Hückelhoven: Ein Sieger schon vor dem Anpfiff

Hückelhoven : Ein Sieger schon vor dem Anpfiff

Der in Berlin geborene Hakan Balta und der in München beim FC Bayern spielende Hamit Altintop kennen die Deutschen verdammt gut, so wie die bisher 19 deutschen Trainern wie Derwall, Osiek oder Christoph Daum die türkischen Spieler einigermaßen geläufig sind - dennoch waren nicht nur die Deutschen, sondern auch die Türken selbst im Saal des Vereins für türkische Arbeitnehmer an der Martin-Luther-Straße vom engagierten Auftreten ihrer Nationalkicker überrascht.

Sie zeigten, was man alles mit Einsatzkraft, starkem Willen und Hingabe erreichen kann. Was für Vorbilder: Nach einem Lattentreffer von Kazim nach einer Viertelstunde, lag die Führung der türkischen Mannschaft längst in der Luft. Folgerichtig fiel es dann auch in der 22. Minute durch Ugur - und im Saal geriet einiges aus den Fugen.

Die vielen Fans, die dorthin gekommen waren, um sich ein tolles Fußballspiel, also das Halbfinale der Fußball-Europameisterschaft, anzusehen, waren aus dem Häuschen. Ihre ersatzgeschwächte Truppe hatte die etwas arrogant auftretenden Deutschen in die Defensive gedrängt und eingenetzt.

Sati Tavsan, der Vorsitzende des Vereins für türkische Arbeitnehmer, und Schriftführer Bayram Aktas waren vor dem Spiel mit einer deutschen Fahne auf dem Rücken durch die Hückelhovener Cafés und Pinten gewandert, um für ein friedliches Miteinander zu werben. „Aber das brauchten wir eigentlich gar nicht”, sagte Sati Tavsan, „denn wir Türken haben schon viel mehr erreicht, als wir uns vorgestellt haben. Dass wir ins Halbfinale kommen, hätte niemand gedacht”.

Klar waren alle „heyecan”, also aufgeregt - es war ja auch eine Ausnahmesituation. Was Politiker, Philosophen oder Kirchenleute nicht schaffen, das schafft der Fußball. Eine Art „Birlik”, also Einheit, oder gar „Bayram”, ein gemeinsamer Feiertag, ist aus diesem Medienereignis entstanden. In der ersten Halbzeit hatten die deutschen Kicker eine einzige Chance - und die führte auch prompt zum 1:1-Ausgleich.

Natürlich waren unsere türkischen Freunde traurig und etwas niedergeschlagen. Aber sie fingen sich in der Halbzeit sehr schnell, weil sie begeistert von ihrer Elf waren und hoffen konnten - hatten die Türken durch ihre Last-Minute-Tore doch ihre bisherigen Spiele immer in der letzten Minute herumgedreht. Dass die Deutschen in der zweiten Halbzeit wieder zu ihren Tugenden, Kampf und spielerische Abgeklärtheit, zurückfanden und zu guter Letzt noch mit 3:2 gewonnen haben, tat der äußerst guten Stimmung keinen Abbruch. Schließlich kam nicht die bessere, sondern die glücklichere Mannschaft weiter. Das ist jetzt die Elf, für der die Hückelhovener Türken im Endspiel die Daumen drücken.

Und Ali Genc, Stadtverordneter der Sozialdemokraten und Vizepräsident des türkischen Vereins, ist sich sicher, dass die Deutschen gegen die Russen im Finale stehen werden. Dann nahm er sich einen Kugelschreiber, ein Blatt Papier und schrieb: 40 yillik Dostluk, mactan once, macta, mactan sonra: 40 Jahre Freundschaft vor dem Spiel, beim Spiel, nach dem Spiel. Unsere türkischen Freunde fanden schnell wieder zu einem Lächeln. So gute Verlierer gibt es selten. Und allein dadurch ist man schon ein Gewinner. Respekt.