Heinsberg: Ein Hauch von Wehmut im Internet-Café

Heinsberg : Ein Hauch von Wehmut im Internet-Café

Ein Hauch von Wehmut, Nachdenklichkeit und Heimweh zieht vor und während der anstehenden Weihnachtsfeiertage sowie zum Jahreswechsel durch viele Internet-Cafés.

Hier treffen sich Menschen unterschiedlichster Nationalitäten, die meist eines verbindet: Sie möchten über das weltumspannende Netz Kontakt aufnehmen mit ihren Liebsten daheim, haben dazu in den eigenen vier Wänden aber keine Gelegenheit. Dies ist auch im Heinsberger Telecafé und Call-Shop von Gabi Fock in der Apfelstraße der Fall.

Doch nicht nur wegen der vielen Grußbotschaften in die Heimat ist dies eine Anlaufstelle für Kommunikation und Informationen suchende Menschen. Viele hoffen auf gute Nachrichten im neuen Jahr - besonders auch auf dem Arbeitsmarkt. Denn Gabi Fock und ihre Mitarbeiterin sind nicht nur Anbieterinnen von Telefonkabinen und Internetplätzen.

Vielmehr könnte man ihren Call-Shop auch als Auskunfts- und Vermittlungszentrale in Sachen Lebensfragen bezeichnen - ein unbürokratischer Wegweiser für Behördengänge und Dolmetscherdienste. Gabi Fock schlüpft beinahe in die Rolle einer Streetworkerin oder einer Sozialarbeiterin, die geduldig zuhört und antwortet.

Und auch wenn die PC- und Schreibkünste mal etwas schwächeln, der USB-Anschluss oder der Dateianhang einfach nicht funktionieren wollen, kommen schnell die Hilferufe: „Gabi, kommst du mal?” Dann verwandelt sich Gabi Fock auch schon mal in eine „Suchmaschine” und wird schnell fündig, wenn Jobbörsen, Bahn- und Flugauskünfte, die Agentur für Arbeit oder Ebay gewünscht werden.

Nicht verwunderlich, dass sie sich mit fast allen internationalen Kunden duzt. Und wenn man die teilweise sehr temperamentvollen und lauten Gespräche ungewollt belauscht, kommt auch schon mal fast Familien- und multikulturelle Markt-Atmosphäre auf.

Regelmäßig „online” ist auch der 21-jährige Anel, den es vor sechs Jahren aus dem Kosovo nach Heinsberg verschlug und der aus dem Call-Shop die Kontakte in seine Heimat pflegt. So auch der 19-jährige Muslim, der Heinsberg als „eine tolle Stadt” bezeichnet und sich freut, von hier aus zumindest per Telefon und Internet mit seinen Freunden und Angehörigen in Tschetschenien in Verbindung bleiben zu können. So sieht es auch Osseini Bagagnan, der aus dem afrikanischen Burkina Faso in die Kreisstadt kam.

Für nicht wenige ist Gabi Fock auch an Wochenenden bis gegen 22 Uhr die erste Anlauf- und Beratungsstelle, bevor sie dann zu Wochenbeginn zum Arbeitsamt, zum Sozialamt oder zur Krankenkasse gehen. Und wenn sie dann wieder zurückkommen, werden PC, Kopierer und das Fax gebraucht. Dies führt bei vielen ganz automatisch auch zu Fragen zum Ausfüllen von Formularen und Formulieren von Lebensläufen.

Durchaus kann sich Gabi Fock vorstellen, dass sie ihre Tätigkeit im Internet-Café mit einem angestellten Berufsverhältnis und genau der Arbeitsplatzbeschreibung tauschen könnte, die ihre jetzige Kundschaft mit ihren Fragen und Wünschen vorgibt. Doch bis auf weiteres hofft sie natürlich, dass ihre vor sechs Jahren nach dem Vorbild in Großstädten verwirklichte Geschäftsidee weiter auf Erfolgskurs bleibt und Generationen- und Nationen übergreifend angenommen wird. Sehr hilfreich sind ihr dabei ihre Englisch- und Französisch-Sprachkenntnisse.

Gerade jetzt ist es vielen etwas Kleingeld wert, um Kontakte mit Vater und Mutter sowie Verwandten und Freunden in aller Welt im Netz und per Telefon zu knüpfen und Grüße zu Weihnachten und Neujahr in ihre Heimat zu senden. Und für Wünsche wie „Merry Christmas and a Happy New Year” oder auch „Wesoly Boze Narodzenie” und „Szcezes´liwego Nowego Roku” nach Polen, die aus den Kabinen schallen und in die Tasten getippt werden, brauchen die Kunden auch nicht die Hilfe von Gabi Fock.