Kreis Heinsberg: Esther Bejarano singt auch gegen den neuen Rechtsruck

Kreis Heinsberg : Esther Bejarano singt auch gegen den neuen Rechtsruck

Mit Esther Bejarano, einer der letzten Überlebenden des Mädchenorchesters von Auschwitz, hatten das Kommunale Integrationszentrum Kreis Heinsberg und die Anton-Heinen-Volkshochschule des Kreises Heinsberg eine Zeitzeugin des ­Holocausts zum Konzert „La vita continua“ („Das Leben geht weiter“) in die evangelische Christuskirche in Heinsberg eingeladen.

„Sehen Sie dieses Konzert nicht nur als Kunstgenuss, sondern auch als einen Beitrag zur Integration und ein deutliches Statement gegen Rechts im Kreis Heinsberg“, hatte Bernd Laprell, Leiter des Integrationszentrums, einleitend formuliert.

Bei ihrer Lesung aus dem Buch „Erinnerungen“: Esther Bejarano beim Auftritt in der Christuskirche in Heinsberg. Foto: Bindels

Sie las aus ihrem Buch „Erinnerungen“ und schilderte dabei Erlebnisse vom Alltag im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Und sie sang gemeinsam mit ihrem Sohn Joram und dem Kölner Rapper Kutlu Yurtseven von der Gruppe Microphone Mafia Lieder gegen den Krieg und den Faschismus und vertonte Balladen von Bertold Brecht.

Ihre Motivation — auch mit fast 93 Jahren noch in Konzerten und Lesungen aufzutreten — ziehe sie aus ihrer Lebensaufgabe, aufzuklären und über die Verbrechen und Gräueltaten der Nazis zu berichten, hatte Esther Bejarano zuvor im Gespräch betont. „Damit werde ich niemals aufhören und solange fortfahren, bis es keine Nazis mehr gibt“, formulierte sie selbstbewusst und idealistisch.

Mut mache ihr auch die Erfahrung, dass gerade die Jugendlichen ihr zuhörten, wenn sie im Unterricht von den Verbrechen gegen die Menschheit berichte. Dass die Musikbeiträge als Hip-Hop und in gerappter Form erfolgten, sei dabei hilfreich, auch wenn sie diese Musikrichtung nicht bevorzuge, erklärte sie.

Es war völlig still im Publikum, als die zierliche Esther Bejarano mit ihrer Lesung begann. Mit fester und klarer Stimme schilderte sie den qualvollen Transport zum Konzentrationslager. „Endlich hielt der Zug am 20. April 1943 und die Türen wurden geöffnet“, begann sie das Lagerleben voller Elend und Angst und mit den unerträglichen Gewaltabläufen zu schildern. Kinder, Alte und Kranke sei vorgemacht worden, dass sie nicht laufen müssten und deshalb auf Lastwagen klettern sollten.

„Sie wurden sofort in die Gaskammern gebracht, was wir damals noch nicht wussten“, blickte Bejarano zurück auf die Ankunft. Von den SS-KZ-Wächtern seien sie mit den Worten erwartet worden: „So ihr Saujuden, jetzt werden wir euch mal zeigen, was arbeiten heißt.“ Zur Entmenschlichung hätten tägliche Demütigungen gehört. „Eintätowierte Nummern ersetzten den Namen. Ich bekam die Nr. 41948“, las sie vor.

In ihrer rund halbstündigen Lesung folgten noch die Schilderungen vom Mitwirken im Mädchenorchester in Auschwitz, von der Zwangsarbeit im KZ Ravensbrück für die Firma Siemens und von der Befreiung durch die Alliierten zum Ende des Krieges. „Wir waren noch sieben Mädchen, die von den Soldaten befreit wurden, und es war nicht nur eine Befreiung, sondern es war auch meine zweite Geburt“, beendete Esther Bejarano ihre Lesung.

„La vita continua“, das Leben geht weiter, lautete der Titel des einstündigen Konzerts, das sich anschloss. Die Musik und das Mitwirken als Akkordeonspielerin im Lagerorchester hatten ihr Leben gerettet. Mit Musik macht Esther Bejarano seit Jahrzehnten weiter, klärt auf und singt auch gegen den neuen, aktuellen Rechtsruck, wie sie betonte. Auch wenn sie schon lange nicht mehr Akkordeon spielt bei ihren Konzerten, kraftvoll und mit „Herz und Verstand“ trug sie auch an diesem Abend ihre Lieder wie „Avanti o popolo“, „Der Deserteur“ von Boris Vian sowie Balladen von Bertolt Brecht vor.

Sie motivierte das Publikum, Refrains zu einem jüdischen Lied mitzusingen, und machte damit den Abend für die Anwesenden zu einem multikulturellen wie multiemotionalen Erlebnis. Im Beifall klang mehr als Respekt vor der Leistung und dem Engagement von Esther Bejarano mit, die nie den Mut verloren habe und ihren Weg weitergehen werde, um für die Freiheit zu kämpfen, wie sie sagte.

So lautete denn auch der letzte Titel stimmig: „Viva la liberta“ („Es lebe die Freiheit“).