Gangelt: Ein intensiver Tag hinter Klostermauern

Gangelt : Ein intensiver Tag hinter Klostermauern

„Worte bewegen — Beispiele reißen fort“, lautet ein Satz von Katharina Kasper. Die Ordensgründerin, die von 1820 bis 1898 lebte und deren Lebenswerk heute noch von Gangelt aus weitergeführt wird, gab mit diesem Ausspruch das Motto für einen Nachmittag vor, den 14 Leserinnen und Leser im Rahmen der Aboplus-Angebote unserer Zeitung in der Katharina Kasper Via Nobis GmbH in Gangelt verbrachten.

Tatsächlich ist es schwer in Worten zu beschreiben, was auf dem Gelände, das früher als Gangelter Einrichtungen bekannt war, eigentlich geleistet wird. Dessen ist sich auch Martin Minten, Geschäftsführer der Katharina Kasper Via Nobis GmbH, bewusst. „Der spannende Teil ihres heutigen Besuches ist der Rundgang“, sagt Minten zu Beginn — und er sollte Recht behalten, denn erst auf dem weitläufigen Gelände mit seinen vielen Gebäuden wird einem klar, was an der Bruchstraße in Gangelt eigentlich geleistet wird.

Unterwegs auf dem riesigen Gelände der Katharina Kasper Via Nobis GmbH: Auf dem Rundgang mit Martina Flügel (Bild unten links, 2. v .r.) ging es vorbei am Reitstall. Ludwig Ott (unten rechts), Fachbereichsleiter Tagesstruktur, gab Einblicke in die Tierhaltung und die Landwirtschaft. Foto: Thorsten Pracht

Erst recht, wenn es zu Begegnungen mit den Bewohnern kommt, mit behinderten oder psychisch kranken Menschen, die tagsüber dort mit Freude ihrer Arbeit nachgehen, oder mit nicht-behinderten, die mit viel Enthusiasmus deren Betreuung übernehmen. „Hier ist Leben. Und hier ist Arbeit — für Menschen mit und ohne Behinderung“, sagt Martina Flügel am Ende des Rundgangs. Sie ist für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig und führte mit ihrer Kollegin Karina Wasch die Gruppe.

Geschäftsführer Martin Minten erläuterte die Tätigkeitsfelder der Katharina Kasper Via Nobis GmbH. Foto: Thorsten Pracht

Irgendwann vergisst man den überaus ernsten Zweck der Einrichtung, die Betreuung kranker und benachteiligter Menschen. Und wieder stimmt der Satz mit den Worten und den Beispielen. Das Wortungetüm „Tagesstrukturierende Maßnahmen“ löst spontan keine Begeisterung aus. Wer aber hautnah erlebt, was sich dahinter verbirgt, erkennt sofort die immense Bedeutung. „Es geht bei uns nicht ums Arbeiten, sondern darum, Verantwortung zu übernehmen, eine Struktur zu entwickeln“, erklärt Ludwig Ott, der für diesen Bereich zuständig ist.

Über 700 Tiere

300 Schweine, 350 Hühner und 100 Mastbullen gilt es zu versorgen, dazu unzählige Obst- und Gemüsefelder. „Wir sind heute noch weitgehend Selbstversorger“, sagt Ott. Von der Saat bis zur Verarbeitung lernen seine Klienten die Arbeit mit den eigenen Händen zu schätzen.

Und das ist wörtlich zu nehmen, denn Unkraut wird nicht gespritzt, sondern immer noch geharkt. Tagespläne werden erstellt, Aufgaben verteilt, Meinungsverschiedenheiten müssen geklärt werden — Erfahrungen, die psychisch kranke und Menschen mit Handicap weit nach vorne bringen.

Einige unserer Abonnenten haben selbst solche Menschen in ihrem direkten Umfeld. Gerade deshalb sind sie begeistert von den Möglichkeiten, die in der Katharina Kasper Via Nobis GmbH geboten werden, sind angesteckt von der positiven Atmosphäre.

Was das Ganze mit Katharina Kasper, dieser Frau aus Dernbach im Westerwald, zu tun hat, erklärt Minten der Besuchergruppe. „Sie wollte den Menschen zu ihrer Zeit Perspektive und Hilfe geben“, sagt Minten. Also gründete sie den Orden der Armen Dienstmägde Jesu Christi. Dessen Prinzip ist geblieben, wobei das Katholische heute keine vordringliche Rolle mehr spiele, erklärt Minten. Aber „beseelt zu sein“ von der Idee des Helfens, das sei immer noch eine wichtige Voraussetzung.

Zahlreiche Standorte

Heute besteht die Dernbacher Gruppe Katharina Kasper aus zwei Gesellschaften, die Katharina Via Nobis GmbH mit Sitz in Gangelt ist die kleinere der beiden. Zu ihr gehören die Fachklinik für psychiatrische Erkrankungen, das Katharina Kasper Heim sowie die Bereiche Eingliederungshilfe, Jugendhilfe und Ambulante Häusliche Pflege. Standorte finden sich in Geilenkirchen, Übach-Palenberg, Heinsberg, Erkelenz, Hückelhoven, Düsseldorf, Krefeld, Viersen Mönchengladbach und Wesseling - und das sind längst nicht alle.

„Daran sieht man auch, warum wir nicht mehr Gangelter Einrichtungen heißen“, erklärt Minten. 1600 Mitarbeiter in über 40 Berufsgruppen hat das Unternehmen, rechnet man die Arbeitsplätze im technischen Dienst und der Küche hinzu, sind es sogar 1900. Im Kreis Heinsberg sucht das seinesgleichen.

Trotz dieser beeindruckenden Zahlen kann das Angebot an vielen Stellen den Bedarf schon nicht mehr decken. „Die Zahl der psychiatrischen Erkrankungen nimmt zu“, berichtet Minten. Die 188 Betten in der Fachklinik seien „eigentlich für den Kreis Heinsberg nicht ausreichend“.

Die Klinik ist nahe an der Vollauslastung, und für nahezu alle anderen Bereiche wie die Tageskliniken (55 Plätze in Gangelt, Erkelenz und Heinsberg), die psychiatrische Institutsambulanz, das stationäre Wohnangebot (319 Plätze in Gangelt, Geilenkirchen, Heinsberg und Kleingladbach) oder das betreute Wohnen gilt Mintens Aussage: „Der Bedarf ist deutlich höher, nicht nur bei uns.“

Inklusion, Fachkräftemangel in der Pflege — es hätte noch viele Themen für das Gespräch mit Martin Minten gegeben. Aber es ist tatsächlich ein Nachmittag des Erlebens. Da ist die Gruppe mit Kleinkindern, die sich auf Ponys auf den Weg zum Therapeutischen Reiten macht.

Oder die Frau mit Handicap, die schon seit Jahrzehnten in der Einrichtung lebt, einen Container mit Altpapier über den Hof schiebt und die Gruppe in ein Gespräch verwickelt. Am Ende bedanken sich die Abonnenten herzlich für den Besuch in einer therapeutischen Einrichtung — dieser Nachmittag wäre sicher im Sinne von Katharina Kasper gewesen.