Erkelenz: Die Frisörlegende Thelen und andere Verirrungen

Erkelenz : Die Frisörlegende Thelen und andere Verirrungen

Marc Breuer, besser bekannt als „Brüh” und eine Hälfte des Rurtal Trios, hatte eine schwere Kindheit. Und von der erzählte er am Freitag im ausverkauften „großen Festsaal” der Leonhardskapelle bei der Premiere seines neuen Soloprogramm „Omma, Prinz Charles und ich”.

Aufgewachsen in Brachelen bei Hilfarth bei Hückelhoven im Kreise seiner direkten Familie und einer unüberschaubaren Zahl von engeren und weiteren Anverwandten wuchs er heran, bis er aufbrach nach Köln, das sich aber auch nicht als weit genug weg von seiner Heimat entpuppte. Denn allzu oft klingelte es an der Tür seiner Studentenbude - und es war nicht der GEZ-Fahnder, sondern seine Mutter, die ihn durch die Gegensprechanlage davon unterrichtete, dass sie noch „einen Gutschein vom Kaufhof” habe und ihn deshalb „mal überraschen” wollte.

Eine Situation, die so ziemlich jedem Zuschauer auf die eine oder andere Art bekannt vorkam. Trotzdem plädierte Brüh voller Inbrunst für die Familie und das, was man mit ihr so alles erleben kann. Und davon erzählte er ausgiebig. Von der die Sparsamkeit anmahnende Sanduhr, die akribisch den Achtminutentakt neben dem in Kordfutteral verpackten Telefon im kalten Flur angab, von der Sparwut der Eltern, was Strom- und Ölverbrauch betraf, von Tante Lenis 70. Geburtstag, den sie „richtig groß feiern” wollte. Das sind Themen, aus denen man Legenden stricken kann.

Zu mindestens 98 Prozent wahr

Und Breuers Legenden kamen beim Publikum an. Vor allem, da sie „zu mindestens 98 Prozent wahr” seien, wie er am Anfang seines Auftrittes versicherte.

Mit dem Auftritt in der Leonhardskapelle hatte sich Brüh erstmals mit dem in das Kernland seines humoristischen Schaffens getraut. Auch wenn er diesmal ohne Feuerwehrhelm und ohne seinen komödiantischen Kompagnon Mahoni vor das Publikum trat, war doch viel vom unsterblichen Löschmeister Josef Jackels zu spüren. Denn sein Vortrag tat keinem weh und versprühte dieselbe liebenswerte Naivität, die man an dem Saffelener Urgestein im Laufe der Jahre zu schätzen gelernt hat.

So konnte man es dem jungen Marc auch verzeihen, dass er mit einer Gehwegplatte einer angeschossenen Zuchttaube den Garaus gemacht und in Ommas Miedern Modenschau gespielt hatte. Es kam immer liebenswert und irgendwie bekannt daher, gerade so, als habe man dasselbe oder ähnliches auch erlebt.

So war es nicht verwunderlich, dass das Publikum viele der angesprochenen Themen nur allzu gut kannte und nachvollziehen konnte.

Zum Beispiel den unvergesslichen Slogan von Ommas Duftwasser, „Mit Tosca kam die Zärtlichkeit”, oder die Tatsache, dass man im Laufe der Jahre seinen Eltern auf erschreckende Art und Weise ähnlicher wird „vor allem, was den Geiz bei den Heizkosten betrifft”.

Und hatte nicht jedes Dorf in dieser Gegend seine eigene „Frisörlegende Alois Thelen”, die nur einen Haarschnitt für Männer, Frauen und Kinder kannte? Hat nicht jeder schon ganze Nachmittage damit verbracht, mit einem ausrangierten Kartoffelmesser das Unkraut zwischen den Gehwegplatten der Auffahrt zu beseitigen? Und ist der Umgang der Eltern mit modernen Errungenschaften wie Mobiltelefonen nicht ebenso skurril wie der von Mutter Breuer?

So werden die Zuschauer bestimmt in nächster Zeit noch oft an Brühs unvergleichliche Erzählungen denken, wenn sie sich zum Filterkaffee mit Süßstoff bei den Eltern in der Wohnküche einfinden und gemeinsam in Erinnerungen schwelgen oder von der Nachbarstocher hören, die als „Amp?re-Mädchen” nach Paris gegangen ist.