Kreis Heinsberg: Eine Woche Autofasten: Wer Zeit mitbringt, spart Geld und Nerven

Kreis Heinsberg : Eine Woche Autofasten: Wer Zeit mitbringt, spart Geld und Nerven

Drei Kilometer schiebe ich nun schon mein Rad nach Lindern. Der platte Hinterreifen schleift über den Asphalt. Als ich endlich am Bahnhof ankomme, bin ich nicht nur nass vom Regen, ich habe auch den Zug nach Heinsberg verpasst und muss 45 Minuten warten. Und während ich an diesem Montagmittag frustriert da sitze und Löcher in die Wolkendecke starre, fühle ich mich Jahre zurückversetzt in die nordhessische Walachei — meine eigentliche Heimat, eine Gegend wie Heinsberg.

Züge fuhren nur an wenigen Orten und die Bushaltestellen wurden eher von Jugendlichen zum Rauchen als von Bussen besucht. Bis zur nächsten Stadt waren es acht Kilometer, oder besser gesagt: 40 Minuten mit dem Bus. Den musste ich täglich nehmen, um zur Schule und zurückzukommen.

Grafik: Thomas Heinen/Foto: Ines Kubat
Grafik: Thomas Heinen/Foto: Ines Kubat

Als ich 18 war, kam der Führerschein und damit eine Freiheit, die ich seitdem nicht mehr hergeben wollte. Bis Anfang dieser Woche, als ich auf Bus und Bahn umgestiegen bin, um fünf Tage von Aachen zur Redaktion nach Heinsberg zu pendeln und von dort Termine wahrzunehmen: Ein Selbsttest im Autofasten nach der Idee der Grünen und des Bistums Aachen.

Ökologisch gesehen ist es natürlich sinnvoll, auf das Auto zu verzichten. Und in Städten wie Aachen und Köln sicherlich machbar. Aber auf dem Land, wo viele Kilometer Feld und Wiesen zwischen den Orten liegen? Ich war skeptisch, das gebe ich zu. Und da bin ich offenbar nicht die einzige: Vier von fünf Heinsbergern nehmen den ÖPNV selten bis nie in Anspruch. Das geht aus der Mobilitätsstudie hervor, die der Kreis Heinsberg 2012 anfertigen ließ. Ist das Angebot also schlecht oder wird es nicht wahrgenommen, weil zu viele Menschen die Annehmlichkeiten eines Autos vorziehen?

Das wollte ich herausfinden und kaufte mir am Montag am Aachener Hauptbahnhof ein Wochen-Ticket des Aachener Verkehrsverbunds (AVV). Da erwartete mich auch die erste Überraschung: Es kostete nur 58 Euro für alle Strecken in der Städteregion und im Kreis Heinsberg, plus 4,80 Euro für mein Fahrrad.

So stieg ich also zum ersten Mal in den Zug in Richtung Heinsberg. Und abgesehen davon, dass ich bei der Zugteilung in Lindern im falschen Abteil sitzenblieb, verlief die Fahrt nach Brachelen problemlos — bis eben zu dem platten Fahrradreifen, dem verpassten Zug und dem Warten in der Kälte. Kein Wunder, dass ich am Montag das Experiment schon fast abbrechen wollte. Stattdessen verabschiedete ich mich nur von meinem Fahrrad. Und so blieb der besagte Pech-Montag der einzige Tag, an dem ich wirklich missmutig war.

Im Laufe dieser Woche nahm ich Termine in Wegberg, Brachelen und Geilenkirchen wahr. Bis auf den verpassten Zug am ersten Tag und den Regionalexpress, der mich am Donnerstag warten ließ, kam ich ohne Probleme von A nach B. Offenbar hatte ich Glück, denn vor allem die Taktung der Busse ist — je ländlicher es wird — ziemlich unattraktiv: Viele Verbindungen verkehren unregelmäßig, einige nur einmal pro Stunde.

Das Problem kennt Udo Winkens, Geschäftsführer des Unternehmens WestVerkehr, das den Busverkehr im Kreis Heinsberg regelt. „Aber solange nicht mehr Leute fahren, können wir auch nicht mehr anbieten. Das wäre nicht wirtschaftlich“, sagt Winkens. Ein Teufelskreis. Stattdessen versuche er, Änderungen in der Nutzung im Blick zu behalten und mit Fahrgästen ins Gespräch zu kommen. Fahrgäste wie die 20-jährige Benita Below. Die habe ich im Bus von Wegberg nach Heinsberg getroffen. Eigentlich sei sie zufrieden mit Bussen und Bahnen im Kreis. Schwierig sei es aber am Wochenende.

Unter anderem wegen der Wochenenden und Abendstunden gibt es im Kreis Heinsberg den „Multibus“. Das sind Kleinbusse, die man zum AVV-Tarif zu den Haltestellen rufen kann. Doch der „Multibus“ ist auch dazu da, Orte, die mit dem ÖPNV schwerer zu erreichen sind, anzubinden: Deshalb fährt er in den Kommunen Gangelt, Selfkant und Waldfeucht ganztägig.

Dieses Angebot will man kreisweit noch weiter ausbauen, weil es sehr gut angenommen werde, bestätigt auch Ulrich Horst von der Kreistagsfraktion der Grünen, der im Aufsichtsrat von WestVerkehr und im Kreis-Ausschuss für Verkehr und Umwelt sitzt. Wenn es nach ihm geht, müsste sich im Kreis Heinsberg vor allem die Zuverlässigkeit und die Pünktlichkeit von Bus und Bahn verbessern.

Den Vorschlag seiner Partei zum Autofasten findet er gut. Er selbst nehme zwar häufig das Rad, könne aber auch im Kreis Heinsberg nicht ganz auf den Wagen verzichten. „Man müsste das ÖPNV-Angebot so attraktiv machen, dass sich für Autofahrer der Wechsel lohnt“, sagt Horst.

Denn an der Taktung von Bus und Bahn wird sich vermutlich so schnell nichts ändern. Viele Busse, in denen ich diese Woche saß, waren tagsüber höchstens zu einem Zehntel besetzt — vor allem von Senioren, Berufsschülern und anderen Bürgern, die auf Busse und Bahnen angewiesen sind, um mobil zu sein. Sie nehmen die mitunter langen Fahr- und Wartezeiten in Kauf, weil sie keine andere Wahl haben. Wie zum Beispiel das Ehepaar Molenaar, das mittlerweile selbst nicht mehr Autofahren will, und deshalb jetzt den Bus nutzt. Oder Mechthild Skipinski, die im Sommer immer radelt, aber im Winter mit dem Bus fährt— und das Angebot gut findet.

Nach meinem Test stimme ich ihr zu: Grundsätzlich ist der öffentliche Nahverkehr gut ausgebaut. Ich sehe nur ein großes Problem. Und das ist die Zeit: Wer im Kreis Heinsberg größere Distanzen mit Bussen und Bahnen überwinden will, muss Geduld mitbringen, weil man — selbst wenn alles reibungslos abläuft — lange unterwegs ist. Diese Entschleunigung war mir für eine Woche eine willkommene Abwechslung. Ich hatte Zeit zu lesen, zu arbeiten und mit Menschen ins Gespräch zu kommen.

Aber es ist ganz klar: Mein Experiment fand unter besonderen Bedingungen statt. Den normalen Alltag mit mehr als einem Interview pro Tag hätte ich mit Bussen und Bahnen nicht meistern können. Vielen, die auch außerhalb ihres Büros Termine haben, wird es ähnlich gehen. Genauso wie Eltern, die auch für ihre Kinder Termine wahrnehmen müssen.

Deshalb ist der ÖPNV im Kreis Heinsberg derzeit wohl nicht nur ein Problem der fehlenden Nutzer: Er muss für die besser werden, die darauf angewiesen sind, und andererseits jene locken, die ihr Auto bequemer finden. Das geht meiner Meinung nach über flexible und individuelle Lösungen, wie den Ausbau von Carsharing, E-Bikes oder Fahrradbussen.

Nach fünf Tagen nun habe ich 560 Kilometer zurückgelegt, dabei fast 100 Euro gespart und 0,07 Tonnen weniger CO2 produziert. Und doch freue ich mich darauf, wieder flexibel mit dem Auto unterwegs zu sein. Für mich ist aber auch klar, dass ich es häufiger stehen lassen kann und stattdessen Verbindungen mit Bahn und Bus heraussuche. Selbst wenn es in den Kreis Heinsberg geht.