Aachen: Die kleinen Gestalter des Familienlebens

Aachen : Die kleinen Gestalter des Familienlebens

Der Gong ertönt. 13.15 Uhr. Schulschluss. Für die meisten jedenfalls. Stühle werden gerückt und Fahrradhelme schon im Klassenraum aufgesetzt. Doch nicht so bei Tom. Der packt ein wenig lustlos seine Tasche. Während die anderen sich in die „Freiheit“ begeben, geht es für Tom nur ein Stockwerk tiefer zur Nachmittagsbetreuung. Ein bisschen ärgert es ihn schon, denn er wäre ohnehin nur an zwei Tagen in der Woche vor 16 Uhr zu Hause.

So wie Tom geht es vielen Kindern. Laut AOK-Familienstudie arbeiten 50 Prozent der erwerbstätigen Eltern in Vollzeit und 36 Prozent in Teilzeit. Demnach begrüßen nur noch 14 Prozent der Mamas und Papas ihre Kinder schon kurz nach 13.15 Uhr mit frisch gekochtem Essen und Rundumbetreuung. Hausfrau ist out, Ganztagsschule, Nachmittagsbetreuung und Oma super in. Doch wie wirkt sich dieser Wandel auf Kinder aus? Verkümmert Tom, wenn er in der Kantine mit den Betreuerinnen und Betreuern isst oder mal wieder einen Zettel am Kühlschrank findet, mit der Anleitung, wie lange die Hühnersuppe in der Mikrowelle aufgewärmt werden muss?

Mother Helping Teenage Daughter With Homework

Mehr Personal

Klaus Hurrelmann sieht in der geschmälerten Präsenz der Eltern auch Vorteile: Von klein auf wirken Kinder an der Gestaltung des Familienlebens mit. Sie verbringen ihre Zeit nicht mehr nur allein mit den Eltern, sondern zusätzlich mit Personal in Kitas, in Schulen und mit Freizeit- und Medienangeboten. „Kinder werden hierdurch im Vergleich zu früheren Generationen selbstständiger und selbstbewusster“, sagt Hurrelmann in Welt Online.

Wenn Tom dann gegen halb fünf nach Hause kommt, hat er seine Hausaufgaben schon erledigt und setzt Kaffee auf. In ein paar Minuten kommt seine Mama von der Arbeit. Und da will er schon alles vorbereitet haben. In einem kleinen Kessel wärmt er langsam Milch auf und schüttet Kakaopulver hinein. Seine Mutter kommt noch leicht gestresst in die Küche, aber dieses Gefühl verfliegt ganz schnell, als sie ihren selbstständigen Sohn dort stehen sieht. Aus ihrer Arbeitstasche fischt sie ein neues Kartenspiel heraus, und gemeinsam überbrücken sie damit die Zeit, bis auch Papa von der Arbeit kommt. Dann wird gespielt, gelesen und getobt. Zu Neudeutsch nennt man sowas Quality-Time.

Die Kinderstudie 2010 bestätigt, dass die Kinder selbst es völlig in Ordnung finden, wenn Mutter und Vater arbeiten gehen. Hurrelmann sagt hierzu in Die Zeit: „Sie sind mit der zeitlich eingeschränkten Zuwendung ihrer Eltern unter der Bedingung zufrieden, dass diese zuverlässig und sicher ist. Auch wissen die Kinder genau, wie wichtig die Berufstätigkeit für die finanzielle Lage des Haushaltes ist, und sie fürchten nichts mehr als Arbeitslosigkeit und damit verbundene Armut.“

Als es Nachmittagsbetreuung und Ganztag noch nicht gab, mussten oft auch die Omas und Opas herhalten. So war das auch bei mir. Mit Opa habe ich Matheaufgaben gemacht, Oma hat mir das Stricken und Backen beigebracht. Ob ich in meiner Kindheit nun eine intensivere Beziehung zu meinen Großeltern aufgebaut habe und Oma Mamaersatz war, kann man sich fragen. Meine Antwort ist nein. Ich habe die Zeit und die Unterschiede auf beiden Seiten genossen und wohl ein intensiveres Verhältnis zu Oma und Opa als manch anderes Kind, das die Großeltern nur zu Feiertagen und Geburtstagen sieht.

„Ich bin zu müde“

Wichtig ist nicht, dass Eltern die ganze Zeit für ihre Kinder präsent sind. Wichtig ist, dass die Zeit, die sie mit ihren Kindern verbringen, wertvoll ist. Ein „Ich bin zu müde“ oder „Ich habe darauf nun wirklich keine Lust“ dürfen sich Elternteile, die Vollzeit arbeiten und wenig Zeit für ihre Kinder aufbringen können, nicht so oft erlauben. Andererseits ist ein sich permanentes Sehen auch nicht immer von Vorteil, da Eltern-Kind-Beziehungen in Alltag und Selbstverständlichkeit versinken. „Lass uns das doch später machen“, kommt dann vielleicht von Mama, die im Haushalt alle Hände voll zu tun hat.

Laut Huffington Post kommt die zusätzliche Berufstätigkeit der Mutter den Kindern besonders in ihrer Wesensbildung und im späteren Leben zugute, sie seien seltener verhaltensauffällig. Töchter arbeitender Mütter erhielten zudem eine bessere Bildung und hätten später bessere Jobs. Söhne arbeitender Mütter kümmerten sich später mehr um Haushalt und Familie. Töchter von „Working Moms“ haben bessere Jobs.

Dies ist kein Appell, Kinder nun noch mehr von zu Hause fernzuhalten und sie permanent in Internate und Sommercamps zu stecken. Es ist eher ein Appell, trotz Abwesenheit für die Kinder anwesend zu sein.

Der Wecker klingelt. 09.30 Uhr. Wochenende! Es duftet nach frischen Pfannkuchen und warmem Kakao. Heute gehen Tom und seine Eltern nach einem ausgiebigen gemeinsamen Frühstück in den Zoo. Schon am Abend zuvor hat er seinen Rucksack gepackt. Er freut sich seit Wochen auf diesen Tag. Am Montag wird er in der Nachmittagsbetreuung bestimmt davon berichten.