Kreis Düren: Der schwierige Weg zum gesunden Gewicht

Kreis Düren : Der schwierige Weg zum gesunden Gewicht

Mit Diäten und Sport ist es bei den Menschen, die die Selbsthilfegruppe von Christel Scharfenort besuchen, nicht mehr getan.

„Mein schwerster Teilnehmer wiegt 290 Kilogramm und ist knapp 50 Jahre alt, ein 44-Jähriger wiegt 275 Kilogramm, ein 22-Jähriger 130 Kilogramm und ich selber habe bei einer Größe von 170 Zentimetern vor gut zehn Jahren noch 170 Kilogramm auf die Waage gebracht“, berichtet Christel Scharfenort, die Leiterin der Selbsthilfegruppe Adipositas.

Christel Scharfenort leitet mehrere Selbsthilfegruppen für stark übergewichtige Menschen. Foto: gkli

Adipositas bedeutet „Fettleibigkeit“. Die betroffenen Personen haben vielfältige Probleme im Alltag. Werden sie in einem Krankenhaus operiert, müssen ein Schwerlasten-Operationstisch und ein Schwerlasten-Bett her. Sportliche Betätigungen bei einem Body Mass Index (BMI, siehe Infokasten) von über 60 würden dem Körper mehr schaden als gut tun, weil sie den Gelenken zu großen Schaden zufügt. Alle Personen, die einen BMI von unter 60 haben, sollten zwei Stunden pro Woche Sport treiben.

Hilfreicher Austausch

Da sind guter Rat und hilfreicher Austausch angebracht. Hilfe streben 98 Prozent der Menschen, die die Selbsthilfegruppe Adipositas besuchen, in erster Linie mit einer Bariatrische-Operation an. Scharfenort: „Bei dieser Operation wird der Magen verkleinert.“ Doch rein mit mechanischer Hilfe kommen die Betroffenen in der Regel nicht klar.

Ratsam ist immer auch eine begleitende Psychotherapie, denn bei Adipositas liegen oft tiefere psychische Ursachen vor. Die Fachfrau erzählt weiter: „Aufgrund frustrierender Lebensereignisse versuchen Menschen nicht selten, sich seelisch mit Nahrungsmitteln zu trösten.“ Auch werde häufig das erste Taschengeld in Süßigkeiten umgewandelt. Irgendwann verlieren die Personen dann ihr Gewicht aus den Augen.

Christel Scharfenort, Mutter einer Tochter, begann bereits als Jugendliche, sich ein dickes Fell anzuessen. In einem Hochzeitskleid Größe 46 trat die junge Frau vor den Traualtar. Die Industriekauffrau und medizinische Fußpflegerin aß immer weiter. Als sie — inzwischen schwergewichtig — 2004 mit einer Bauchdeckenwundrose im Krankenhaus lag, sagte ein junger Arzt zu ihr: „Wollen Sie nicht einmal etwas gegen ihr Übergewicht tun?“ Eine Magenverkleinerung wurde durchgeführt, die Betroffene suchte Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe.

Seit zehn Jahren leitet sie, heute 65 Kilogramm schwer, ehrenamtlich Selbsthilfegruppen in verschiedenen Städten, zum Beispiel Köln, Grevenbroich, Dormagen, Wuppertal und eben Düren. Die Treffen werden derart gut besucht, dass sie nicht selten in Vortragssälen von Krankenhäusern durchgeführt werden müssen. In Köln kommen über 100 Menschen regelmäßig zusammen, in Düren im St.-Marien-Hospital sind es in der Regel 20 bis 30 betroffene Personen.

Egal, ob es um Lymphdrainage, magenverkleinernde Operationen oder auch Kostenübernahmen geht — die Mitglieder der Selbsthilfegruppe tauschen ihre Erfahrungen aus und greifen dabei auch gerne auf den reichen Erfahrungsschatz von Christel Scharfenort zurück. Auch kommt regelmäßig ein Facharzt zu Besuch, um Vorträge zu halten und Fragen zu beantworten.

Ein Entwicklungsland

„Auf dem Gebiet der Magenverkleinerungen ist Deutschland ein Entwicklungsland“, sagt Christel Scharfenort. Das sehe etwa in Holland oder Österreich ganz anders aus, da würden die Kosten viel schneller und einfacher übernommen.

Die Leiterin der Selbsthilfegruppen erzählt von einem Mann, 270 Kilogramm schwer, der sieben Jahre lang dafür kämpfte, dass die Kosten für seine magenverkleinernde Operation von der Kasse übernommen werden.

Nicht nur mit praktischen Problemen im Alltag, zum Beispiel mit störenden Stuhllehnen, werden die fettleibigen Menschen konfrontiert. Schwere körperliche Beschwerden wie etwa Diabetes, Fettstoffwechselstörung und Bluthochdruck sind die Folge. „Viele Probleme werden leider totgeschwiegen, dagegen gehen wir an“, sagt die Fachfrau. Die Gruppenteilnehmer reden sich mit dem Vornamen an, generell gilt Verschwiegenheit. Scharfenort: „Alles bleibt in der Gruppe. Leute, die das nicht beherzigen, werden ausgeschlossen.“

Christel Scharfenort erinnert sich an einen Moment, in dem sie ihre wiedergewonnene Freiheit aufgrund des massiv verlorenen Gewichts in vollen Zügen genoss: „Meine Tochter studierte in Wien und machte ihre Diplomprüfung. Ich buchte einen Flug und wollte sie überraschen. Zum ersten Mal brauchte ich im Flugzeug keinen Festschnalladapter, um den Gurt zu längen — ein wahnsinnig tolles Gefühl.

Auch konnte ich zum ersten Mal den Tisch vor mir herunterklappen, als ich im Flugzeugsitz saß. In Wien angekommen fuhr ich zu meiner Tochter. Sie kam aus dem Prüfungsraum heraus und ich saß da auf einer Bank mit einem großen Strauß Rosen im Arm, da liefen uns die Tränen.“