Kreis Düren: Ein Leben vor dem Bildschirm: Wenn der Computer zur Sucht wird

Kreis Düren : Ein Leben vor dem Bildschirm: Wenn der Computer zur Sucht wird

Abtauchen in eine Welt voller Fabelwesen. Oder in die Uniform eines Soldaten schlüpfen, der gegen Terroristen kämpft. Möglich ist das in Computer- und Onlinespielen wie „World of Warcraft“, „League of Legends“ oder „Counter-Strike“. Der Nachteil dieser surrealen Welt: Sie kann süchtig machen. Das belegt auch der am Mittwoch vorgestellte Jahresbericht 2015 der Sucht- und Drogenberatung des Caritasverbandes.

Momentan befinden sich in Düren 89 Spielsüchtige in gruppentherapeutischer Behandlung, von denen fünf bis sechs computerspielsüchtig sind und etwa fünf, die online gerne Glücksspiele wie Roulette, Poker und Automatenspiele spielen. Laut einer Erhebung für das Jahr 2014 der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzGA) sind bundesweit 560.000 Menschen internetsüchtig, darunter 250.000 junge Menschen im Alter zwischen 14 bis 24 Jahre.

Suchtberatung und -therapie: Silvia Zaunbrecher (l.), Peter Verhees, Inge Heymann und Dirk Boltersdorf. Foto: Wildermann

„Gerade bei den Computerspielsüchtigen wenden sich sehr häufig Eltern oder Verwandte an uns, weil die Kinder zu viel vor dem PC hocken und keine sozialen Kontakte mehr haben“, sagt Inge Heymann, Leiterin der Einrichtung in Düren.

Allerdings tauchen Spielsüchtige, die im Internet Geld verzocken, so gut wie gar nicht in den Statistiken auf. „Diese Art von Glücksspiel ist in Deutschland sogar illegal“, sagt Suchttherapeutin Silvia Zaunbrecher. Spielautomaten in Spielhallen müssen beispielsweise vom TÜV geprüft werden, sonst werden sie gar nicht zugelassen. Außerdem gibt es Obergrenzen für Einsatz, Gewinn und Verlust. Faktoren, die beim Online-Spiel wegfallen.

Und die Betreiber dieser Plattformen sitzen meist im nicht europäischen Ausland. „Häufig wird als Pfand die Kreditkarte hinterlegt. Ich habe also überhaupt keine Kontrolle mehr, wie viel Geld ich eigentlich verspiele. Hinzu kommt, dass der Gewinn beim Online-Glücksspiel erst sieben Tage später ausgezahlt wird. In dem Zeitraum haben die meisten das Geld wieder eingesetzt und verspielt“, erklärt Heymann.

Das Team um Heymann beobachtet seit drei Jahren, dass die Zahl der Süchtigen von Online-Glücksspielen zunimmt. „Dabei ist diese Sucht nicht unbedingt geschlechtsspezifisch. Hausfrauen machen das, Berufstätige, Jung und Alt“, sagt Heymann. Anders sieht das bei Automatenspielsüchtigen aus: Tendenziell sind mehr Männer als Frauen betroffen.

Silvia Zaunbrecher kennt Fälle, in den Betroffene online in drei bis vier Monaten bis zu 50.000 Euro beim Glücksspiel verloren haben. „Die Männer arbeiten im Schichtdienst, sind um die 30 Jahre alt und Familienväter“, sagt sie. In einem anderen Fall baute die Ehefrau, bevor sie zur Arbeit fuhr, immer die Festplatte aus dem Computer aus, damit ihr Mann nicht online spielen konnte.

Die Gefahr der Internetabhängigkeit liegt bundesweit bei 4,7 Prozent der Kinder und Jugendlichen. Jedes 21. Kind ist gefährdet. „Die Eintrittsschwelle zum Online-Glücksspiel und Computerspielen ist viel geringer als bei den Spielhallen“, sagt der Pädagoge Peter Verhees. Erste Anzeichen, dass ein Kind eventuell computerspielsüchtig ist, sind: keine sozialen Kontakte, kein Interesse mehr an Schule und Hobbys, Gereiztheit und ein völliges Abkapseln.

„Das Ziel der Suchttherapie in dem Fall ist nicht die Abstinenz, sondern das Erlernen eines kontrollierten Umgangs“, betont Heymann. Oft verlagere sich die Sucht vom Computerspiel auf Facebook und von dort auf das stundenlange Anschauen von Serien. Daher versuchen die Mitarbeiter, Alternativen wie Kochen, Musik und Sport wieder interessant zu machen.