenziell sehr viele Menschen erreichen. Ein privater Statusbeitrag bei Facebook kann zumindest theoretisch zur bundesweiten Nachricht werden.

Und wer gezielt Meinung machen will, kann sich gezielte Desinformationskampagnen im Netz bestellen, die mit Hilfe von Bots und natürlichen „Facebook-Freunden“ forciert werden. So erreichen falsche Informationen, deren Urheber irgendwann kaum noch nachzuvollziehen ist, innerhalb kürzester Zeit einen riesigen Verbreitungsgrad.

Und wenn die Nachricht dann im Netz ist, geht sie so schnell nicht wieder weg. Die Privatperson mag zwar inzwischen das Recht auf Vergessen haben, die falsche Nachricht aber hat dieses Recht nicht. Die Macher der österreichischen Webseite Mimikama, die Falschmeldungen nachspüren, werden immer wieder mit alten Fake News konfrontiert, die zyklisch nach oben gespült werden. Außerdem ist es meist so, dass die Korrektur immer weniger Leser hat als die Falschmeldung.

Wobei es bei Fake News häufig weniger ums Lesen, als viel mehr ums Gucken geht. Die Macht der Bilder nämlich, die auch schon Ramses II. bekannt war, der seinen „Sieg“ in Reliefs verewigen ließ, wirkt natürlich gerade im Netz. Während das Wegretuschieren des in Ungnade gefallenen Trotzkis vom berühmten Leninfoto noch einigen Fotolaborantenschweiß gekostet haben dürfte, lassen sich heute mit wenigen Klicks Fälschungen erstellen, die mit bloßem Auge nicht zu erkennen sind.

Fake mit CDU-Slogan

Jüngstes Beispiel: der CDU-Wahlslogan „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“, über dessen Qualität man zweifelsohne diskutieren kann. Ein paar Photoshop-Künstler packten den Spruch einfach auf ein altes SED-Plakat und der Shitstorm war perfekt. Dass es sich um eine Fälschung handelt, deckte erneut Mimikama auf. Die Frage, wie viele Facebook-User heute noch glauben, dass die CDU einen alten SED-Slogan recycelt hat, muss hier unbeantwortet bleiben.

Damit hier die Ausgewogenheit gewahrt bleibt: Auch die SPD war schon Opfer von Fake News. Die bayerische JU erfand nach den G20-Ausschreitungen in Hamburg einen Tweet von Martin Schulz, der den Eindruck erweckte, der SPD-Kanzlerkandidat verharmlose linksextremistische Gewalt.

Vielleicht noch gefährlicher als gefälschte Bilder sind solche, die in einen falschen Zusammenhang gestellt werden. Das eindrucksvollste Beispiel für diese sogenannten Hybrid-Fakes ist wohl das historische Bild eines vollkommen überfüllten Schiffs, das zur Hochzeit der Flüchtlingsbewegung die Facebook-Runde machte. Mit dem dazugestellten Text sollte Empathie für die aktuellen Flüchtlinge geweckt werden: „Dies sind keine Syrer, sondern Europäer, die während des Zweiten Weltkriegs nach Nordafrika geflohen sind.“

Das Kuriose: Die Gegenseite nutzte das Bild ebenfalls. So kursierte es in flüchtlingskritischen Kreisen mit dem Satz: „Die Fachkräfte kommen.“ Beide Seiten haben das Bild in den falschen Kontext gestellt, weil es weder um den Zweiten Weltkrieg noch um die aktuelle Flüchtlingssituation geht. Es stammt aus dem Jahr 1991 und zeigt Flüchtlinge in der albanischen Hafenstadt Saranda, die vor dem dortigen sozialistischen Regime fliehen.

Der Terminus Fake News ist inzwischen zum Kampfbegriff geworden, der häufig dazu dient, den Gegner mundtot zu machen. Bestes Beispiel ist auch hier Donald Trump. Waren er und sein Umfeld ursprünglich diejenigen, die von etablierten Medien bezichtigt wurden, falsche Aussagen zu verbreiten, wendete Trump mit seinem Amtsantritt das Blatt. Plötzlich sprach er in Richtung CNN, ABC, „Washington Post“ oder „New York Times“ generalisierend von Fake News. Jeder kritische Bericht wird von Trump via Twitter oder Pressekonferenz derart diffamiert.

Das Beste sind mündige Bürger

Ähnlich verfahren AfD-Anhänger und sympathisierende Webseiten in Deutschland. Da werden einerseits via Facebook falsche Meldungen verbreitet, wie etwa eine nicht existente Terrorreisewarnung für Schweden, andererseits werden etablierte Medien als „den Blockparteien hörige Mainstreammedien“ bezeichnet. Da man Anglizismen meidet, redet man dort nicht von Fake News, sondern von Lügenpresse oder feiner Pinocchio-Presse.

Alles andere also als eine differenzierte Medienkritik. Eine durchaus notwendige Debatte über journalistische Qualität, über Fehler auch in etablierten Medien und darüber, wie Glaubwürdigkeit wiederhergestellt werden kann, ist so kaum möglich. Wie gesagt, es geht um einen Informationskrieg.

Wie aber sollte man dem begegnen? Fakt ist, dass das Internet mit allen eben beschriebenen Effekten nicht einfach weggeht. Fakt ist auch, dass Facebook & Co. nicht mehr nur IT-, sondern auch Medien-Unternehmen sind, die Verantwortung für die dort publizierten Inhalte übernehmen müssen. Dazu muss sie auch der Gesetzgeber drängen, der aber auch die Meinungsfreiheit gewährleisten muss, weswegen es zu Recht Kritik am Gesetzentwurf von Justizminister Heiko Maas (SPD) gibt.

Im Endeffekt begegnet man falschen Nachrichten aber am besten mit mündigen Bürgern. Denn heutzutage ist jeder nicht nur Konsument von Nachrichten, sondern auch deren Multiplikator. Jede falsche Meldung, die von einem Nutzer bei Facebook geteilt wird, erreicht durchschnittlich 340 andere Menschen.

Wer also Unsinn weiterverbreitet, sollte sich bewusst machen, dass er gesellschaftspolitischen Schaden anrichtet. Wer den Wahrheitsgehalt einer Nachricht kontrollieren will, hat dazu viele Möglichkeiten. Er sollte skeptisch bleiben, verschiedene Quellen konsultieren und bei Watchblogs wie www.mimikama.at nachschauen. Bei ganz abstrusen Meldungen kann auch der normale Menschenverstand helfen: „Kann das wirklich wahr sein?“

Bliebe noch zu klären, was aus Ramses II. wurde. Nach seiner Propagandaoffensive konzentrierte er sich auf den Ausbau des Landes und schloss 15 Jahre nach der Schlacht von Kadesch mit den gegnerischen Hethitern den ersten schriftlich festgehaltenen Friedensvertrag der Welt. Während seiner 66-jährigen (!) Regierungszeit erlebte Ägypten eine Zeit kultureller und wirtschaftlicher Blüte.

Auch, wenn das als Moral der Geschichte nicht so recht passen will: Man könnte sagen, dass ihm seine Fake News vom Sieg bei Kadesch zumindest nicht zum Nachteil gereicht haben.