Erkelenz: Ex-EKD Vorsitzende Margot Käßmann spricht Klartext

Erkelenz : Ex-EKD Vorsitzende Margot Käßmann spricht Klartext

Rhetorisch brillant, in der Sache kompetent, charmant und sehr humorvoll sprach in der Stadthalle die ehemalige Ratsvorsitzende der EKD Dr. Margot Käßmann über das Thema „Was wirklich zählt - Christliche Werte in unserer Gesellschaft”.

Der Vorstandsvorsitzende der Volksbank Erkelenz als Veranstalterin, Dr. Veit Luxem, begrüßte gut 700 Gäste, die dem Vortrag mit großer Aufmerksamkeit und viel Beifall zwischendurch folgten.

Zunächst gab Luxem einen Überblick über die aktuelle internationale Lage mit ihren Krisen, zu deren Bewältigung es noch keine Antwort gebe, und lobte die Genossenschaftsbanken wegen ihres Prinzips der Subsidiarität und der Professionalität ihrer Mitarbeiter.

Dann stelle er wichtige Stationen aus dem Leben der Referentin vor, die seit April 2012 „Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017” ist.

Die ehemalige Bischöfin stimmte keinen, wie sie es nannte, „Lamentogesang” an, erhob auch keinen moralischen Zeigefinger und stellte einfach nur Fehlentwicklungen in unserer Gesellschaft vor: Ein überzogener Individualismus führe zu einer Patchworkreligion ohne feste Orientierung; die Wachstumsideologie mit ihrer Gier nach Besitz mache nicht frei; ein viel beachteter Werbeslogan wie „Geiz ist geil” schaffe eine Mentalität, in der das Negative positiv gedeutet würde; eine Spaßgesellschaft mit ihrer „Karnevalisierung” aller Lebensbereiche stelle die Frage nach dem Sinn nicht mehr. Und: „Wir dürfen nicht alles tun, was wir tun können.”

Ihre grundsätzlichen Überlegungen zum Thema des Abends würzte sie mit lustigen, aber auch traurigen kleinen Geschichten, Begebenheiten aus ihrem Leben und manch witziger Bemerkung. Langeweile konnte überhaupt nicht aufkommen. Käßmann deutete die zehn Gebote mit ihrer dreitausendjährigen Wirkungsgeschichte als Grundlage für das Zusammenleben der Menschen auch von heute und zeigte an den einzelnen Geboten auf, wie sie in unserer Zeit zu verstehen seien und wie sie vor allem ein Fundament für eben dieses Zusammenleben sein könnten.

So mahne zum Beispiel das vierte Gebot (Du sollst Vater und Mutter ehren?) einen würdevollen Umgang mit der älteren Generation an. Und die Befolgung des achten Gebotes (Du sollst nicht lügen) würde zu einer Republik der Wahrheit etwa in Presse und Politik führen.

Für die Ökonomie mit ihren vielen Verwerfungen empfahl die Theologin, die sich selbst als Nicht-Fachfrau für diesen Bereich bezeichnete, sich am griechischen Ursprungswort zu orientieren, nämlich „oikos”, was Haus, Hauswesen, auch Familie bedeute und die Sorge dafür. Auch müsse den Menschen, und zwar allen, das Gefühl vermittelt werden, dass sie gebraucht würden und dass sie, sei er noch so klein, einen Beitrag für das Gemeinwesen leisten könnten.

Als Zentrum der Ethik nannte Käßmann das Dreieck von Gottes-, Nächsten- und Eigenliebe, wie es von Jesus als Zusammenfassung aller Gebote formuliert worden sei. Und als Nachbemerkung verwies sie auf ein Wort des türkischen Premiers Erdogan, der den Europäern eine „Christenclub-Mentalität” vorgeworfen habe. Wenn damit gemeint sei, dass die EU durch Werte und Grundüberzeugungen zusammengehalten werde, durch die auch religiöse Konflikte entschärft würden, dann habe Erdogan recht. Es gab lang anhaltenden Beifall und Standing Ovations für eine Frau, bei der Persönlichkeit und Botschaft übereinstimmen. Und dies führte zu einer besonderen Ausstrahlung.

Margot Käßmann signierte ihr Buch „Sehnsucht nach Leben”, mit dem sie Mut machen will, sich den Sehnsüchten der Menschen anzunähern und sich ihren Befürchtungen zu stellen.