Erkelenz: Dichterin Leah Thorn berichtet Schülern vom Holocaust

Erkelenz : Dichterin Leah Thorn berichtet Schülern vom Holocaust

In der neuen Mensa der Gemeinschaftshauptschule ging es um ein ernstes Thema. Die englische Dichterin Leah Thorn war zu Besuch und erzählte den Schülern der zehnten Klasse von ihren Erfahrungen als Tochter einer Erkelenzer Jüdin, die in letzter Minute vor dem Rassenwahn der Nazis gerettet werden konnte.

Die Großeltern Erna und Leopold Leyens kamen ums Leben. Die Schüler lauschten gebannt, was der Gast aus England zu erzählen wusste. Von dem lebenslangen Leid und der Trauer der Mutter Hannelore, die den Verlust der Eltern und der Heimat nie verschmerzen konnte. Zeitlebens habe sie ein tiefes Misstrauen gegen alle Nichtjuden empfunden und sei oft in Tränen ausgebrochen, wenn sie die deutsche Sprache hörte.

Als Kind, so berichtete Thorn, habe sie nicht verstanden, weshalb ihre Mutter oft so traurig gewesen sei. Auch habe sie immer gefragt, weshalb sie denn keine Großeltern habe. Ein Thema, über das bei ihr Zuhause nicht gesprochen werden durfte.

Trotz aller Ängstlichkeit habe sie ihre Mutter, die vor knapp zwei Jahren gestorben ist, immer als starke Frau erlebt. Eine Frau, die ihre Kinder um jeden Preis beschützen wollte. So durfte die junge Leah weder Rad fahren noch schwimmen lernen.

Später, so erzählte sie den Schülern, sei sie zu einem wahren „Holocaust-Junkie” geworden. Sie wollte alles erfahren, was mit dem Thema zu tun hatte und verstehen, wie es soweit kommen konnte. So sei ihre persönliche Geschichte geprägt von den traumatischen Erfahrungen ihrer Mutter und ihres Onkels Gerry. Sie habe sich mit ihrer Rolle als Jüdin und Tochter eines Holocaust-Opfers auseinandersetzen müssen.

Dies führte unter anderem zu einem Psychologiestudium und zu ihrem späteren Beruf. Denn als Dichterin könne sie heute literarisch die Steine für ihre verschollenen Großeltern legen, die kein Grab haben, an dem die Nachkommen trauern können. Die Steine, die Juden auf die Gräber ihrer Verstorbenen legen, sollen die Unzerstörbarkeit und Ewigkeit des Lebens symbolisieren.

Bei ihrem ersten Besuch in Erkelenz in Begleitung ihres Onkels Gerry war Leah Thorn 17 Jahre alt. Damals habe sie sich geweigert, auf dem Marktplatz das Auto zu verlassen. Zu tief saßen die Ängste und Vorurteile gegen die Deutschen.

Zwischenzeitlich habe sie jedoch gelernt, dass „nicht alle Deutschen schuldig waren”. Dies erkannte auch die Mutter, die vor ihrem Tod noch mehrmals in Deutschland zu Besuch war und neue Freundschaften schloss. Unter anderem mit Elfriede und Margarete Morjan, die sie noch aus ihrer Kindheit in Schwanenberg kannte. Auch mit Gisela und Dieter Neßler, die sich im Heimatverein und für die Route gegen das Vergessen engagieren, verband sie eine innige Freundschaft.

Die Schüler lauschten den Worten des Gastes, der von Ruth Cremers-Sieben übersetzt wurde. Natürlich hatten sie viele Fragen an Thorn, die diese gerne und ausführlich beantwortete. Von diesem Besuch werde sie auf jeden Fall die Erfahrung mitnehmen, dass ihr mit Respekt und Freundschaft begegnet worden sei, erklärte sie.

Den Schülern wird der Besuch sicher auch lange in Erinnerung bleiben, da er anschaulich vermittelte, wozu der Geschichtsunterricht nur bedingt in der Lage ist.