Kreis Düren: Der Weg in ein Leben ohne Gewalt: Hohe Dunkelziffer

Kreis Düren : Der Weg in ein Leben ohne Gewalt: Hohe Dunkelziffer

„Je länger eine Frau in einer gewalttätigen Beziehung bleibt, desto schwieriger wird es, den Weg hinauszugehen“, weiß Sonja Waltl vom Verein „Frauen helfen Frauen“. Bleiben aber sei ein Signal des Verzeihens. „Dabei ist es wichtig, sofort das Zeichen zu setzen: Du kannst nicht alles mit mir machen“, ergänzt Petra Müller.

Studien zufolge erlebt jede dritte Frau in ihrem Leben Gewalt. 25 Frauen und 16 Kinder haben im vergangenen Jahr im hiesigen Frauenhaus gelebt. Das geht aus dem Jahresbericht hervor. Elf von ihnen waren bis zu 25, acht zwischen 26 und 40 Jahre alt, sechs waren älter.

Die Expertinnen gehen aber von einer hohen Dunkelziffer von älteren Frauen aus, die Gewalt ausgesetzt sind. Sie nehmen an, dass nur wenige Frauen der Nachkriegsgeneration Hilfe suchen. Fünf Frauen ab 60 Jahren wurden zwischen 2011 und 2014 im Frauenhaus betreut. „Drei von ihnen sind wieder zu ihrem Mann zurückgegangen, weil sie es sich nicht vorstellen konnten, noch mal neu zu starten“, sagt Sonja Waltl.

Die Frauen, die im Nachkriegsdeutschland aufgewachsen sind, seien von der Generation der Mütter geprägt. Wie wichtig Zusammenhalt in schweren Zeiten ist, hätten sie früh gelernt. Es sei die Generation, in der der Spruch „bis der Tod euch scheidet“ großes Gewicht habe und in der familiäre Probleme „niemanden etwas angehen“.

Eine starke emotionale und finanzielle Abhängigkeit halte Frauen zudem oft davon ab, die entsprechenden Schritte zu wagen. So freuen sich Sylvia Waltl und Petra Müller über eine 60 Jahre alte Frau aus dem Kongo, die Hilfe gesucht und den Schritt in ein neues Leben gewagt hat.

Zum ersten Mal hat „Frauen helfen Frauen“ im vergangenen Jahr ein Sommerfest organisiert, bei dem Bewohnerinnen des Frauenhauses Frauen, die den Neustart bereits gewagt haben, begegnet sind. „Sie konnten den anderen Frauen zeigen, dass es ein Leben danach gibt und dass es ein besseres Leben ohne Gewalt ist“, schildert Petra Müller.

Für eine entsprechende Nachsorge und Gespräche stehen die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses dann bereit. 13 Frauen wurden im vergangenen Jahr in ihrer eigenen Wohnung betreut. „Es wird jedoch immer schwieriger angemessenen Wohnraum für die Frauen zu finden, der mit den Hartz-IV-Sätzen vereinbar ist“, beschreiben die Verantwortlichen. Die Verweildauer der Frauen im Frauenhaus ist im vergangenen Jahr um 29 auf 91 Tage gestiegen.

Wenn vom demografischen Wandel die Rede ist, denkt wohl kaum jemand an Frauenhäuser. Aber auch diese müssen sich auf die älter werdende Gesellschaft vorbereiten. „Die wenigsten Frauenhäuser — das betrifft auch unseres — sind barrierefrei“, weiß Sonja Waltl. Dies sei aber zunehmend wichtig. So gebe es auch Frauen, die im Alter erstmals mit häuslicher Gewalt konfrontiert seien, beispielsweise wenn der Partner in Rente geht.

Beim Blick in die Zukunft hofft der Verein „Frauen helfen Frauen“ auch auf eine einheitliche Finanzierung der Frauenhäuser in NRW. Bislang sei viel bürokratische Arbeit nötig, bevor die eigentliche psychosoziale Arbeit in den Frauenhäusern beginnen könne. Im Kreis Düren habe man mit der Jobcom gute Wege gefunden. Gleichwohl sei es wichtig, dass die Frauen zeitnah zur Ruhe kommen können, statt sich mit Behördengängen zu befassen.