Kreis Heinsberg: Die Reise führt hinein ins eigene Ich

Kreis Heinsberg : Die Reise führt hinein ins eigene Ich

Dieses Experiment hatte es so noch nie gegeben: Ungefähr in der Mitte des Zeltplatzes vom Haus St. Georg in Wegberg-Watern stand die „Mauer” - eine weithin sichtbare Trennlinie aus Zeltplanen, die das Gelände zerteilte.

Auf der einen Seite hatten die Jungs Quartier bezogen, auf der anderen Seite die Mädchen. Kontakte waren strengstens verboten. Aber warum nur? Rund 300 Jugendliche im Alter von 14 bis 16 Jahren waren Teilnehmer eines Lagers der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg (DPSG) im Diözesanverband Aachen unter dem Motto „Touch Green”. Ungestört vom anderen Geschlecht, sollten sie ihr Rollenbewusstsein erkunden.

Ihren Prinzipen blieben die Pfadfinder dabei treu. Mit einem Unterschied: Die Reise führt sie in diesem Falle nicht hinaus in die Natur, sondern hinein ins eigene Ich. Was ist typisch männlich? Was ist typisch weiblich? Gibt es so etwas überhaupt? Und verhält man sich anders in der Gesellschaft des anderen Geschlechtes? Fragen über Fragen, die es zu klären galt. Antworten suchten die Mitglieder der DPSG-Jugendstufe in Workshops.

„Es geht hier nicht um das Klischee, sondern darum, etwas Neues auszuprobieren”, erklärte Marie Mennicken vom sechsköpfigen Organisationsteam. Auch verfolge man keine „Aufweichung der Koedukation”. Dennoch: „Der geschlechtsspezifische Ansatz ist ein wichtiges Instrument innerhalb der Gruppenarbeit”, so Mennicken. Das Verhältnis von Jungs zu Mädchen betrug zwei zu eins.

Aus der Küche drang der verführerische Duft erlesener Spezialitäten: Auf dem Speiseplan standen unter anderem süß-scharfe Mandeln, Ingwer-Schoko-Pralinen und eine Limetten-Kardamohn-Torte - Backen auf die unkonventionelle Art. Das Angebot richtete sich genauso an die holde Weiblichkeit wie der Workshop „Entworfen von...” ein paar Gänge weiter.

Die Nähmaschine surrte, überall lagen Stoffe aller möglichen Kolorierungen zur Weiterverarbeitung bereit. In kreativer Arbeit entstanden Schals, Taschen, Verzierungen für Hosen, Geldbörsen, Armbänder und andere modische Accessoires. Außerdem erlernten die Mädchen - je nach Vorliebe - Grundzüge der Selbstverteidigung oder etwa die Kunst der Massage.

Die Jungs übten sich derweil am Bau einer Hollywoodschaukel. Sie sägten, hämmerten und wuchteten schwere Holzstämme in die Höhe. Funktionieren sollte es, die Ästhetik spielte eine eher untergeordnete Rolle. Männer und Gefühle - ein besonders heikles Thema, das im Workshop „Flugzeuge im Bauch” zur Sprache kam. Und mehr noch: „Wir begeben uns in Situationen, die Emotionen hervorrufen”, schilderte Kursleiter und Diözesanvorsitzender Michael Teubner.

Emotionen wie Betroffenheit, Trauer, Scham. Die Gruppe unternahm zum Beispiel einen Rundgang durch das vom Braunkohletagebau betroffene „Geisterdorf” Otzenrath, besuchte den Soldatenfriedhof in Mönchengladbach-Hardt und sah sich einen Dessousladen aus der Nähe an. „Die Hälfte der harten Männer ist da gar nicht rein gegangen”, erinnerte sich Teubner schmunzelnd an einige rote Ohren.

Auch die männliche und die weibliche Sexualität wurden thematisiert. Imponiergehabe, alberne Kichereien und peinliche Berührtheit reduzierten sich während der getrennten Aktivitäten merklich - so viel konnten die Organisatoren beim Pressegespräch schon einmal verraten. Geschlechtertrennung - ein Konzept mit Zukunft?

„Wir warten mal ab, was dabei herauskommt und dokumentieren es dann für den Bundesverband”, gab Stufenreferent Markus Kall Auskunft. „Mehr als einen Denkanstoß können wir nicht geben.” Die Trennung jedenfalls war von Anfang an nur eine auf Zeit: Am Abend des zweiten Tages wurde die Mauer eingerissen und in der Jurte - einer geräumigen Zeltburg - Wiedervereinigung gefeiert.