Erkelenz: Der sehr lange Kampf gegen das Heroin

Erkelenz : Der sehr lange Kampf gegen das Heroin

Sein Buch „Lass mich die Nacht überleben” sorgt derzeit für Aufsehen.

Darin schildert der aus Erkelenz stammende Journalist Jörg Böckem schonungslos und offen sein teilweise bizarres Leben, das fast ausschließlich auf seinen langjährigen Weggefährten ausgerichtet war: Heroin.

Böckem startete seine fast zwei Jahrzehnte dauernde Irrfahrt in Erkelenz: Dort gibt er in den 80ern mit Freunden eine Underground-Zeitung heraus und sammelt erste Schreiberfahrungen, während er bereits hochgradig heroinabhängig ist.

Als Schülersprecher am Cusanus-Gymnasium probt er die Revolte gegen jede Norm, dealt und schmuggelt. Wenige Tage vor den mündlichen Abiturprüfungen sitzt er in Amsterdam in U-Haft.

Er schlägt sich als Fernfahrer, Hilfsarbeiter und Aktmodell durch, macht sogar in einem Pornofilm mit. Doch das Abenteuer ist schnell zur Sucht geworden, die Euphorie dem grausamen Junkie-Alltag gewichen.

Die Droge hat ihn begleitet vom niederrheinischen Provinz-Punk bis zum Journalisten in der Medienstadt Hamburg.

Doppelleben

Dabei zwang sie ihn zu einem jahrelangen Doppelleben: tagsüber die Interviews mit Schauspielern und Popstars, nachts die Suche nach Dealern und Drogen. Zu Spitzenzeiten brauchte er rund 500 Mark täglich.

Am Ende hätte seine Sucht ihn fast umgebracht. Nach drei Therapien und vielen ambulanten Versuchen hat er sie vor drei Jahren besiegt.

„Aufarbeitung” war nicht das Motiv für Böckem, dieses Buch zu schreiben. „Am Anfang stand die Idee, dass sich diese Geschichte lohnt, erzählt zu werden. Ich fühle mich nicht schuldig. Ich habe niemandem bleibenden Schaden zugefügt, abgesehen von mir selbst”.

Die Ursachen für seine lange Sucht sieht er nur in sich selbst. „Ich hätte ja zum Beispiel auch eine Band gründen können. Aber ich war immer ein ungeduldiger Mensch, und Drogen zu nehmen hatte den Vorteil, dass ich es nicht erst lange üben musste.”

„Vielleicht”, so fügt er nach kurzem Überlegen hinzu, „hilft das Buch einigen Lesern gegen die Neugier, die oft am Anfang der Sucht steht”. Er beschreibt die Wirkung der Droge und entzaubert sie damit. Denn letztendlich bleibt nichts außer der kurzfristigen Linderung eines Schmerzens, den man sich selbst zufügt.

Böckems Geschichte spielt auch in und um Erkelenz. Hier hat er seine ersten Drogenerfahrungen gesammelt. Wäre seine Jugend anderswo auch anders verlaufen? „Wahrscheinlich nicht, das hat mit Erkelenz nichts zu tun. Meine Kindheit auf dem Dorf war durchaus idyllisch. Und auch Erkelenz hatte seine Vorzüge. In einer überschaubaren Szene ist es viel leichter, seine Rolle zu finden und sich zu entfalten.”

Es war eine Station auf einem Weg, den er von seinem heutigen Standpunkt aus als beinahe zwangsläufig betrachtet. „Vielleicht musste das alles passieren, damit ich heute sein kann, was ich bin.”

Sein heutiges Verhältnis zu Erkelenz ist freundlich, aber seine Heimat hat er in Hamburg gefunden. Dort fühlt er sich Zuhause. Ob er sich vorstellen kann, irgendwann noch einmal hier zu wohnen? „Nein! Wenn ich wirklich die Wahl habe, muss es nicht Erkelenz sein. Ich fühle mich in Hamburg Zuhause. Ich komme trotzdem gerne nach Erkelenz - auf Besuch.”

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