Kreis Heinsberg: Die Zahl der BMW-Diebstähle explodiert

Kreis Heinsberg : Die Zahl der BMW-Diebstähle explodiert

Ihre bis auf Weiteres produktivste Nacht hatten die Übeltäter zu Beginn der elften Kalenderwoche. Sechsmal schlugen die Diebe in der Nacht von Sonntag, 18. März, auf Montag, 19. März, binnen weniger Stunden zu. In Waldenrath verschwand ein BMW. In Millich verschwand ein BMW. In Breberen, Heinsberg, Höngen und Gangelt verschwanden BMW.

Wer die Berichte der Polizei liest, gewinnt den Eindruck, als würden die Fahrzeuge wie Äpfel vom Baum gepflückt. Bis zum Monatsende ging es munter weiter, so dass die Zahl der versuchten und vollendeten BMW-Diebstähle sich im März bislang (Stand: 29. März) auf 23 summiert. Man darf somit getrost von einer neuen Serie an BMW-Diebstählen sprechen. Und man muss feststellen, dass sie noch verheerender ist als die vorangegangene.

Mittlerweile ist die Halle wieder hergerichtet und einem anderen Verwendungszweck zugeführt worden. Foto: Roeger, Mönch

Niederbusch als Umschlagplatz

Versuchte und vollendete BMW-Diebstähle im Kreis Heinsberg. Grafik: ZVA/Thomas Heinen, Foto: Imago/westend61.

Die war an Aschermittwoch des vergangenen Jahres zu Ende gegangen. Damals war eine recht unscheinbare Lagerhalle in Gangelt-Niederbusch, gelegen unmittelbar an der deutsch-niederländischen Grenze, in Brand geraten, in den Trümmern entdeckte die Polizei zahlreiche gestohlene Autos, überwiegend BMW.

Damals stand schnell der Verdacht im Raum, dass von hier aus die Bande agiert hatte, die für die Diebstahlserie, die schon zuvor für breitere Berichterstattung in den lokalen Medien gesorgt hatte, zumindest zu einem beträchtlichen Teil verantwortlich war.

Dieser Verdacht erhärtete sich umso mehr, da die Diebstahlserie nun jäh abriss. Im Januar 2017 waren im Kreisgebiet noch zehn BMW verschwunden, im Februar elf, der Aschermittwoch, der Tag des Hallenbrandes, fiel dann auf den 1. März.

Und tatsächlich: Im März verschwand im ganzen Kreisgebiet kein einziger BMW, nicht einmal versuchter Diebstahl wurde der Polizei angezeigt. In den folgenden Monaten kam das zwar wieder vor, die Zahlen blieben insgesamt jedoch eher unauffällig. Seit diesem Februar sieht es nun so aus, als habe eine neue Bande die Lücke gefüllt, die die alte hinterlassen hat. Oder wurden nur die Akteure vor Ort ausgetauscht, und im Hintergrund wirken noch immer die alten Strukturen?

So oder so zeigt die Polizei sich alarmiert. „Wir nehmen den jüngsten Anstieg der Fälle mit Sorge zur Kenntnis“, sagt Polizeisprecher Karl-Heinz Frenken. Man habe Maßnahmen zur Verhinderung und zur Verfolgung der Taten getroffen. Was für Maßnahmen das sind, möchte Frenken nicht sagen, auch nicht, ob konkrete Spuren verfolgt werden. Festnahmen habe es jüngst jedenfalls nicht gegeben.

Alte Autos „schrottfrisiert“

Dass die Polizei sich bei laufenden Ermittlungen mit Informationen gegenüber der Presse zurückhält, ist der Normalfall. Schließlich will man den Tätern keine Anleitung dazu geben, wie sie den Ermittlern am sichersten entwischen. Und auch wenn es Festnahmen gab und die Staatsanwaltschaft übernimmt, bleibt der Informationsfluss oft eher spärlich, was auch damit zusammenhängt, dass möglichst kein sogenanntes Täterwissen öffentlich werden soll.

Denn zeigt ein Verdächtiger im Verhör Kenntnis von Sachverhalten, die er nur als Beteiligter kennen kann, ist das vor Gericht später womöglich ein starkes Indiz für seine Schuld. Sobald dieser Sachverhalt in der Zeitung gestanden hat, funktioniert das so natürlich nicht mehr. Der Verdächtige kann behaupten, eben begeisterter Zeitungsleser zu sein und so seine Informationen bezogen zu haben, das Gegenteil lässt sich kaum beweisen. Dementsprechend groß ist die Vorsicht, die die Ermittler walten lassen, um sich nicht ihre Arbeit kaputtzumachen.

Anders sieht es aus, wenn Straftäter angeklagt oder schon rechtskräftig verurteilt worden sind. Die Gerichtsverhandlung liefert dann mitunter detaillierte Einblicke in ihr Handeln. So ist es auch im Falle der Bande aus der abgebrannten Niederbuscher Halle gewesen. Wie nicht anders zu vermuten, wurden die gestohlenen Autos weiterverkauft, allerdings in der Regel nicht an einem Stück, sondern in Einzelteilen.

Doch nicht nur gestohlene Wagen fanden ihren Weg in die Halle. Die Bande verwendete ihre kriminelle Energie auch darauf, günstige BMW aufzukaufen, ganz legal: Unfallwagen, besonders alte Wagen, Wagen ohne Hauptuntersuchung. Deren Fahrzeugidentifikationsnummern wurden dann in modellgleiche, gestohlene Autos gestanzt. Anschließend fuhren die Täter mit dem gestohlenen Auto zum Straßenverkehrsamt und meldeten es mit den Papieren des gekauften Autos neu an, übertrugen also sozusagen die Identität des einen Autos auf das andere. „Schrottfrisieren“ nennt sich das in der Fachsprache.

Das ging lange gut, und niemand weiß, wie lange es so geblieben wäre, wäre nicht der eigene Leichtsinn der Bande zum Verhängnis geworden. An jenem Aschermittwoch 2017 nahm einer der Männer Schleifarbeiten an einem der Autos vor, offenbar ohne die notwendigen Schutzvorkehrungen. Es entstand Funkenschlag, das Auto geriet in Brand, dann die ganze Halle, das Unheil nahm seinen Lauf und war nicht mehr aufzuhalten.

Diese Angelegenheit ist mittlerweile juristisch abgeschlossen. Die Täter, drei Niederländer und ein Deutscher, sind am Landgericht teils zu langen Haftstrafen verurteilt worden. Der Haupttäter Roel G., 29 Jahre alt, muss für Diebstahl in 29 Fällen und insgesamt vier Fälle von Hehlerei und gewerblicher Hehlerei für vier Jahre und acht Monate ins Gefängnis. Sein Bruder Tim G., 25 Jahre alt, bekam für Diebstahl in sieben Fällen, Hehlerei in drei Fällen und Beihilfe zum Diebstahl in neun Fällen drei Jahre. Felix K, ebenfalls 25 Jahre alt, konnten Diebstahl in acht Fällen und Hehlerei in einem Fall nachgewiesen werden, was mit zwei Jahren und sechs Monaten geahndet wurde.

Die Urteile sind rechtskräftig. Gefängnisstrafen können in Deutschland nur bei einer Dauer von maximal zwei Jahren zur Bewährung ausgesetzt werden, die drei Männer müssen ihre Strafen also absitzen. Ein weiterer Beteiligter, Rob L., 39 Jahre alt, kam mit einer Geldstrafe davon. Ein fünftes Verfahren gegen Jaques G., den Vater von Roel und Tim G., wurde eingestellt.

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